Samstag, 2.Juni 2001
Die WISE GUYS im Gymnasium Hückelhoven

Warum Hückelhoven? fragte ich mich beim Blick in die Straßenkarte. Wieso war mir beim Kartenkauf nicht klargeworden, dass das eine umständliche und relativ weite Fahrt werden würde? Ich hatte noch nicht mal Verwandte in der Nähe wohnen, die eine 70 km-Strecke in die Pampa irgendwie rechtfertigen würden. Klar, nach Berlin oder München wäre es eindeutig weiter, aber da könnte man wenigstens das Weltstadtflair miteinbeziehen. Aber Hückelhoven? Also manchmal zweifelte sogar ICH an meinem Geisteszustand.

Die Überraschung waren allerdings die Eintrittskarten, die nach der telefonischen Bestellung mit der Post kamen. Hätte ich in dieser ungewöhnlichen Form nicht erwartet. Zumindest nicht in Hückelhoven.

Quizfrage: Wer sponserte die Eintrittskarten in Hückelhoven?

A:  Das örtliche Fischgeschäft
B:  Der örtliche Optiker
C:  Niemand, die können nur nicht viereckige Karten ausschneiden

Die Lösung kann auf eine Karte geschrieben werden. Oder auch nicht.
(Richtig ist natürlich Antwort B.)
 

Der Konzertbesuch begann mit einem großen Blick aus Rüdigers Augen und einem entsetzten: “Hückelhoven???” Als ich es ihm flüchtig auf der Straßenkarte zeigte, “...nur hier lang, hier lang, da auf die Autobahn und an Erkelenz vorbei und schon da!” warf er mir einen fassungslosen Seitenblick zu und sagte grimmig: “Aber sonst geht’s dir gut?” Ich nickte entschieden und freute mich 1. auf’s Konzert, 2. über meinen verständnisvollen Mann und 3. überhaupt. Außerdem fand ich es ganz geschickt, dass ich ihm bis zu diesem Tag nur den Termin des Konzertes genannt hatte, nicht aber den Ort. Hatte mir wahrscheinlich eine Menge Diskussionen und Fragen erspart. So hörte ich ihn nur immer mal “Hückelhoven!” grummeln, oder: “Da wollt ich immer schon mal hin.”

Die Fahrt war sehr interessant. Tatsächlich waren wir noch nie in dieser Gegend gewesen. Es gab Windräder zu sehen, die Spitze eines großen Tagebaubaggers, Windräder und noch ein Windrad. In Hückelhoven war dann der Bär los! Die hatten da ein McDonald (zwar erst in 2400 m, aber immerhin), außerdem gab es ein Schwimmbad mit Riesen-Außenrutsche und eine komplette, laut wummernde Kirmes! Die stand genau neben der Schule, in der das Konzert stattfinden sollte, und war sozusagen das Vorprogramm. Die Aula von innen war wieder mal ein schönes Beispiel für die wunderbaren Betonarbeiten der 70er-Jahre und sogar das Orange der Wände hatte den Jahrzehnten getrotzt, bis es jetzt wieder modisch ganz aktuell war. Auf einigen Wise Guys Plakaten im Foyer klebte das Schild ‘Ausverkauft’ und es war nicht ganz klar, ob es nur für Eddi, oder die gesamte Truppe galt.

Als die Wise Guys auf die Bühne kamen, gab es zunächst einen erstaunlich langen Begrüßungsapplaus mit Gejohle. Am Tag davor hatte das Konzert in Trier wegen einer Nebenhöhlenentzündung bei Clemens ausfallen müssen, darum waren alle froh, dass er schon wieder auf der Bühne stehen konnte.  Die Wise Guys begannen ohne weitere Ansage mit “Mädchen, lach doch mal” und sofort rissen zwei Grundschulmädchen in der ersten Reihe ein großes Plakat hoch und verdeckten damit die Sicht für die hinter ihnen sitzenden Leute. Warum heißen diese Dinger eigentlich ‘Transparent’ wenn sie es nicht sind?? Ich hoffte gemeinerweise, dass den zarten Mädels die dünnen Ärmchen bald lahm werden würden, denn einen ganzen Abend lang vom Hauptsänger nur die Beine zu sehen, hätte ich nicht so prickelnd gefunden. Aber das Plakat galt nur für dieses Lied und ich war beruhigt als es beim Schlußapplaus wieder zusammengerollt und unter den Stühlen versenkt wurde. War ja lieb gemeint und die beiden bekamen von Clemens auch ein strahlendes Extralächeln dafür.

Dän freute sich, dass es in der Woche zuvor 12.000 Zuschauer beim Tanzbrunnen gegeben hatte und jetzt in Hückelhoven extra eine Kirmes gemacht wurde, weil die Wise Guys kamen. Seine Rede wurde von einem Geräusch unterbrochen, einem lauten, tiefen ‘Böööööööööööh!!’. Gelächter im Publikum und eine kurze Ergänzung von Dän, dass es gelegentlich Störgeräusche geben würde, von denen nachher Reinhard am Ton sagen würde, dass es nicht seine Schuld gewesen wäre. In das Gelächter hinein kamen zwei verspätete Besucher, die von Dän superfreundlich persönlich begrüßt und mit Bemerkungen begleitet wurden, bis sie saßen. “Guten Abend. Hier ist noch nicht viel passiert. Wir haben eben ‘Mädchen lach doch mal’ gesungen und dann gab’s noch einen Störton. Das war’s.” Alle anderen Zuschauer guckten die Zuspätkommer an, grinsten fröhlich und waren heilfroh schon in ihren Sesseln zu sitzen. (Für Insider: Ein typisches Skorpion-Verhalten ist es, andere Leute vor versammelter Mannschaft mit treffenden Bemerkungen freundlich bloßzustellen. Es soll Skorpione geben, die so etwas nie machen würden!?!)

Der gestern kranke, heute noch blasse, aber dennoch wieder etwas gesündere Clemens musste auch beim folgenden “Frühlingslied” die Hauptstimme übernehmen. Es wurde viel über den Text gelacht und die Atmosphäre in der Aula war heiter und locker. Bei der Umfrage stellte sich heraus, dass es eine kleine Überzahl von Neuhörern gab, aber nur ganz wenige Hückelhovener. Kein Wunder, denn die waren ja draußen auf der Kirmes, um die Wise Guys zu feiern. Und gleichzeitig feiern und in der Aula sitzen war ja nicht gut möglich. 

Beim “RTL-Lied” gab es gleich zu Beginn weiteres Störgeklopfe und lautes Knacken in den Lautsprechern. Fragende Wise Guys Blicke zu Reinhard und eine deutliche Bewegungseinschränkung ihrerseits im weiteren Liedverlauf. Alle bewegten sich langsam und sehr vorsichtig, bloß keine ruckartigen Bewegungen, denn keiner wußte, wer der Verursacher der Knackgeräusche war. Am Ende des Liedes drehten sich alle fünf gleichzeitig und damit natürlich *total unauffällig*, halb nach hinten und fummelten an ihren Sendern herum. Den Preis für den losesten Stecker bekam übrigens Sari. 

Das  “Mauerlied” begann und die Jungs setzten so blöde Gesichter auf, dass der Durchschnitts-IQ  bei etwa 7 liegen musste, wobei besonders Eddi und Dän den Wert gewaltig nach unten zogen. Ich hab’s ja nun wirklich schon oft gesehen, aber ich kann mich immer wieder über ihre blöden Gesichter kaputtlachen! Die Zuschauer fanden es auch witzig und applaudierten anschließend viel. Die Stimmung im Publikum war sowieso sehr gut und auffällig locker. Allerdings wurde nicht sehr euphorisch geklatscht und das Gelächter war zwar sehr vergnügt, aber leise. Leichte Zurückhaltung in der Zuschauerreaktion also, aber trotzdem gute Laune.

Bei der “heißen Liebe” drückte Clemens völlig ungewohnt und grinsend das Rassel-Ei in die Hand von Ferenc, anstatt es zu werfen (gab es da mal eine Panne?), dann sang er verschiedene Mädchen in der ersten Reihe an, die alle völlig überrascht, kichernd und sehr verlegen in den Tiefen ihrer Sessel versanken.

Etwas später die “Philosoffen”, die sehr locker gebracht wurden und bei denen leise gelacht wurde. Ich finde das Lied einfach klasse, aber es kommt sehr unterschiedlich an. Mal wird viel, mal kaum gelacht. Hängt wahrscheinlich von der Anzahl der Philosophie-Kurs-Teilnehmer im Publikum ab. Nach den Liedern verschwand Clemens immer mal hinter dem Vorhang. Wahrscheinlich um zu gurgeln oder sich sonstwie unter medizinische Drogen zu setzen. (Dieser ergänzende Einwurf für Leute, die sich sauer fragen, wieso Clemens nicht in der alten Römerstadt Trier, aber in Hückelhoven singen kann.)

Letztes Lied im ersten Teil war “Jetzt ist Sommer”. Um das ‘kölsch-jamaikanische Feeling’ nach Hückelhoven zu bringen, stimmte Dän das Publikum zunächst auf das Schnippen auf 2 und 4 ein. “Versuchen Sie gar nicht erst auf 1 und 3 zu schnippen, das geht nicht!” Clemens fetzte während der ganzen Anweisung seinen Schlagzeugsound ins Micro und etwa beim  40sten ‘pfft’ drehte Dän sich endlich zu ihm um und fragte freundlich: “Soll ich mal anfangen?” Ich fand, dass Clemens’ nickendes Gesicht etwas verzerrt aussah. Dän legte mit dem Singen los und gemeinsam schnippste man sich durch den Song. Aktive Mitarbeit, die Spaß machte. Gegen Ende durfte mitgeklatscht werden und das war natürlich beeindruckend gut, weil der ganze Saal trainiert und wirklich gut im Rhythmus war. Es war sehr exakt und machte noch mehr Spaß als Schnippen, weil es schön laut war. Diesmal ließen die Wise Guys die Pause am Schluß weg und sangen gleich durch. Die Stelle ist irgendwie noch in der Testphase. Wie schafft man es, dass das Publikum vom Weitersingen überrascht wird, aber trotzdem noch nicht so laut klatscht, dass es das Weitersingen nicht mitbekommt? Und wieviele Varianten testen die Wise Guys noch durch, bis sie die Lösung gefunden haben?

Mit lockeren Schultern und gut gelaunt ging es in die Pause. Etwa 600 Leute drängelten sich im Foyer und es war fast unmöglich den kleinen Artikelstand der Wise Guys zu finden. Es ballten sich einfach überall Leute zusammen, nicht nur da, wo es was gab. Wie wäre es mit einem schmalen Microständer, der in ca 3 Metern Höhe über den Köpfen der Leute einen knalligen Hinweis gibt? ‘Wise Guys zum Kaufen HIER!’ oder so.

Nach der Pause gab es anerkennende ‘Oh’s’ für das zweite Outfit. Alle trugen unterschiedliche, schwarze Sachen, die sehr lässig und cool aussahen. Mir gefällt diese Kleidung für die Bühne sehr gut, denn ich finde, die Jungs sehen locker und jugendlich, aber trotzdem etwas bühnenmäßig gestylt aus. Es paßt zu ihnen, ohne dass sie verkleidet wirken. Die Sachen der ersten Halbzeit gefallen mir persönlich auch, aber die halte ich für zu ‘normal’. Ich weiß, dass sie sich extra umziehen, um die ‘Bühnensachen’ anzuziehen, aber es sieht so aus, als ob sie privat immer so angezogen sind und gerade eben von der Straße kommen. Also: Für die Bühne finde ich die schwarzen Sachen der zweiten Hälfte viel besser und superklasse, aber da über Kleidung und Frisuren immer gemeckert wird, und man es nie allen Recht machen kann, ist das eigentlich ziemlich uninteressant. Cool bleiben, Jungs! Ich wollt es auch nur mal sagen.

Es ging weiter mit “Armes Schwein”, von dem ich jetzt schon weiß, dass es eines meiner Lieblingslieder wird. Es swingt einfach so schön und ich liebe die ‘Bläsereinwürfe’. A-cappella-Big-Band-Feeling. Außerdem sehr schön jazzig gesungen von Eddi. Sehr klasse! Sari tigerte danach bei “Willst du mit mir geh’n” bei seinen Anmachsprüchen elastisch über die Bühne (hat er überhaupt richtige Knochen, oder ist das eine gummiartige Neuentwicklung?), und “When I’m 64” brachte das Publikum zum lauten Kichern. Ehrlich gesagt, habe ich aber schon mehr Jubeln und Toben gehört als in Hückelhoven, obwohl die Stimmung sehr locker, lustig und begeistert war. Oder kam mir das nach den Brandungswellen von 12.000 Tanzbrunnen-Klatschern nur so vor? Allerdings hatte ich zum ersten Mal nach Monaten wieder das ‘Plem-Plem’ am Schluß von “64” gehört, ein ganz ungewohnter Zustand, weil der sonst immer im Toben der jubelnden Zuschauer unterging. Hier hörten alle aufmerksam zu, wollten irgendwie keinen Ton und keinen Gag verpassen und blieben darum etwas ruhiger.

Als Dän zum ‘absoluten Tiefpunkt des Programmes’ kam, und Ferenc für das folgende “Sexbomb” so richtig gemein niedermachte, kam ein empörtes, aber kicherndes  “Unmöglich!” aus der Reihe hinter mir. Und dann kam Ferenc auf die Bühne. Nicht mehr im Glitzerfrack, sondern in den schwarzen Klamotten, den Kragen an der Lederjacke hochgestellt und eine Sonnenbrille im Gesicht. Total cool! Er sah aus wie der jüngere Bruder von Tom Jones und wirkte absolut glaubhaft. Klasse! Einziger Nachteil des neuen Outfits: Er konnte am Ende nicht mehr den Glitzerfrack auf Saris Kopf pfeffern. Und die Sonnenbrille werfen wollte er wohl nicht. Zur Belohnung bekam er viel Applaus und von den Plakat-Mädels zwei rote Rosen zu Füßen geworfen.

“Schlag mich Baby” erntete viel Gelächter und sogar lautes Getrampel, und von den Mädchen wurden 6 weitere Rosen an die Bühne gebracht. Dän nahm sie entgegen und fragte: “Für wen?” “Für alle!” Er verteilte sie in aller Ruhe an seine Kollegen und während er weiter die Reihe entlangschritt, beeilte sich Ferenc an den Bühnenrand zu kommen, um blitzschnell seine ersten Rosen zu holen. Frech grinsend stand er dann mit den vielen Rosen in der Hand und wartete, dass Dän es registrierte. Das war blitzschnell und witzig und gab natürlich Extrabeifall.

“Nein, nein, nein” wurde bei der Ansage schon mit Beifall begrüßt und im weiteren Verlauf wurde rhythmisch perfekt mitgeklatscht, was zeigte, dass es doch eine große Anzahl von aktiven ‘Mehrfach-Konzertbesuchern’ in der Aula gab. (Meine Lieblingstextzeile ist übrigens: ‘Ich hab’ versucht bis kurz nach Sieben, sie trotzdem irgendwie zu lieben.’  Die finde ich genial und könnte mich jedesmal weglachen.)

Sehr unheimliches, knalliggrünes Licht beleuchtete die Gesichter dann am Anfang von “GoldenEye” und sie sahen so verfremdet aus, dass ich Sari nur mit Mühe erkennen konnte. Eigentlich nur weil ich wußte, dass er es sein musste. Irgendwie sahen alle wie etwas ältere Wasserleichen aus. Nicht unbedingt schön, aber trotzdem klasse. Da Dän eine ultrakurze Ansage gemacht hatte, war Eddi plötzlich am Singen und hatte doch tatsächlich noch seinen Haargummi drin. Nix mit Tina Turner. Als er während des Liedes langsam nach hinten griff und plötzlich seine Haare wild um den Kopf standen, war das nochmal einen sehr guter Extraeffekt, der hörbares Zuschauerstaunen auslöste. Außerdem hatte er an einer Stelle ein neues, superdreckiges Lachen drin, das ich fasziniert entdeckte. Inzwischen gab es auch jedesmal nach einem Lied lauten Applaus mit Getrampel und Zugaberufen und wenn die Wise Guys jetzt noch zwei Stunden drangehängt hätten, wären die Zuschauerreaktionen sicher klasse gewesen. Die Leute aus dem Umkreis von Hückelhoven brauchten also etwas länger zum Aus-sich-rausgehen. Die Hückelhovener selbst gingen ja lieber auf die Kirmes.

Als allerletztes Lied dann nochmal den “Sommer”, bei dem es viele Leute nicht auf den Stühlen hielt und der laut und fetzig mitgeklatscht wurde. Sehr schön und mitreißend!

Am Ende gab es einen Afterglow ohne Getränke, dafür aber mit vielen Autogrammwünschen und das war nochmal echte Arbeit für die Wise Guys. Ich sah mir alles an, saugte es sozusagen in mich auf und ging mit diesen Eindrücken in meine Sommerpause. Bis September kein Wise Guys Konzert mehr für mich. Unglaublich!

Schöne Ferien!

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