Sonntag, 28. Januar 2001
Die WISE GUYS in der Johanneskirche, Köln-Klettenberg

Ein Konzert der WISE GUYS in einer Kirche - das ließ sentimentale Gefühle in mir hochkommen. Mein erstes WISE GUYS Konzert hatte ich auch in einer Kirche erlebt. Zwar nicht in dieser, aber ich konnte mich immer noch sehr genau an den Moment erinnern, als meine vorsichtige Skepsis schon bei der ersten ‘Opener’-Zeile über den Haufen gesungen wurde. Ich war sofort hin und weg und saß mit strahlenden Augen und einem verklärten Lächeln seelig grinsend auf der harten Kirchenbank. Ein Gesichtsausdruck, den ich bis heute bei WISE GUYS Konzerten beibehalten habe. Es war der Moment, der mein Leben ändern sollte. Damals wußte ich das nicht. Es geschah auch nicht sofort, sondern schleichend und zunächst unauffällig. Dafür aber sehr nachhaltig.

Inzwischen führe ich ein Doppelleben. Tagsüber wirke ich relativ normal und bin rund um die Uhr beschäftigt. Aber abends ist es vorbei mit den gemütlichen Fernsehabenden auf der Couch. Auch meinen ‘8-Stunden-Schönheitsschlaf’ kenne ich nicht mehr, was an einigen Tagen leider überdeutlich zu sehen ist. Stattdessen sitze ich regelmäßig bis in die Nacht in dubiosen Konzertsälen, auf harten Kirchenbänken oder sogar in offenen Treppenhäusern (Arithmeum!) und grinse dämlich vor mich hin. Wenn ich das damals geahnt hätte! Hätte ich mich von einem Warnhinweis auf der Eintrittskarte abschrecken lassen? “ACHTUNG! SUCHTGEFAHR!  DIESES KONZERT KANN IHR LEBEN ÄNDERN!”  Wahrscheinlich nicht. Aber: Wieviele andere völlig ahnungslose Menschen würden heute aus der Bahn geworfen werden?

Als wir an der Kirche in Köln-Klettenberg ankamen, war gerade Schichtwechsel. Die letzten Besucher des Nachmittagskonzertes begegneten den ersten für den Abend. Es gab sogar welche, die rauskamen und sich gleich wieder anstellten, weil sie für beide Konzerte Karten hatten. Netterweise gab es einen frühen Einlass, so dass wir nicht in der Kälte warten mussten. Der Kirchenraum war recht groß und der Altarbereich mit einem  weißen Tuch abgehängt. An der Wand hing eine hölzerne Liedertafel, in die 6 Zahlenkombinationen geklemmt waren. Hurra! Die Stücke kannte ich alle noch nicht von den WISE GUYS! Besonders auf Nr. 683, Strophe 1-3 war ich gespannt. (Ich sag’s mal gleich: Sie haben es trotz Ankündigung nicht gesungen! Schade. Na, vielleicht am Tanzbrunnen.)

Vor Beginn des Konzertes sprach die Pfarrerin einleitende Worte. Sie begrüßte den 10.000. Gast im Forum Klettenberg und er wurde mit einem Blumenstrauß, dem Wise Guys Kalender und der Live-CD beschenkt. Er hieß Uwe und nannte erfreut seine komplette Adresse, aber die lass’ ich jetzt mal lieber weg. Dann kündigte sie die Wise Guys an. Als ‘Traditionsgut mit bleibendem Wert in einer veränderten Gesellschaft’ seien sie so etwas wie die ‘Milchschnitte’. ??? Sehr anschaulich zeigte sie eine solche, aber ich konnte so auf die Schnelle keine große Ähnlichkeit entdecken. Die Wise Guys seien ‘wie die Milchschnitte ohne Farbstoffe, ohne Konservierungsmittel und ohne Zusatzstoffe’. Rüdiger brach neben mir fast zusammen und quetschte ein: “Müssen die jetzt ins Kühlregal?” raus. Zum Abschluß wurden ‘für den werdenden Vater Clemens gute Wünsche auf die Milchschnitte projeziert’ und ich frage mich immer noch, wie man das macht. Und warum.

Dann ging’s aber los. Die WISE GUYS starteten mit einem ‘Frühlingslied’, das bei den ersten Tönen extrem viel Hall hatte. Klang eher nach Petersdom, wurde aber bei den erschreckten Blicken der Interpreten sofort auf Johanneskirchenniveau gesenkt. Es gab beim Publikum gutgelauntes, leises Gelächter und die Stimmung war sehr schön.

Dän stellte die Gruppe danach ganz aktuell als ‘die Milchschnitte der deutschen a-cappella-Szene’ vor und gab Verhaltenshinweise für das Konzert in der Kirche. Die Atmosphäre ist ja immer anders, als in einem Konzertsaal oder einer Schulaula. Auch wenn laut gelacht oder sogar gejohlt wird, schwingt immer die Frage durch den Raum: “Darf man das hier eigentlich?” Ja, man durfte! Die evangelische Kirche galt als Versammlungsraum, in dem gelacht und geklatscht werden sollte. Die Besucher des Nachmittagskonzertes in der ’Milchschnittenkirche Klettenberg’, hatten das wohl nicht ganz ausgiebig gemacht, aber bei der guten Stimmung am Abend schien das kein Problem zu werden.

Schon bei der “Wahren Liebe” gab es viel Gelächter und Eddis Stimme hörte sich endlich wieder gesund an. Bei der folgenden Zuschauerbefragung wurde er als Assistentin zum Lichtschalter geschickt und im hellen Lampenschein wurde klar, dass eine eindeutige Mehrheit der Besucher schon auf einem WISE GUYS Konzert war. Die meisten davon auch im letzten Jahr in Klettenberg. Leider überzeugte die Assistentin nicht mehr beim Lichtausmachen, was Dän grinsend kommentierte: “Findste den Schalter nicht? Es müsste derselbe sein, den du eben betätigt hast...!” Nachdem auch der herbeieilende Ferenc versagt hatte, sprang die Pfarrerin helfend ein.

Beim “RTL-Lied” wurde schon beim ersten Refrain mitgeklatscht; natürlich auf 1 und 3! Die vorherige Erklärung von Dän, dass der Zeilenschluß manchmal wiederholt wird, bewirkte, dass an diesen Stellen mehr als sonst gelacht wurde. Ganz besonders bei “li-ti-ti-vi”. Auch “Genurjanie Indiebarda” wurde mit Begeisterung aufgenommen, und die Dame in der Reihe vor mit lachte endlich entspannter. Zu Beginn des Konzertes war sie bei der Textzeile “Anna hat Migräne” in einen entsetzten Erstarrungszustand gefallen und hatte völlig verspannt nach vorne gestarrt. War wohl ein unerwartetes Thema für sie. Inzwischen schien ihr das Programm aber zu gefallen.

Die Stimmung bei der Moderation zur “Lage der Nation” fand ich sehr typisch für viele Konzerte. Bei den Zuschauern, die das Lied noch nicht kannten, gab es eine sehr große Anspannung, als Dän ernst von der Gewalt gegen Ausländer sprach und dann so locker zu dem Lösungsvorschlag überging. Das paßte nicht so richtig. (Würden sie jetzt ein Witzlied über so ein hartes Thema machen? Könnten sie dem Ernst der Situation gerecht werden?) Bei den ersten Textzeilen war diese unsichere Anspannung des Publikums noch zu spüren (wie meinen die das denn jetzt?), löste sich aber mit der Zeile “wir bau’n die Mauer wieder auf” sofort in erleichtertes Gelächter auf. Puh! Geschafft!! Dieses Aufatmen war richtig zu spüren und die Freude über das alberne Benehmen auf der Bühne darum doppelt so groß. Es gab dementsprechend viel Jubel am Ende des Liedes.

Beim “Parfum” fiel mir auf, dass es zu den wenigen Liedern gehört, die durchgehend ernsthaft sind. Da gibt es nicht am Ende im Text eine Umdrehung und plötzlich ist alles ganz anders. Ist auch mal schön und kommt mit seiner melancholischen Stimmung immer sehr gut an. Das heißt aber nicht, dass jetzt alle Lieder ernsthaft werden sollen! Aber so ab und zu eines....

Bei der heißen Liebe machte Dän wieder den armen Ferenc fertig. Eigentlich sollte Ferenc ihn ja an einer Stelle zurechtweisend  anblicken, aber Dän sah schon vorher so penetrant und völlig ernst zu ihm, dass Ferenc immer wieder grinsen mußte und sich überhaupt nicht traute, auch nur einen Blick rüberzuwerfen. Der Lachanfall saß ihm schon in den Augen. Machte beim Zusehen einfach Spaß! Die Stimmung auf der Bühne war sowieso lustig, auch wenn die Jungs alle müde aussahen. Besonders bei den Moderationen von Dän standen die anderen vor der Frage: “Wie kann man unauffällig gähnen, wenn einen 550 Leute anstarren?” Die Lösungsvorschläge konnten mich übrigens alle nicht überzeugen. Ihre leeren Blicke und die Müdigkeit waren aber nicht auf Dän’s Gerede zurückzuführen, sondern lagen an der Situation der zwei hintereinander gegebenen Konzerte. Ist ja auch ein bißchen viel. Bei den Liedern waren sie aber immer voll da und zeigten sich als echte Profis.

Vor der Pause wies Dän auf einen Stand der “Elterninitiative herzkranker Kinder” hin, die von den WISE GUYS unterstützt werden. Eddi führte mit schnellen Bewegungen vor seinem Kopf-Mikro den Klang eines dort zu erwerbenden bimmelnden Metallherzens vor. Dän kommentierte lässig: “Sieht ein bißchen doof aus, aber klingt gut!”  Danach pries er den WISE GUYS Kalender an, den es für nur noch 10,- DM gab. “Das Jahr ist ja schon gebraucht!” Rüdiger fragte sich sofort, ob jetzt im WISE GUYS Büro in mühevoller Arbeit alle Januarblätter abgerissen werden, damit der aktuelle Stand erreicht wird. Und was ist dann im Dezember? Macht es noch Sinn das letzte Blatt zu verkaufen? Ehe er auf weitere Fragen kam, wurde “Mädchen lach doch mal” gesungen. Plötzlich setzten unvermutet einige Zuschauer mit einem ungewöhnlichen Off-Beat-Geklatsche ein. Nicht auf 1 und 3, sondern irgendwie auf 1 3/4 und 4 2/7 und 5 1/2. Absolut undefinierbar und grauenhaft. Ich wußte zunächst nicht, ob es ein Mitklatschen oder eine Störaktion sein sollte. Nach den ersten entsetzen Blicken mussten Ferenc und Eddi so lachen, dass sie kaum noch singen konnten, und auch Dän brach über seinem Mikro fast zusammen. Glücklicherweise hielten diese äußerst originellen Mitklatscher nicht lange durch und begnügten sich später mit unauffälligeren Rhythmen beim Refrain.

Nach der Pause kamen die WISE GUYS in ihren Anzügen auf die Bühne und hinter mir hörte ich ein anerkennendes: “Janz fürnehm!” (Übersetzung. “Ganz vornehm!”). Sari löste bei “Willst du mit mir gehen” nach jedem Spruch Gelächter aus und erhielt bei “..damit du weißt, was du nachher schreien mußt!” sogar Szenenapplaus. Kam sehr gut an und es schienen die richtigen Sprüche für Köln-Klettenberg zu sein!

Sehr gute Stimmung auch bei “Sexbomb”. Ferenc war richtig schön lässig, Eddi las seinen Text mit verzweifeltem Blick wunderbar vom Zettel ab (sehr schöne Idee!) und die genervten Blicke und die Mimik des Hintergrundchores waren supergut. Spitzenklasse! Es gab gellendes Gejohle vom Publikum dafür.

Bei “Zu schön für diese Welt” und “Nein, nein, nein” gab es wieder Leute, die nicht merkten, dass Mitklatschen nicht immer schön ist. Aber die Dame vor mir lachte endlich laut und amüsierte sich prächtig. “Schlag mich, Baby!” wurde dann endgültig lustig. Das blöde Mitklatschen brachte Sari kurzzeitig aus dem Text, Ferenc musste darum während des Singens lachen, Eddi knallte beim Tanzen fast eine Stufe runter, und alle standen so eng, dass sie bei den ausholenden Bewegungen des Nachbarn in allerhöchster Gefahr eines Volltreffers schwebten. Es war total lustig anzusehen und die Stimmung in der Kirche stieg immer weiter. Kein Wunder, wenn auf der Bühne so gutgelaunt und ansteckend gegrinst wird!

Ganz niedlich bekamen die WISE GUYS danach von einigen, zum Teil sehr kleinen Kindern Blumen überreicht, und statt des geforderten “Ewald”-Liedes konnte unter der Anleitung von Dän fünfmal ein “Ewald-Lienen!!”-Stadion-Ruf gegröhlt werden. Mit Rücksicht auf die eineinhalb kranken WISE GUYS gab es dann als letztes Lied “Ich will keine a-cappella”. Sari gab mehr Vokale dazu, als die Melodie an der Stelle vertragen konnte, und brachte die Jungs und die Dame vor mir damit wieder zum Lachen. Supergut! Und wie am Anfang von der Pfarrerin vorhergesagt, war es sehr warm geworden. Es war überhaupt ein sehr schöner, lustiger Abend!

Dann glühten die WISE GUYS zum zweitenmal an diesem Tag aus, testeten danach traditionell das Obstgetränk des Küsters Herrn Zimmermann (aus 100 Kilo Pflaumen werden 50ml Konzentrat oder so) und ich freute mich nachträglich, dass ich damals in der Kirche beim Konzert dieser Kölner a-cappella-Gruppe aus meinen geregelten Bahnen geworfen wurde!

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