Donnerstag, 10. Mai 2001
Die WISE GUYS im Forum Leverkusen

Leverkusen. Ich wußte, dass es diese Stadt gab, dass von dort die Kopfschmerz- Tabletten kommen und dass der Ort optisch nicht besonders reizvoll war. Sonst eigentlich nichts. Bisher hatte ich auch keinen Grund gehabt mal dort hinzufahren, aber das änderte sich am 10. Mai, als die WISE GUYS im Leverkusener Forum ein Konzert gaben. ‘Optisch nicht besonders reizvoll’ konnte ich bei der Hinfahrt mit dem Auto bestätigen. Das dominierende BAYER-Werk hatte die Gegend ziemlich betonisiert und es sah alles nach Arbeit, Mühe und Stechuhr aus. Auch das im Stadtkern liegende Forum bestach durch seinen Beton-Charme und war ein typischer 70er Jahre Bau. Reizvolle Ecken und Kanten, meisterhaft aus Zement geformt und extrem ungemütlich. Immerhin war es groß, verwirrend unübersichtlich, hatte im Keller eine Tiefgarage und oben Platz für verschiedene Arten von Veranstaltungen. Das Konzert fand im ‘großen Saal’ statt, der durch knallig lila gestrichene Seitenwände und grün-beige Sitzpolster in hellen Plastikschalen perfekt den damaligen Designertraum verkörperte. Obwohl es eindeutig der gemütlichste Raum im Forum war, hatte er einen kleinen Fehler: Es gab keinen Mittelgang. Die meisten Leute schoben sich von der falschen Seite durch die langen Reihen und bemerkten erst am Schluß, dass es von der anderen Seite viel kürzer gewesen wäre. Manchmal schoben sie sich auch durch die komplette Reihe, kamen am anderen Ende wieder raus und sahen, dass sie in die Reihe davor mussten.

Draußen war ein wunderbar warmer Tag und die Besucher waren dementsprechend luftig gekleidet. “Jetzt wird’s Sommer!” dachte ich in Anspielung auf den neuen WISE GUYS Hit gut gelaunt. Bis die Dame neben mir die Turnschuhe auszog, um die heißen Füße zu entlüften. Naja.

Das Konzert begann mit fünf WISE GUYS, die im sportlichen Laufschritt auf die Bühne kamen und mit einem sehr langen Begrüßungsapplaus willkommen geheißen wurden. Als es endlich ruhig wurde, warteten sie grinsend ab, bis die letzten verspäteten Besucher endlich die Seitentüren geschlossen hatten und starteten mit dem “Frühlingslied”. Es gab sofort leises Gelächter an allen passenden Stellen, und wenn es schon keinen Opener mehr gibt, so ist das Lied auf jeden Fall ein guter Ersatz. Es gibt was zu Hören, was zu Gucken und was zu Lachen. Nicht zu schwer, nicht zu schnell und sehr schön.

Dän begrüßte danach das Publikum und versprach nichts über Fußball zu sagen (konnte sich allerdings kleine Andeutungen nicht verkneifen) und keine Witze über Berti Vogts zu machen. Das Publikum lachte sofort und ich erinnerte mich vage, dass Leverkusen auch etwas mit Fußball zu tun hat. Die Anmerkung, dass einer der WISE GUYS älter als die anderen wäre, löste bei der Dame vor mir die verwunderte Frage aus: ”Wer denn??” (Super, Ferenc, sieht gar nicht so schlecht für dich aus!) Allerdings antwortete der Herr neben ihr kurz und knapp: “Der rechts!” (Tja, Volltreffer.) Die Begrüßung war gelungen, die Zuschauer hatten über Dän’s Witze vergnügt und laut gelacht und die Stimmung war prima. Während des “RTL-Liedes” kamen dann auch die letzten total verspäteten Besucher in den Saal, die völlig unauffällig auf ihre Sitze in der 1.(!) Reihe kommen wollten. Wie nicht anders zu erwarten kamen sie von der falschen Seite in den Saal. Nach kurzem Zögern mussten sie den kompletten Gang vor der Bühne langgehen, um dann ganz am anderen Ende der Reihe ihre Plätze zu finden. Lenkte etwas vom Lied ab, das aber trotzdem sehr gut ankam. Beim ‘Parteivorsitzenden der FDP’ gab es einen Lachsturm und ab da ein begeistertes Mitklatschen. Clemens warf sich theatralisch auf den Boden, aber das wird nicht an dem Klatschen auf 1 und 3 gelegen haben. Das sind die WISE GUYS ja inzwischen gewöhnt. Bei einem Saalpublikum, das spontan auf 2 und 4 klatschen würde, kämen sie höchstwahrscheinlich sofort aus dem Takt.

Die anschließende Umfrage zeigte, dass es eine Mehrheit von Neuhören gab, etwa gleich viele Leverkusener wie Kölner und einige Düsseldorfer, von denen sich einer schon eifrig und laut vor der Aufforderung meldete. Dän rief: “Aufstehen!” und das Publikum klatschte sofort los. Ein Mann hinter mir raunzte seine Frau an: “Wieso klatschst du denn für Düsseldorfer?” und auch Dän kommentierte grinsend: “Der Applaus war ein wenig zu lang.”

Das “Mauerlied” hatte eine sehr guter Ansage, die sich auf die ‘stolzen Deutschen’ bezog, ein Thema, bei dem man richtig loshetzen kann, ohne falsch zu liegen. Allerdings war die “zündende” Idee der Politiker ein heikles Wort im Zusammenhang mit der Ausländerfrage, aber ich will ja nicht penibel werden. Bei der Darstellung des Liedes gab es von Anfang an viel Gelächter und das Publikum verstand genau, wie es gemeint war. Übrigens ein sehr lockeres, lachfreudiges Publikum, das den ganzen Abend über viel applaudierte.

“Bleib wie du bist” sehr schön und ich schmolz mal wieder sentimental dahin. Der Text ist gut, die musikalische Umsetzung wunderbar, aber ich glaube, dass mir dabei am besten Däns Stimme gefällt. Er singt das Lied sehr ruhig, fast normal, und ich finde seine Stimme für dieses Lied perfekt passend. Das spricht Gefühle an und ist sehr glaubwürdig. Klasse.

Dän sprach danach ‘ ‘n paar Balladen’ an, mußte plötzlich grinsen und sagte sehr betont: “ein PAAR BALLADEN, um das mal deutlich auszusprechen.” Ich sank kichernd in meinen Sitz zurück und erhielt einen verwunderten Blick von meiner Nachbarin, die das überhaupt nicht witzig fand. Hatte wahrscheinlich den letzten Bericht nicht gelesen...

Auf die Ansage zur “heißen Liebe” reagierte das Publikum mit begeisterten “aaaah” und “jaaaa”’s und Clemens lachte wieder umwerfend nett verlegene Mädels in der ersten Reihe an. Das kann er ja einfach wunderbar. Die Jungs im Hintergrund stahlen ihm dann mit ihren Faxen fast die Show, aber bitte nicht damit aufhören! Es macht totalen Spaß und Clemens ist präsent genug, um das zu verkraften.!

Viel Gelächter gab es bei “Mädchen lach doch mal” über Eddi und Sari, die im Zwischenteil über die Bühne fegten. Das Lied kam wie immer toll an, und am Schluß gab es einen Riesenapplaus und gellende Pfiffe.

Das letzte Lied vor der Pause war das neue “Jetzt ist Sommer” und es riß das Publikum sofort mit. Sehr groovig und wirklich klasse. Inzwischen habe ich auch die kleine Pause am Schluß endlich kapiert. Das Lied ist zu Ende, aber dann startet es plötzlich doch nochmal. Eine witzige Idee, aber wann der Neustart genau losgeht, scheint den WISE GUYS auch nicht ganz klar zu sein. Gespannte Blicke untereinander und amüsiertes Grinsen zeigen, dass das noch sinnvoller abgesprochen werden muss. Vielleicht sollte der Rhythmus weiterlaufen, damit es logischer ist? Können die Jungs ja mal auf einem der nächsten Kekstreffen überlegen, aber auch so kommt das Sommerlied spitzenmäßig an und macht einfach gute Laune.

Nach der Pause ging es mit dem anderen neuen Lied “Armes Schwein” weiter. Es hat sehr schöne Stellen, Eddi singt es supergut, der Rhythmus zieht voll ab und vieles gefällt mit außerordentlich gut. Trotzdem empfinde ich es noch nicht als ‘rund’. Ich glaube, da könnte noch mehr rausgeholt werden. Die Grundsubstanz ist jedenfalls klasse und es bleibt auch im Ohr. Mal sehen, was noch draus wird. Sehr interessant ist jedenfalls die Stelle, an der Eddi laut: “Sing mit!” ruft. Das Erschrecken des Publikums ist deutlich zu spüren. “Wer? Ich??” Es gab starken Applaus, der zeigte, dass das Lied etwas hat.

Danach die “Philosoffen”, und ich habe das Lied inzwischen mehrfach bei Auftritten gehört, aber noch nie eine so gute Reaktion erlebt, wie in Leverkusen. Es gab sehr viel Gelächter, der Humor wurde sofort erkannt und es machte großes Vergnügen im Publikum zu sitzen und die Reaktionen mitzuerleben. Woanders war es schon mal bis zum Schluß ruhig geblieben, oder es wurde nur beim Refrain gelacht, oder sogar ernst und aufmerksam zugehört. Es ist wahrscheinlich ein Lied, bei dem Humor und Intelligenz der Zuschauer gefragt sind, und trotz des vielen Betons schien in Leverkusen alles zu stimmen.

Besonders gut kamen an diesem Abend die Witzchen über Ferenc’ Alter an. Quietschendes oder empörtes Gelächter, wenn Dän eine Bemerkung loslies und ich dachte mir: Gut, wenn dabei noch sofort gelacht wird. Peinlich wird es erst, wenn das Publikum total ruhig bleibt, weil es das glaubt. Im Übrigen fiel mir mal wieder auf, dass das Konzertprogramm keine Längen hatte. Es blieb bis zum Schluß abwechslungsreich, interessant und höchst vergnüglich. Ich sah keine abschlaffenden Leute um mich herum, sondern sie wirkten im Gegenteil immer wacher und hatten am Ende des Konzertes den Höhepunkt der guten Laune erreicht.

“When I’m 64” wurde mit Begeisterung und johlendem Applaus belohnt. Als der endlich verebbte, begann Dän: “Wir sind dankbar für diesen Applaus...” und wurde von dem übereifrigen Düsseldorfer in der vorderen Reihe grölend unterbrochen: ”Von uns kriegst du NOCH was!” Gelächter und Applaus von einigen Leuten, und Dän kommentierte süffisant lächelnd: “...und wir nehmen generell jeden Applaus, den wir kriegen können!” 100 Punkte für Schlagfertigkeit!

“Hit me, Baby” beeindruckte dann gewaltig, besonders die Tanzszenen, bei denen Dän’s Haare (schrieb ich schon, dass sie ziemlich lang waren?) in wunderschön ausschweifenden Bögen von links nach rechts über den Kopf flogen. Leverkusen war von der Performance begeistert und ließ das in gellendem Jubel und Toben hören. Zur Belohnung gab es von den WISE GUYS “Nein, nein, nein”, das auch ohne Ansage und Warnung wegen seiner WDR4-Tauglichkeit sofort funktionierte. Eine ältere Dame in der Reihe vor mir schaffte es nicht den rhythmisch versetzten Refrain mitzuklatschen. Ihre Hände trafen sich zu früh oder zu spät, aber nur zufällig mal zum richtigen Zeitpunkt. Ist vielleicht zu schwer für sie, dachte ich schmunzelnd, aber den nächsten großen Applaus, mit dem die WISE GUYS zu einer weiteren Zugabe aufgefordert wurden, schaffte sie auch nicht. Es wurde ganz gleichmäßig geklatscht, sehr simpel also, aber sie haute irgendwie versetzt und immer mitten rein. Wahrscheinlich war sie hochmusikalisch und lieferte angeschnittenen Triolen ab, oder so. Jedenfalls war das Zusehen so interessant, dass ich kaum mitbekam, dass die Hauptpersonen des Abends wieder auf die Bühne kamen. GoldenEye stand auf dem Programmzettel, aber vorher brachte Dän Ferenc zum Lachen, indem er ihm den dritten Platz beim Gummibärenlackieren verpaßte. Beim Lied gab es supertolles Licht, eine Menge Nebel, der zügig von der Seite auf die Gruppe zukam und alles war sehr beeindruckend. Ein bißchen mehr Hall wäre vielleicht gut gewesen, aber es war auch so ein toller Schluß.

Abgang der WISE GUYS, Standing Ovations und lautes Geklatsche beim Publikum, und es blieb dunkel. Das sah gut aus für eine weitere Zugabe. Und sie kam. Natürlich mit dem Knaller “Jetzt ist Sommer”, der vom Publikum sofort sofort wiedererkannt und begeistert mitgeklatscht wurde. Viele Zuschauer hatte sich nicht wieder hingesetzt, sondern waren stehengeblieben und groovten mit. Überall wackelten Hüften, wippten Schultern und es war das absolute Sommer-gute-Laune-Gefühl im Betonsaal.  Riesenjubel am Ende und Top-Stimmung im Leverkusener Forum. Das Lied muß doch einfach ein Erfolg werden! Als das Licht endgültig anging und das Konzert wirklich vorbei war, schoben sich die Leute langsam nach draußen und einer pfiff dabei ganz laut den Refrain von “Jetzt ist Sommer”. Ein festsitzender Ohrwurm.

Fazit: Viel Beton in Leverkusen, unerwartet tolle Stimmung, ein sehr schönes Konzert und ein neuer WISE GUYS Hit. Die Fahrt hatte sich gelohnt!

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