15. November 2000
Die WISE GUYS im Kursaal, Schleiden-Gemünd

In der Nordeifel, 5 km von Schleiden entfernt, liegt das Kurzentrum Gemünd. Es ist ein Kneipp-Kurort mit Kurmittelhaus, beheiztem Freibad und zahlreichen Freizeitmöglichkeiten. Da es bei unserer Ankunft aber schon dunkel war, ersparte ich mir das Wassertreten im November und hatte auch nur geringes Interesse an einem Freibadbesuch. Ich lief gleich zum Kursaal und überlegte, ob das Konzert an diesem Abend als Freizeitbeschäftigung oder Kuranwendung galt. Mit Krankenschein kam man jedenfalls nicht rein.

Gleich beim Eintreten trafen wir auf eine größere Gruppe wartender Leute. Sie hatten alle Turnschuhe und teilweise auch Sportsachen an, standen im Kreis und hoben abwechselnd die Beine hoch. Eine vernüftige Art sich für ein WISE GUYS Konzert warm zu machen. Kurz vor dem Öffnen der Saaltüren zogen sie allerdings alle nach draußen ab und kamen nicht wieder.

Insgeheim hatte ich ja die romantische Vorstellung, dass die WISE GUYS in einer hübschen, weißen  Konzertmuschel mitten in einem blumenbepflanzten Kurpark auftreten würden, aber der Saal sah völlig normal aus. Auch das Publikum wirkte nicht überdurchschnittlich kurbedürftig. Also, nicht mehr als sonst. Allerdings war es im Durchschnitt ein ganzes Stück älter, als auf anderen Konzerten der WISE GUYS. Sie kamen alle etwas spät, suchten ihre nummerierten Sitzplätze (die winzigkleinen, handbeschrifteten Klebeschildchen waren bei manchen Besuchern schon fast gemein zu nennen), und um kurz nach 20 Uhr war der ausverkaufte Saal mit 511 Leuten besetzt.

Das Programm startete mit dem Frühlingslied und bei der Zeile “Anna hat Migräne” ging ein Raunen und wissendes Lachen durch den Saal. Kam sehr gut an, auch wenn in manchen Fällen verzögert gelacht wurde, weil die letzte Textzeile erst noch ins Ohr geflüstert werden musste. Es waren zwar nur wenige wirklich alte Leute dabei, aber dieses Verhalten fiel schon auf.

Für die WISE GUYS war es das erste Konzert in Schleiden-Gemünd, obwohl in Dän schöne Kindheits-Erinnerungen an diverse Sommerferien auf einem Zeltplatz bei Schleiden hochkamen. Er hat dort Schwimmen und Radfahren gelernt. Ob das Auswirkungen auf Landschaft, Gewässer oder Verhalten der Einwohner hatte, konnten wir an diesem Abend aber nicht feststellen.

Nach der ersten Begrüßung folgte die große Zuschauerbefragung. Diesmal fiel der Spontanitätstest für den Saalbeleuchter extrem ungünstig aus. Dän redete immer weiter und ausschweifender, um dem Beleuchter Zeit genug zu geben, aber irgendwann in diesem gigantisch langen Satz, gingen auch ihm die Worte aus. (Kaum zu glauben!) Es blieb dunkel, und er mußte zur Freude des Publikums bis fast hinter den Vorhang gehen und den Mann persönlich ansprechen. Applaus, als es endlich hell wurde. Die Umfrage zeigte, dass die sehr große Mehrheit der Zuschauer zum ersten Mal auf einem WISE GUYS Konzert waren und alle freuten sich, als nach einiger Verzögerung das Licht auch wieder ausging.

Es ging weiter mit Udo Jürgens. Der war den meisten Anwesenden ein guter Begriff und für den griechischen Wein gab es viel Beifall.  Wahrscheinlich waren viele Udo-Fans der ersten Stunde dabei.

“Zur Lage der Nation” kam sehr gut und sogar ganz richtig an. Die Ironie wurde sofort verstanden, es gab viel Gelächter an den richtigen Stellen und sogar einiges Geklatsche auf 1 und 3. Eine ältere Frau vor mir klatschte etwas verzögert auf 1 1/2 und 3 1/2, aber schneller ging das bei ihr nicht.  Dafür hatte eine jüngere Frau neben mir ihr Handy an und telefonierte (!) während des Konzertes. Vielleicht machte sie auch einen ungewöhnlichen Live-Mittschnitt in Telefon-Qualität?! Sehr seltsam, aber wir waren schließlich in der Eifel.

WARUM aber mußte nach diesem Lied die völlig verausgabte “Rhythmusgruppe Clemens” die nächste Ansage machen?? Schwer atmend zog er es durch und war sich des Mitleids der Zuschauer voll bewußt. Ich hätte ihm am liebsten meinen Stuhl auf die Bühne gebracht und die anderen angeherrscht, sie sollten etwas mehr Rücksicht nehmen und nicht so lässig rumstehen und dem armen Clemens erstmal ein Glas Wasser bringen.... Es tat mir schon fast weh ihn so leiden zu sehen. Wird da vielleicht ein ganz anderer unterdrückt, als der Bass??

“Ohne dich” mit neuer Choreographie war sehr schön. Eddi könnte sich etwas mehr bewegen, sonst stehlen ihm die anderen mit ihren exakten Bewegungen die Show, aber es kam gut rüber. Allerdings fand ich es auch vorher schon gut und hatte eigentlich nichts vermisst. Jetzt bringt es aber wieder eine Abwechslung mehr ins Bühnenbild und das schadet nie. (Obwohl ich sowieso das gesamte Programm bei ‘Bild’ wie ‘Ton’ als sehr schön abwechslungreich empfinde.)

Statt des Tangos wurde die “heiße Liebe” aus der Kiste geholt und die war natürlich wieder wunderbar.  Eigentlich schade, dass sie weg war, denn sie macht wirklich gute Laune und kommt sehr gut an. Ich hatte sie schon vermisst, aber inzwischen vermisse ich schon so viele ältere Lieder, dass die allein ein superlanges Konzert füllen könnten. Und sogar mir ist klar, dass ich nicht alle meine Lieblingslieder UND viele neue Lieder in einem Konzert hören kann. Das heißt, ICH könnte mir das schon anhören, aber die WISE GUYS wollen nicht so viel singen... Aber ich schweife ab.

“Bleib, wie du bist” war sehr schön und es  gehört inzwischen auch schon zu meinen NEUEN Lieblingsliedern.  “Zu schön für diese Welt” erntete viel Applaus und auch sehr gut kam “When I’m 64” an. Das paßte aber auch vom Thema genau auf viele Zuschauer, und “dritte Zähne” und “Seniorentanz” schienen gängige Begriffe zu sein. Sari bekam bei seiner Strophe begeisterten Szenenapplaus und der Schluß des Liedes ging wie meistens in Beifall und Gejohle unter.

So ein Applaus gehörte aber zu den Ausnahmen. Das Publikum flippte nicht wirklich aus. Während der Lieder war es meistens sehr still und der Applaus danach war zwar kräftig, aber doch recht kurz. Auch bei “Sexbomb” (sehr schön gebracht) hörte das Publikum gespannt und ganz still zu und brach erst danach in Jubel aus. Die Frauen kollabierten also alle sehr leise. Dabei waren die Zuschauer durchaus begeistert von den WISE GUYS, blieben aber verhalten. Fand ich schon ungewöhnlich. Außerdem hielt sich ein Mann vor uns bei lautem Applaus die Ohren zu! Naja, Eifel!

Großes Kompliment an die WISE GUYS, die auch bei geringer Zuschauerbeteiligung sehr locker und souverän blieben und ihr Programm mit Spaß durchzogen!

Trotzdem war das Publikum aufgeschlossen. Eddi sprach in seiner Anmoderation von der steinzeitlichen “Keulenmethode”, die bei Frauen immer noch am besten funktionieren würde, und aus der Reihe hinter mir sagte ein Mann sehr zustimmend: “Wo er Räch hätt, hätt er Räch!” Bei Saris Anmachsprüchen hörte ich etwas später eine Frau anerkennend flüstern: “Echt tolle Sprüche!!” Bei ihr hätte Sari also sofort Erfolg gehabt!

Als Dän das “letzte Lied” ankündigte, war ein zaghaftes, spärliches “oooo” zu hören, gar kein Vergleich zu der Reaktion an dieser Stelle bei anderen Konzerten. Allerdings gab es dann NACH dem Lied beim Abschlußapplaus plötzlich lautes Klatschen und sogar Getrampel. Ging also doch! Vielleicht waren die Schleiden-Gemünder nur zu gut erzogen. ‘Man johlt nicht dazwischen, wenn jemand singt!’, oder so.

Dän konnte es nicht lassen und sorgte auf der Bühne noch für grinsende Kollegen, als er die “Ode an den Herbst” von Manfred Koertgen zitierte, was die anderen immer ziemlich aus der Fassung bringt. Im Applaus wurden den WISE GUYS danach fünf große Blumensträuße überreicht und er fragte mit Blick auf die beiden Männer verwundert: “Hatten Sie keine hübschen Damen da?”  Unverschämt, aber gut!

Als endgültig letztes Lied gab es “GoldenEye”, und als danach das Licht anging (diesmal war der Mann hinter dem Vorhang schneller!), stand das Publikum erwartungsgemäß sofort auf und der Saal leerte sich zügig. Am Schluß blieb nur der Saalbeleuchter übrig, der damit begann, an allen 511 Stühlen sehr sorgfältig und bedächtig die kleinen Klebeschildchen abzupiddeln.

Als wir nach dem Afterglow gingen, hatte er gerade etwas mehr als die Hälfte geschafft.

Fazit: Das Konzert war gut, das Publikum im Schnitt älter und im Verhalten manchmal anders als sonst, die Stimmung positiv, aber recht gedämpft und ich weiß selber nicht, warum der Bericht jetzt so lang geworden ist. Aber wenn in Schleiden-Gemünd demnächst ein WISE GUYS Konzert zur Therapie gehört, fahre ich auch mal zur Kur!

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