Montag, 22.Januar 2001
“SingSang und WortKlang”
WISE GUYS versus KLEINE & LINZENICH, Schauspielhaus, Köln

versus , (ver-sus); Adverb; (lat.) gegen, gegenüber

Wieso gehörte das Wort ‘versus’ bisher nicht zu meinem Wortschatz? Ich bin doch schon lange verheiratet und darum müsste es mir eigentlich geläufig sein. Es bedeutet ‘Kampf’. Oben freundlich lächelnd, aber mit heftigen Schlägen unter der Gürtellinie.  Sowohl die Wise Guys, als auch Kleine & Linzenich waren darin sehr erfahren. Beide Gruppen hatte ich schon mehrfach einzeln gesehen, und beide verstanden es meisterhaft mit spitzen Bemerkungen über den Bühnenkollegen herzuziehen und das Publikum damit zum Lachen zu bringen. Während bei Kleine & Linzenich dabei meistens ein Gleichstand erreicht wurde, gab es bei den Wise Guys immer nur ein Opfer: den Bass.  Diese beiden Gruppen im Kampf untereinander und gegeneinander zu erleben, versprach höchst vergnüglich zu werden. Außerdem konnte man da eine Menge Anregungen für die nächste Diskussion mit dem Partner bekommen. (Der war bei mir zwar dabei, aber vielleicht würde er nicht so gut aufpassen wie ich!)

Wer es bis auf diese Wise-Guys-Seiten geschafft hat, dem brauche ich wohl nicht zu erklären, wer die Wise Guys sind. Aber bei Kleine & Linzenich ist eine kleine Erläuterung eventuell angebracht. Nikolaus Kleine und Ferdinand Linzenich machen ‘Literatur-Kabarett’. Mit diesem Begriff habe ich schon manchmal entsetzte Blicke ausgelöst. “Was ist das denn?!?” Hört sich hochgeistig, knochentrocken und irgendwie nach Deutschunterricht an. Also nicht richtig lustig. Ist aber eine wunderbare Mischung aus sehr schön vorgetragener Lyrik, Schauspielerei, Sprachverdrehung und ganz gemeinen Bemerkungen. Alles kurz und abwechslungsreich, so dass auch Literatur-Anfänger nicht überfordert werden.

Für die gemeinsame Sondervorstellung “SingSang und WortKlang” war das Schauspielhaus schon lange ausverkauft. Es gab bequeme Sessel, von allen war die Sicht gut, und da es nummerierte Plätze waren, wurden die Türen erst 15 Minuten vor Beginn des Programmes geöffnet. Zunächst betraten die Wise Guys alleine die Bühne und machten den Anfang mit dem “Frühlingslied”. Das Publikum blieb dabei auffällig ruhig und lachte nett, aber wenig. Bei der anschließenden Begrüßung bedauerte Dän, dass es eigentlich ein gemeinsamer Abend mit Kleine & Linzenich hätte werden sollen, beide aber leider krank wären. Er war dabei erstaunlich gut gelaunt und redete ziemlich geringschätzig von “dem Literatur-Kabarett aus Bergisch-Gladbach”. Es war eine leichte Enttäuschung im Publikum zu spüren, weil wahrscheinlich doch mehr als “2 oder 3 Kleine & Linzenich-Fans” da waren. Die “Wahre Liebe” wurde angestimmt, doch schon während des ersten Refrains liefen zur Freude der Zuschauer Nikolaus Kleine und Ferdinand Linzenich über die Bühne, gestikulierten mit den Bühnenarbeitern hinter dem Vorhang, und mitten im Lied wurden die Wise Guys zügig in den Orchestergraben versenkt. Kleine und Linzenich schauten grinsend hinterher “...sie waren noch sooo jung!” und stellten sich dem Publikum vor. Ein sehr schöner Anfang des gemeinsamen Abends!

Netterweise ließen sie den Boden nach dieser Machtdemonstration wieder hochfahren und begrüßten die Wise Guys mit unechtem Lächeln und vorgespielter Freundlichkeit. “Schön, euch zu sehen!” Dän konterte, als er die nächste Ansage machte mit: “Sie singen gerne, obwohl sie es nicht können.” Das bewiesen sie auch sofort. Nikolaus Kleine übernahm die Leadstimme beim “RTL-Lied” und auch Ferdinand Linzenich sang kräftig mit. Stimmlich war es nicht immer perfekt, aber wer erwartete das? Es war trotzdem sehr schön und machte viel Spaß! Kleine und Linzenich sangen kräftig und mit viel Begeisterung, und den Hintergrundchor machten die Wise Guys. Klasse! Außerdem wurde im Publikum endlich mal nicht auf 1 und 3 geklatscht, sondern auf 1 und 3 UND auf 2 und 4. Also eigentlich immer. Sehr viel Beifall, und Kleine & Linzenich überließen die Bühne den Wise Guys.

Die sangen “Genurjanie Indiebarda”. Leider war das Licht dabei nicht so schön. Alles ziemlich dunkel, was schade war, denn ich habe es schon mit wunderschönen Farben unterstützt gesehen, die immer sehr wirkungsvoll waren. Allerdings war weder das Licht, noch der Gesang ein Grund, warum es nur schmale Lacher gab. Das Publikum war anders als sonst. Aufmerksam, aber viel zu ruhig. Im Durchschnitt auch älter als auf ‘normalen’ Wise Guys Konzerten. Hier hätte mich eine Umfrage interessiert. Wer ist wegen der Wise Guys da? Wer will Kleine & Linzenich sehen? Wer hat ein Schauspielhaus-Abo und ist nur darum da?

Bei der “heißen Liebe” ging es mit dem Applaus schon besser, es gab auch fröhliche, spontane Lacher, aber alles sehr kurz. Gelacht wurde: “Haha!” und Schluß. “Willst du mit mir gehen?” kam danach auch nicht viel besser weg. Kaum Lacher! Und das bei dem Bombenlied mit tollem Text, toller Melodie und tollem Sari! An den Wise Guys lag es wirklich nicht. Irgendwie brauchte das Schauspielhaus-Publikum seine Zeit um locker zu werden. Aufmerksam, interessiert und gut gelaunt war es nämlich. Der anschließende Applaus war so kurz, dass Dän es nicht schaffte, einen ordentlichen Schluck Wasser zu trinken. Das überraschte ihn selbst und er mußte eine Bemerkung dazu abgeben und nannte das Publikum höflich “kultiviert”. Danach das “Parfum” sehr schön und stimmungsvoll, und endlich gab es richtig guten Applaus. Kein Pseudo-Geklatsche, damit der ‘Ansager mal trinken kann’, sondern ehrlichen Beifall. Na also. Ging doch! Vielleicht hatte das Publikum gemerkt, dass es bis dahin wirklich ungerechtfertigt zurückhaltend in seinen Reaktionen war.

Beim anschließenden “Ohne dich” flog ‘Ernst August‘ raus und wurde durch eine neue Strophe ersetzt. Sehr gut! Zumal ich vorher beim Ende der Zeile auf ‘Monaco’ immer überlegen musste, wo der Gag saß und ob ich hätte lachen müssen. ‘Monaco’ an sich ist ja nicht wirklich witzig. Der Lacher kam blöderweise immer erst in der nächsten Zeile. (Kann jetzt nur verstehen, wer die Strophe kennt und ähnliche krause Gedanken wie ich hat.) Eddi machte beim ‘Single-Bar-Toilettenpapier’ eine wunderbar peinlich-verlegene Geste. Sehr schön passend!

In die nächste Moderation hinein platzten Kleine & Linzenich. Sie brüllten sich an, und der völlig unbeteiligte Eddi bekam ein: “Du langhaarige Schlampe!!” ab. Unverschämt, aber sehr witzig! Die Wise Guys traten kopfschüttelnd ab und die beiden Kabarettisten redeten über die Liebe und den “Spaß ohne zu lachen”. Sie spielten die “Sommermädchenküssetauschelächelbeichte”, in der Nikolaus Kleine das Mädchen spielte, und Ferdinand Linzenich mit großem Hut und noch größerer Schauspielerei den verwegenen Küsser. Sehr schön und unter großem Gelächter des Publikums. Nur vor dem Kuss drückte er sich, indem er kurzentschlossen von der Bühne hüpfte und eine Dame in der ersten Reihe küsste.

Nach den witzigen Sachen und ihren ständigen Seitenhieben trugen Kleine & Linzenich noch ein wenig  besinnlichere Lyrik vor. Das können sie ja wunderbar. Es war eine sehr schöne Atmosphäre da. Konzentriert, aufmerksam und mit starkem Beifall am Schluß.

Der letzte Punkt vor der Pause war dann grandios. Zunächst brachten Kleine & Linzenich ihre Nummer von Jesus Christus mit den 12 Aposteln beim Lieblingsitaliener.  Gnadenlos komisch! Ferdinand Linzenich mit weißer, langer Schürze um die Hüften, über dem Arm ein Handtuch und in der Hand einen Notizblock, als  Chef der “Trattoria Golgatha”.  Mit starkem italienischen Akzent bediente er die fiktiven Gäste und es hagelte supergute Anspielungen, die viel lautes Gelächter auslösten. “....macht ihr euerr Brrrot heute wiederr selbst?”

Am Ende des Stückes kam auch Sari auf die Bühne, ebenfalls mit weißer, langer Schürze und einem Handtuch über dem Arm. Begeistert begrüßten sich die beiden ‘Italiener’ mit Umarmungen und Küssen, die sie ständig wiederholten. Dazu ihr italienischer Akzent: Superspitzengut! Dann ‘erzählte’ Marcello Sarini singend bei “Ich brauch keine a-cappella”, dass er keine Pizzeria mehr hat, sondern ein Eiscafé. Als ‘bella donna’ stolzierte Nikolaus Kleine in kurzem Pelzmantel und mit Sonnenbrille über die Bühne, und es war wirklich eine total gute Nummer!

Außerdem weiß ich gar nicht, ob mir Sari mit Schürze und Handtuch nicht noch besser gefällt, als mit seinem freien Oberkörper. (Obwohl ich ja zugegebenermaßen ein ‘Sari-T-Shirt-frei-Bauch-guck-Fan’ bin!) In den großen Beifall hinein stöckelte ‘bello Nikolaus’ und flötete ein “Pause!” in den Saal.

P A U S E

Weiter ging es mit Kleine & Linzenich, die kräftige Lacher mit ihrem Gespräch übers ‘Pupsen’ und ‘Furzen’ ernteten. Die Wise Guys machten Stimmung mit ihrer “Hit me, Baby”-Performance und überhaupt war das Publikum endlich völlig begeistert und zeigte das auch. Im direkten Vergleich der beiden Gruppen war auch zu merken, dass die Wise Guys fast noch nett mit ihrem Bass umgehen. Da versuchten Kleine & Linzenich wesentlich härter Lacher und Beifall auf Kosten des anderen zu bekommen. Überhaupt blieb Ferenc an diesem Abend verschont, da Dän genug mit den Literatur-Kabarettisten zu tun hatte. Die brachten die “Ode an die deutsche Befindlichkeit” mit ihrem entlarvenden Echo, woraufhin die Wise Guys “Zur Lage der Nation” sangen. Seltsamerweise wurde das Lied unerwartet ruhig hingenommen und es gab nur einige Mitklatscher beim Refrain, aber trotzdem viel Beifall am Schluß.

Nach dem “Root Beer Rag” und “Besserwisser” kam “When I’m 64”. Bei Dän’s Strophe freudiges Gelächter, bei Sari quietschende Lacher, Schlußapplaus......aber dann ging es weiter! Nikolaus Kleine sang eine neue Strophe mit den wunderbar gemeinen Zeilen: “...wie wirr aus der Geist sei, ich werde dann Wise Guy!” und Ferdinand Linzenich setzte mit “When I’m 84” noch eins drauf und sang zitternd: “...dann ess’ ich nur Maisbrei, egal, ich werd’ Wise Guy!” Riesenjubel über dieses wirklich witzige Gemeinschaftsprojekt. Die Wise Guys guckten allerdings sehr pikiert ins Publikum und Dän kommentierte sauertöpfisch: “Der Beifall ruft Fragen auf!” Trotzdem sangen sie  “Zu schön für diese Welt” und “Mädchen lach doch mal” und heimsten dafür ihren Applaus ein.

Zum Abschluß standen dann alle 7 auf der Bühne und sangen das Otto Reutter Lied “In 50 Jahren ist alles vorbei”. Das Lied ist 90 Jahre alt, immer noch gut und ein wunderbarer Schluß bei Kleine & Linzenich Abenden.

Diesmal sang jeder eine Strophe und die beiden letzten waren wieder richtig schön gemein. Nikolaus Kleine sang: “...die blöden Wise Guys sind auch noch dabei!” und Dän reimte auf “Kleine und Linzenich” “..lustig sind se nich!” Ein tolles Lied und sehr schön zusammen gebracht. Auch wenn die Vortragskünstler das nicht so zeigen wollten, hier stellte man als Zuschauer beruhigt fest, dass sie sich in Wahrheit sehr mochten. Die Stimmung war einfach zu gut. Es gab dann auch sehr großen Applaus, Gejohle und echte Begeisterung. Ein wunderbarer Schluß.

Natürlich konnte es nicht ohne Zugaben enden. Die Wise Guys sangen “Nein, nein, nein” und Kleine & Linzenich brachten noch drei kleine Stücke, von denen Ferdinand Linzenich als Holzstaub-sprühender Holzwurm umwerfend gut war. Wie schaffte er es nur, einen einzelnen Keks so lange stoßweise auszuspucken? Beeindruckend! Danach wurde er zur Schnecke, und wenn eine Schnecke eine Mimik hat, dann die von Ferdinand Linzenich!

Am Schluß großes gemeinsames Verbeugen vor dem begeisterten Publikum. Es war ein wirklich schöner, lustiger, gelungener Abend von zwei Gruppen, die sich eigentlich keine Konkurrenz machen! Ich persönlich hätte mir noch mehr ‘versus’ vorstellen können, aber ich übe jetzt erstmal zu Hause, was ich an diesem Abend an Gemeinheiten gelernt habe. Das mit dem versenkbaren Boden wird in meiner Küche noch ein Problem, aber es war sehr beeindruckend und wird jede Diskussion zu dem von mir gewünschten Zeitpunkt beenden. Super-Idee!

Ansonsten kann ich mir eigentlich nur wünschen, dass dieser Abend wiederholt wird, denn er war wirklich sehr gut! Eine gelungene Kombination!

(Dass das Schauspielhaus-Publikum zum Teil nach der letzten Nummer aufstand, um zu Garderobe und Parkhaus zu eilen, und damit eine weitere Zugabe verhinderte, will ich eigentlich nicht großartig erwähnen.....)

zurück zu Konzertberichte