Mittwoch 12.September 2001
Die WISE GUYS in der Kronenbuschhalle, Wesseling

Am Tag davor, dem 11. September, wurde die Welt durch die Terroranschläge in den USA erschüttert. Die Wise Guys sagten ihr Konzert in Bergisch Gladbach für den Abend kurzfristig ab, was ich für eine sehr gute und richtige Entscheidung hielt. Angesichts dieser unvorstellbaren Katastrophe hätte auch ich keinen Sinn für einen lustigen Abend gehabt. Den Sinn dafür hatte ich aber eigentlich auch noch nicht am nächsten Abend und ich hätte es mit Erleichterung aufgenommen, wenn bis zum Ende der Woche alle weiteren Konzerte abgesagt worden wären. Mit den grauenhaften Bildern des World Trade Centers im Kopf schien es mir schwer möglich ein sonst so geliebtes Wise Guys Konzert zu genießen. Durfte ich überhaupt richtig lachen und konnte ich das? Andererseits hatte ich am Dienstagabend unmittelbar nach den schlimmen Fernsehbildern eine Chorprobe gehabt, zu der ich mit beklemmendem Gefühl im Bauch ging und dann erstaunt feststellte, wie schön es war, dass es eine andere Welt gab. Für zwei Stunden fühlte ich mich beruhigt, verdrängte mein Entsetzen und kehrte erst in die Realität zurück, als ich auf der Rückfahrt das Autoradio anstellte, um mit Bangen zu hören, ob es noch schlimmere Nachrichten gab.

Ich war also hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis zunächst alle witzigen Veranstaltungen wegzulassen, bis ich die Ereignisse einigermaßen verarbeitet hatte, und meinem trotzigen Verlangen ‘jetzt erst recht’ in mein Leben zurückzukehren. Aber wenn die Wise Guys für diese Woche alle Konzerte abgesagen würden, könnten sie dann ein paar Tage später in der Philharmonie einfach weitermachen, als wäre nichts geschehen? War 4 Tage später wirklich ein Unterschied? Durch diesen Anschlag, der so unvorstellbar mit Menschenleben umging und klarmachte, das es ab jetzt keine Sicherheit mehr gab, war einfach alles aus der gewohnten Lage gekippt. Ich wußte, dass die Wise Guys lange diskutierten und sorgfältig überlegten was sie machen sollten und war froh, dass ich das nicht für sie entscheiden musste.

Als ich erfuhr, dass das Konzert stattfinden würde, war mir klar, dass ich hingehen würde. Einfach schon, um die Wise Guys moralisch zu unterstützen, an diesem Abend nicht alleine zu lassen und zu zeigen, dass ich mit ihrer Entscheidung einverstanden war. Allerdings hatte ich ein seltsames Gefühl im Bauch und war unsicher, ob ich für mich eine richtige Entscheidung getroffen hatte. Mir war nicht so sehr nach Lachen. Ich vermutete, dass auch die Wise Guys an diesem Abend mit Bangen auf die Bühne gehen würden und viel davon abhängen würde, wie das Publikum reagierte. Es war einfach eine überaus schwierige Situation, die völlig neu war und bei der es wahrscheinlich kein Richtig und kein Falsch gab.

Ziemlich bedrückt begab ich mich in die Halle und bemerkte mit Erstaunen, dass sich meine Stimmung beim Warten auf den Beginn des Konzertes schon aufhellte. Um mich herum wurde erzählt und gelacht, aber trotzdem auch immer wieder von den Ereignissen in Amerika gesprochen. Ich traf einige Leute, die ähnliche Probleme wie ich hatten, und ebenso unsicher und zögerlich zum Konzert gekommen waren. Die Frage stand irgendwie im Raum: “Darf man jetzt schon wieder Spaß haben?”

Ganz ungewohnt betrat Dän alleine die Bühne. Sehr ernst und manchmal nach den richtigen Worten suchend begann er über die Gründe zu sprechen, warum sie sich zu diesem Konzert entschlossen hätten. Es fiel ihm merklich schwer über die unfaßbaren Anschläge zu sprechen und man konnte spüren, dass es ihm sehr nah ging. Trotzdem fand er die richtigen Worte und war dabei so glaubhaft, ernst und betroffen, dass es ganz ruhig im Saal wurde. Für die Erklärung, das komplette Geld des Abends für Hinterbliebende und Opfer der Katastrophe zu spenden, gab es einen langen, kräftigen Beifall. Dän machte deutlich, dass die Wise Guys von den Ereignissen ebenso bedrückt wie die Zuschauer waren, und mit ihrem Konzertprogramm versuchen wollten, für zwei Stunden von der belastenden Realität abzulenken. Als er am Ende sehr blaß und sichtlich mitgenommen unter starkem Applaus abging, hatte er diese schwierige Aufgabe beeindruckend bewältigt und ich war wirklich sehr stolz auf ihn.

Es blieb noch zwei Minuten hell, der Geräuschpegel stieg langsam wieder an und dann ging endlich das Saallicht aus, die Wise Guys kamen auf die Bühne und wurden mit langem, bestätigendem Applaus begrüßt. Ihr neuer Opener “Showtime” ertönte und auch wenn der Klang, der von der Bühne kam, etwas zu mager und leise war, kam das Lied gut an und erhielt einen Beifall, der auf der Bühne sichtlich entspannte Gesichter zur Folge hatte. Bei “Anna hat Migräne”, das jetzt doch wieder als “Frühlingslied” angekündigt wurde, gab es Gelächter und erst bei “Das Leben ist zu kurz” wurde mir mehrfach klar, wie schrecklich unpassend manche Formulierungen in so einer Situation sein können. Trotzdem bemühten sich die Wise Guys den Abend behutsam zu gestalten und hatten dafür das “RTL-Lied”, bei dem jedem die Zeile ‘Ich war noch niemals in New York’ durch den Kopf schwirren würde, und “Zur Lage der Nation”, das mit der lockeren Umsetzung von Rechtsradikalismus völlig unpassend war, ausgesetzt. Auch einige Ansagen wurden gekürzt oder leicht abgeändert, um Bemerkungen, die in diesem Zusammenhang hart an die Nerven gehen könnten, zu vermeiden. Sehr schön und passend für die Gemütslage war “More than words”, das einen wunderschönen Schluß hatte, bei dem man die berühmte Stecknadel hätte fallen hören können.

Die Stimmung im Publikum (und auch bei mir) wurde während des ersten Teiles immer leichter und entspannter. Als die Wise Guys zur Pause von der Bühne gingen, gab es viel Getrampel und großen Beifall. Eine eindeutige Zustimmung zur Konzert-Entscheidung, auch wenn das Thema ‘Amerika’ auch in der Pause weiterhin präsent war.

Danach ging es mit “Sensationell” weiter, in dessen Schluß Dän reinquatschte und damit den Beifall verhinderte. Ich fand’s sehr witzig, weil es einfach klasse ist, wie er einen ganzen Saal zuquatschen kann, ohne dass sich einer traut ihn zu unterbrechen. “Bleib wie du bist” wieder sehr schön, bei “Willst du mit mir gehen” viel Gelächter und nach “When I’m 64” ein plötzlich überraschend tosender Beifall. Dän brachte gleich seinen Uralt-Witz mit der e-mail aus Ostdeutschland an und er kam immer noch supergut an und löste lautes Gelächter aus. Das Ablenken von den schrecklichen Ereignissen war  gelungen. Auch wenn bei mir weiterhin ein dumpfes Gefühl in der Bauchgegend saß, und ich den Abend wie in einem Ausnahmezustand empfand, genoß ich ihn sehr und lachte vergnügt und echt. Es tat sehr gut! Und es ging nicht nur mir so.

Bei “Kaiser Franz” durfte mitgemacht werden, um eine unheimliche Waldatmosphäre zu erzeugen. Schon allein das Üben der Tierstimmen und der Anblick von Dän, der beim Produzieren des Waldeulengeräusches wirklich total bescheuert aussah, brachte den kompletten Saal zum Lachen. Wunderbar! Da ich meine Zunge genetisch bedingt nicht rollen konnte, die Klapperschlangen-Grille bei mir nur zischte und auch die Kröte nicht besonders überzeugte, nahm ich mir vor zu Hause zu üben und an diesem Abend nur zuzuhören. Es war grauenhaft, was vom Publikum zu hören war, aber total witzig. Da das Publikum nur auf Aufforderung zum Einstieg in die Strophen Geräusche produzierte, konnte man den weiteren Text gut verstehen und es gab viel Gelächter. Ich liebe das Lied, auch wenn ich den Franz darin immer noch nicht leiden kann. Aber der Text und die Musik sind so wunderschön abgedreht. Auch der fürchterliche moosgrüne Vorhang im Hintergrund der Bühne sah plötzlich klasse giftiggrün aus und zauberte zusammen mit dem Bodennebel echte Waldatmosphäre. Der Beifall danach war zwar kräftig, aber für mich überraschend normal. Ich hätte da viel mehr erwartet, aber wahrscheinlich suchten viele Zuschauer noch nach dem Sinn des Liedes und waren am Schluß etwas fassungslos. Macht nichts, ich finde es absolut klasse! Dän kommentierte die Zuschauergeräusche mit einem zögernden: “Die atmosphärische Unterstützung war ..... gut.” Nett gesagt.

Danach löste er mit seinem Gerede über ‘Osna Brück’ und das ‘innere Osna’ breites Grinsen bei Clemens und laut kichernde Lachanfälle bei Eddi aus, und bei ‘Osna, Osna, Osna’ brach dann auch noch Ferenc kurzzeitig zusammen. Die Stimmung übertrug sich sofort auf die Zuschauer und machte großen Spaß. Nach dem letzten Lied gab es viel Applaus und so lautes Getrampel, dass die Stühle auf dem Turnhallenboden wackelten. (Wahrscheinlich schwinggefederter Parkettboden, oder so.) Die Wise Guys kamen im Laufschritt auf die Bühne zurück und brachten ohne weitere Ansage “Nein, nein, nein”, das im Refrain von einigen Zuschauern laut mitgesungen wurde und völlige Begeisterung auslöste. Danach waren die Jungs wirklich von Jubel umtost und sie strahlten glücklich und sehr erleichtert ins Publikum, weil der Abend so gut gelaufen war. Wieder machten sie sich im Laufschritt auf den langen Weg zu den Garderoben und die Turnhalle erzitterte vom begeisterten Getrampel der 800 Besucher. Und natürlich mussten sie den ganzen Weg noch einmal zur Bühne laufen, wo sie schon etwas verschwitzt und leicht außer Atem ankamen. Dän ergriff das Wort und sagte: “Sie zeigen uns mit Ihrem Applaus, dass die Entscheidung, heute abend zu singen, richtig war.” und erhielt kräftigen, zustimmenden Applaus dafür.

Auch “GoldenEye” war richtig, trotz Geheimdienst und Waffen. Es war Film und nicht die aggressive Realität. Viel Applaus, nochmal der 400m-Lauf zu den Garderoben und zurück und als allerletzte Zugabe “Schlag mich”. Da war dann schon die Ansage superkomisch, weil Dän vorne seine gewohnten Sätze über Britney sagte, und hinter ihm Clemens mit passenden Gesten und Grimassen die Aussagen unterstütze oder sogar zweifelnd zu Dän rüberguckte, als ob er sagen wollte “Was redet der denn für’n Mist?”. Wie ein kleines Kind, das genervt von dem ganzen Gelabere im Hintergrund Faxen macht. Es war die Show in der Show und total klasse! Bei der Tanz-Performance wurde vom Publikum mitgeklatscht und zum Abschluß gab es Riesenapplaus und für das komplette Konzert Standing Ovations. Ein großes Dankeschön für den Abend in dieser schwierigen Situation.

Leider war der Ton nicht so besonders gut, was aber den Selten-Hörern kaum aufgefallen sein wird. Es fehlte das Fundament und war oft zu mager, so dass manches nicht so gut rüberkam, wie ich es sonst kannte. Auch die Hintergrundstimmen waren oft zu leise und gerade an der Grenze. Kein direkt schlechter Klang, da alle Stimmen klar voneinander getrennt zu hören waren, aber zu wenig und zu klein. Das wird aber wahrscheinlich an der ungünstigen Saalakustik gelegen haben, da Turnhallen selten für A-cappella-Konzerte gedacht sind.

Es gab noch einen kleinen Afterglow und ringsherum hörte ich nur zufriedene Stimmen, die froh waren, das Konzert besucht zu haben und dankbar über das Lachen und die Ablenkung waren. Auch Däns sensible Rede am Anfang des Konzertes hatte viel zurechtgerückt und damit die Zuschauer mit den Wise Guys zu einer Gemeinschaft gemacht. Es war nicht darum gegangen locker und lustig zur Tagesordung überzugehen, sondern alle waren sich darüber bewußt, dass grauenhafte Sachen geschehen waren und der Abend nur kurzzeitig davon ablenken würde. Mit dieser Einstellung konnte man das Lachen wirklich genießen und der Auftritt war in keiner Weise unpassend. Ein großes Dankeschön an die Wise Guys, die selber unsicher waren und doch so gut mit dieser außergewöhnlichen Situation umgingen!

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