Sonntag, 14.März 2004
Die WISE GUYS in der Johanneskirche, Köln (Abendvorstellung)

Als ich ankam, war die Nachmittagsvorstellung in der Johanneskirche gerade vorbei und die Zuschauer strömten aus dem Haupteingang auf die Strasse. Einige gingen sofort Richtung Auto,  Bahn oder nach Hause, andere sehr zielstrebig zum Nebeneingang der Sakristei, aus dem die Wise Guys zum Autogrammeschreiben erwartet wurden. Da der Flurbereich dort verglast war, konnte man gut erkennen, wann sich ein Wise Guy auf den Weg nach draußen machte, oder ob er sich blöderweise noch festgequatscht hatte. Das hatte schon was von Big Brother, und viele neugierige Augen beobachteten jede Regung, die sich hinter dem Glas tat. Andererseits konnten auch die Wise Guys von innen erkennen, was draußen auf dem Rasen auf sie wartete, aber sie kamen unverzagt aus der nur von innen zu öffnenden Glastüre heraus, zückten ihre dicken Edding-Stifte und begannen Unterschriften auf alles zu schreiben, was ihnen vor die Nase gehalten werden konnte.

Da die Nachmittagsvorstellung wegen ihrer günstigen Zeit von vielen Kindern besucht wurde, waren die meisten Fans deutlich kleiner als die Wise Guys, was witzig aussah, wenn so viele kleine Menschen einen Ring um den in ihrer Mitte stehenden, großen Wise Guy bildeten. Entgegen ihrer Aussage “Kinder find ich nicht so toll”, kümmerten sich die Wise Guys aber gerade um den Nachwuchs immer recht aufmerksam. Nach einiger Zeit hatten die Eltern ihre glücklichen Kinder eingesammelt und pfiffen zum Abmarsch, die ersten Besucher der Abendvorstellung trudelten vor dem Haupteingang ein, und einige größere Fans, die schon in der ersten Vorstellung gewesen waren und aus gutem Grunde ihre Eltern nicht mitgebracht hatten, stellten sich wieder an, um auch bei der zweiten Vorstellung gute Plätze zu bekommen.

Um kurz vor 20 Uhr war die Kirche erneut voll, wenn nicht zu sagen überfüllt, und die ersten Klatscher forderten den Konzertanfang. Ich machte mir leichte Sorgen, denn Dän hatte eine Entzündung im Stimmbereich und war am Vortag beim Konzert in Pulheim schon hart an der Grenze gewesen. Ziemlich mitleidslos freue ich mich ja sonst, wenn er eine leicht erkältete, rauhe Stimme hat und schmelze weg, wenn er damit ruhige Balladen singt, aber diesmal konnte ich es nicht genießen. Seine Stimme hatte einen kratzigen Unterton und ich konnte hören, wie er sie beim Singen belastete. Und dann in der Johanneskirche auch noch zwei Konzerte nacheinander! Es geht mir nicht oft so und vor Wise Guys Konzerten bisher nie, aber vor dem Abendkonzert dachte ich: “Ich bin froh, wenn es vorbei ist!” Das hatte aber nur medizinische Gründe.

Das Klatschen in der Kirche hatte einen Herren in den Altarbereich gelockt, der wahrscheinlich der Pfarrer war. “So kann’s gehen”, begann er, “man will zum Wise Guys Konzert gehen und plötzlich sitzt man in der Kirche.” So ganz hatte mich das zwar nicht überrascht, denn das hatte ich beim Kartenkauf gewußt, aber es war gut, dass es nochmal erwähnt wurde, falls jemandem das noch nicht aufgefallen war. “Seit sieben Jahren gibt es hier Konzerte der Wise Guys. Wieso? Die Antwort ist ganz einfach: Das ist DEREN Kirche.” Das verblüffte mich dann doch, aber ich erfuhr sofort, dass die Kirche den Wise Guys nicht gehörte, sondern nur in ihrem Viertel stand. War natürlich schön, dass die Klettenberger, die sonst immer über den parkenden Wise Guys Bus oder einen höchstpersönlichen Wise Guys stolperten, die Gruppe auch mal ganz nah, im eigenen Veedel hören konnten.

Das Saallicht ging aus und die Wise Guys kamen unter großem Applaus in den Altarbereich, den ich ab jetzt ‘Bühne’ nennen werde. Sie stellten sich eng zusammen und begannen schließlich mit Weil ich ein Kölner bin. Ich hörte angespannt hin, beruhigte mich aber recht schnell, denn Dän’s Stimme klang eindeutig weicher und stabiler, als am Vorabend. Noch immer nicht in Ordnung, aber besser.


Nach dem Konzert erfuhr ich übrigens, dass sie überhaupt noch nicht gesünder war. Scheinbar konnte Dän aber besser damit umgehen und die Probleme etwas überspielen, beziehungsweise übersingen. Der Klang im Raum war voll und sehr gut. Ich saß oben auf der Empore, vermute aber, dass es auch unten gut klang, denn das Publikum war schon während des ersten Liedes sehr andächtig und ganz leise. Auch die kleinen Lacher kamen in verminderter Lautstärke, als ob niemand die schöne Atmosphäre zerstören wollte. Sehr emotional und ein wirklich bewegender Einstieg in das Konzert. Noch im starken Endapplaus begann ein fetziges Ruf doch mal an, bei dem die Bässe dunkel hämmerten und die Lautstärke genauso war, wie sie sein sollte. Die Zuschauer klatschten von Beginn an mit und hatten gute Stimmung.

Es gab wieder kräftigen Applaus, dann konnte Dän das Publikum begrüßen. Er erklärte sofort: “Ich habe eine kleine Kehlkopfentzündung und stehe unter Cortison und Antibiotika. Wenn es sich etwas kratzig anhört, hören Sie bitte auf die vier anderen!” Außerdem bat er um ausreichenden Beifall, wenn er einen Schluck Wasser trinken müsse. “Wenigstens so lange, bis ich fertig bin.”

Da die Wise Guys auf Konzerten jetzt auch mit privaten Auskünften ganz offen sein wollten, berichtete Dän kurz von den beiden Kreativ-Wochen in Holland, die sie mit den kompletten Familien dort verbracht hätten. Das brachte ihn gleich zum Lied Kinder. Das plötzliche,  überraschte Gelächter während der Strophen aus einigen Reihen zeigte, dass es Neuhörer in der Kirche geben musste. Der Applaus danach war groß und die Stimmung überall klasse.

Dän wollte weiterhin “alles offenlegen, was in Sülz und Klettenberg passiert.” Er guckte zu Clemens und ergänzte: “Oder in Zollstock.” Clemens protestierte mit einem scharfen: “Hey!” Dän guckte verblüfft und fragte: “Raderberg?”, um danach lässig zu sagen: “Na, ist doch Zollstock!” Ich war schon etwas verwundert, dass sie untereinander nicht mal genau wussten, wo sie wohnten. Das war wohl auch der Grund, warum sie ein Büro hatten, in dem sie sich immer mal treffen konnten, wenn sie nicht gemeinsam auf Tour waren. Immerhin konnte Dän die Anzahl der Kinder richtig angeben und versprach: “Nach dem Konzert können Sie auch die Namen der Kinder erfahren.”

Es ging zur Umfrage, das Kirchen-Licht musste umständlich angeschaltet werden, aber dann konnte klar festgestellt werden, dass es nur noch sehr wenige Neuhörer gab, dafür aber eine deutliche Mehrheit von Mehrfachtätern. Viele der Anwesenden kamen aus Klettenberg, aber eine Frau war mehr als 200 Kilometer angereist. “Woher?” fragte Dän und erhielt die Antwort: “Freiburg.” “Oh, my god!” kam es einer Frau in meiner Nähe halblaut über die Lippen, und Dän fragte zur gleichen Zeit verwundert: “Freiburg? Warum???”

Als Clemens das Licht nach einigen Versuchen wieder ausschalten konnte, begann Was für eine Nacht. Die Basstöne am Anfang gingen schön kräftig los und es war alles, vom Licht bis zum Ton, sehr schön. Das muss einfach hämmern und darf nicht leise und zurückhaltend bleiben.

Danach der Dialog. Clemens mit klarer Stimme, Ferenc mit tiefem, aber sanftem Bass-Fundament, und der Background sehr zart dazu - wunderbar! Das Publikum saß wieder ganz still und konnte nach der mitgeklatschten, durchfeierten Nacht doch sofort wieder ruhig sein und die große Ruhe genießen. Großes Lob!
 

Dän nahm nochmal einen Schluck Wasser und ließ deswegen das nächste Lied spontan von einem seiner Kollegen ansagen. Nix wie weg hier war zum ersten Mal am Vortag auf der Bühne von Pulheim gesungen worden und brachte Dän’s angegriffene Stimme an ihre Grenzen. Das geplante, karibische Feeling kam schon durch, aber mit gesunder, lässiger Stimme wird das noch viel softer und leichter werden. Da warte ich einfach ab, bis Dän wieder gesund ist, dann groovt es so richtig sommerlich ab und wird wirklich rund und gut. Das Lied hat ein ganz besonderes Feeling, das sich noch ein wenig versteckt hielt. Clemens sagte danach, dass das neue Lied die ‘Sonnencremeküsse’ verdrängt hätte, was ich als Moderation nicht so gut fand. Wenn mir jetzt immer erzählt würde, was alles rausgeflogen ist, hätte ich nach den Konzerten das Gefühl eine Menge verpasst zu haben.

Das war gut war langsam und gezogen und vom Tempo so gerade noch in Ordnung. Einen Tick langsamer, und man hätte die müde Einschlafphase erreicht. Ich verstehe, dass durch das verzögerte Tempo der laszive Zustand gezeigt werden soll, hätte es im Zweifelsfall aber lieber etwas zu schnell und aufgedreht, als zu langsam und damit fast schon gelangweilt. Wenn ich beim Hören das Gefühl habe, ich müsste mal ein bißchen antreiben, läuft etwas falsch. Kann man mit lahmen Typen wirklich Spaß im Bett haben, frage ich mich und bitte gleichzeitig alle Kinder den letzten Satz einfach zu überlesen. Um es nochmal zu sagen: Es war bei diesem Konzert tempomäßig gerade noch im grünen Bereich, aber ich hätte es ungerne noch langsamer. Ansonsten ist es ein tolles Lied, das ich sehr mag. Sari seufzte sein letztes: “Das war gut!” und in der kurzen Pause zwischen verklingendem Ton und losplatzenden Applaus hörte ich einen Zuschauer sehr zufrieden, aber etwas dreckig lachen: “Hähähä.”

Auch noch recht neu im Programm war Wo der Pfeffer wächst, bei dem Dän so wunderbar zwischen fast naiver, sanfter Stimme und wütendem Ausbruch wechselt. Erstaunlicherweise war die Stimme in voller Lautstärke und heftig ausgestoßen viel sicherer, als an den leisen Stellen. Ich hatte die Befürchtung, dass sie bei einer Entzündung nicht gerne voll gefordert wurde, aber es schien keine größeren Probleme zu machen. Dän lief bei den Refrains ziemlich sauer über die Bühne, sang dabei heftig und ich grinste ihn von meinem Platz in der letzten Reihe an, weil ich das toll fand. Wahrscheinlich würde mein Grinsen schlagartig verschwinden, wenn ich mal das Ziel seiner Wut sein sollte. Aber ich werde mich bemühen, dass es nicht so weit kommt.
Es gab Szenenapplaus für die witzige Textstelle mit ‘Hänschen Klein’, und nach dem großen, lauten Endapplaus sagte Dän: “Ein Lied eher für die Männer im Publikum”, aber ich dachte an mein zufriedenes Grinsen und wußte: “Nee! Auch für mich!”

In seinem Retter-T-Shirt, das ihn auch zum ‘Retter des männlichen Geschlechts’ machte, sang Sari beflissen seiner Powerfrau hinterher und bekam von einigen anwesenden Frauen spitze Entzückensschreie zu hören, als er sich in Pose stellte und Millimeter seines Bauches unter dem T-Shirt hervorblitzten. Das Gelächter über den Text war sehr vergnügt, und ich beobachtete mit Freude, dass die in meiner Nähe sitzenden Leute durchgehend aufmerksam, lachbereit und konzentriert dem Konzert folgten und sich sichtlich gut unterhalten fühlten.

Das letzte Lied vor der Pause wurde angesagt, und Dän wies vorher auf den Artikelstand hin: “Wenn Sie nur einmal im Jahr zum Konzert hier in der Johanneskirche gehen, weil Sie sonst das Viertel nicht verlassen: Es gibt neue Sachen am Artikelstand.” Sehr gut wurde anschließend Nur für dich gebracht. Der Text war witzig, es gab nach fast jeder Zeile Gelächter, der Aufbau des Liedes war klasse, und Clemens machte eine eigene Show daraus, die wirklich supergut war. Die Stimmungsänderungen spiegelten sich sofort in seiner Mimik wider und es machte einfach Spaß dem Lied zuzuhören. Beim überraschenden Schluß gab es im Publikum großes Gelächter, dann Gejubel und Applaus, und dann war Pause.

Ich nutzte die Pause im Foyer so lange wie möglich und kam gleichzeitig mit den Wise Guys in die Kirche zurück. Sie unten auf die Bühne, ich oben auf die Empore. Der Jubel brauste los, aber ich vermutete sofort, dass er nicht mir galt. Schließlich hatte ich weder in der ersten Hälfte, noch in der Pause etwas Bemerkenswertes geleistet. Meine Stimme war zwar auch etwas heiser und angegriffen, aber das alleine reichte für diesen Jubel sicher nicht aus. Die Wise Guys hatten die Pause genutzt, um die Reichhaltigkeit ihrer Kleiderschränke zu demonstrieren und waren jetzt alle schwarz gekleidet. Sie sangen den Ohrwurm, und hin und wieder warfen einige Fans ein neckisches “Hallo!” an passender Stelle ein. Das Lied kam sehr gut an und wurde begeistert beklatscht.

Danach stand Einer von den Wise Guys auf dem Programm. Eddi erzählte als Leadsänger vom schweren Schicksal als wiedererkennbare Persönlichkeit des öffentlichen Interesses, und das Publikum amüsierte sich sehr.












Es gab laute Lacher und am Ende starken Applaus. Außerdem war der Rhythmus sehr mitreißend, so dass auf Stühlen und Bänken sitzend, heftig mitgewackelt wurde. Mit den Chocolate Chip Cookies musste eigentlich keine Frau mehr überzeugt werden, trotzdem ließen die Wise Guys Hüften kreisen, leckten verführerisch die eigenen Finger ab, oder zogen das Hemd über der gestählten Brust auseinander. Ferenc strich sich lasziv über seine Oberschenkel, wies dabei auf seinen ‘luftdichten Behälter’ hin, und ein entfesseltes, weibliches  Geschrei antwortete ihm. Ich johlte natürlich mit, hörte mich aber aufgrund meiner etwas erkälteten Stimme wohl eher wie ein begeisterter Tenor an, was ihm in der Masse aber nicht weiter auffiel.

Um die Hoffnungen der Masse und des Tenores sofort wieder abzukühlen, wurde Jetzt ist es zu spät gesungen, ein Stück, bei dem ganz deutlich gesagt wurde, dass die schmachtenden Interessentinnen früher hätten anfragen müssen. Tja, die ein oder andere hätte sich über einen Titel wie ‘Jetzt ist es eigentlich zu spät, aber...’ sicher mehr gefreut, aber die Wise Guys waren knallhart. Sie warfen noch die Aussage, dass Frauen kein Timing hätten, hinterher, und im lauten Endapplaus rief ein Mann in meiner Nähe laut: “Bravo!!” Meinte er das Lied allgemein, die Aussage des Liedes, die er seiner Freundin nochmal deutlich machen wollte, oder fand er den letzten Satz persönlich passend? Wir werden es wohl nie erfahren.

Auch noch sehr frisch im Programm war Du gehst mir nicht mehr aus dem Kopf, das Lied mit viel mehr Wörtern als Noten. Sari hatte die Aufgabe übernommen den überlangen Text zu lernen und ihn holpernd, stolpernd, aber trotzdem sehr exakt und wunderbar witzig auf die Takte zu verteilen. Einmal zögern bedeutete dabei einen halben Satz zu verlieren, aber er zögerte nicht und sprudelte die Worte raus. Wahnsinn!


Ein tolles Lied, das supergut gebracht wurde. Und mir gefällt es übrigens nicht nur deshalb ausgesprochen gut, weil jemand mit Zopf drin vorkommt.

Eddi setzte cool die Sonnenbrille auf und war Du Doof. Sari behandelte ihn verächtlich, aber Eddi liess sich in seiner Selbstgefälligkeit kaum stören. Sehr gut. Nur dass Dän am Anfang einige Leute nannte, denen das Lied galt, störte mich persönlich ein wenig. Mir würden da Anspielungen reichen, den Rest könnte ich selber einsetzen. Bei Sing mal wieder war das Publikum im Mitmachteil gefragt. Eddi forderte mehrfach größere Lautstärke von den singenden Zuschauern, dann hallte es kräftig durch den Kirchenraum. Vor mir saßen Leute, die über die superlangen Töne über mehrere Takte so lachen mussten, dass sie sie gar nicht singen konnten. Und mein Mann sang an einer Stelle den Vorsing-Part von Eddi mit, weil er auswendig wusste, was dran war. Ich guckte ihn vorwurfsvoll an und überlegte, ob er nicht zu oft auf Konzerten sei und lieber mal eine Weile zu Hause bleiben solle, damit ihm solche Pannen nicht mehr passierten. Im letzten Teil des Stückes klatschten viele Zuschauer ganz groovig auf die 2 und die 4 mit, blieben dabei aber bei verminderter Lautstärke, so dass es toll den Rhythmus unterstützte, aber nicht losknallte. Der Jubel am Ende war mal wieder gigantisch. Wieso eigentlich? Wer so viel Spaß am Selbersingen hat, kann doch auch selber in einen Chor gehen und dort viel länger aktiv sein, anstatt nur 2 Minuten bei den Wise Guys mitzusingen. Naja, immerhin kann ich jetzt in meinem Lebenslauf angeben, dass ich mit den Wise Guys gesungen habe, was natürlich viel eindrucksvoller klingt, als wenn ich den Kirchenchor St. Cäcilie aus Holpersdorf nenne. Und nach Zeitangaben wird man da nie gefragt. Dann doch lieber 2 Minuten Wise Guys, als die 25-Jahre-Ehrennadel von St. Cäcilia.

Dän kündigte an: “Wir brauchen jetzt ein Schnipsen, denn wir begrüßen hier unseren Bass Ferenc Husta in seiner ersten nennenswerten Rolle heute Abend.” Sofort ging’s mit King of the road los, und ich bekam jedesmal einen vorwurfsvollen Blick von meinem Mann, wenn ich auf Ferenc guckte und dabei vergaß die Schnipp-Pausen einzuhalten, die mir der Backgroundchor vormachte. Die schnippten nämlich nicht einfach durch, sondern hatten breaks, die mein Mann sehr genau kannte und perfekt einhielt. Ich war also sehr gefordert mit einem Auge auf Ferenc zu gucken, mit dem anderen auf den Backgroundchor, aus einem Augenwinkel meinen Mann zu beobachten und gleichzeitig die Schnipp-Pausen zu beachten. Schielend und schnippend schaffte ich es dennoch das Lied zu genießen, bekam sogar mit, dass ein Mann schräg neben mir erst zwei Takte nach dem Wort “Ego” plötzlich den Reim begriff und einen Lachanfall bekam und konnte am Ende auch noch dem singenden, idiotischen Raser, der in hellem Scheinwerferlicht stand, laut zuzujubeln. Multitaskingfähig. Ich hätte Pilotin werden können.

Der Jubel war erst laut, dann lange, wurde dann aber von alleine leiser und brach schließlich ab. Dän war über den Ferenc-Jubel etwas deprimiert: “Wir kommen jetzt, aus gegebenem Anlaß, zum letzten Lied....” und laute “Oooooh”’s waren die Antwort, auf die er grinsend: “Dankeschön!” sagte. Er wies auf die Möglichkeit eines Afterglows hin, wusste aber nicht, ob vorne im Foyer, oder unten im Kellerraum. “Oben oder unten?” fragte er und entschied dann: “Oben. Oder unten.” Als ein Zuschauer einen Vorschlag machte, guckte er hin: “Wer hat das entschieden?”, erkannte dann den Pfarrer und schloß das Thema: “Der Chef hat gesagt: unten.” Auf die Homepage wies er etwas nachlässig hin: “Wiseguys-Punkt-De-Eh, aber wir wohnen ja eh hier.”

Dän beendete den offiziellen Konzerteil: “Meine Damen und Herren, wir verabschieden uns ... mit einem weiteren Schluck Wasser....” und ging an den seitlichen Tisch, wo die Wassergläser standen. Während er trank, applaudierten viele Zuschauer hilfreich, denn darum hatte er ja zu Beginn des Konzertes gebeten. Die ersten Töne des Deutschen Meisters erklangen, und auf der Empore wurden einige Wunderkerzen entzündet, was superschön aussah. Viele Zuschauer sangen von Beginn an leise mit und steigerten sich in den Refrains. Auch hier gab es wieder überraschte Lacher der Neuhörer, die den Text zum ersten Mal hörten. Die Stimmung war sehr schön, es wurde kräftig geschunkelt, und die letzten Takte wurden vom angeregten Publikum immer schneller und heftiger mitgeklatscht, so dass es beim letzten Ton schon sehr laut war, es dann aber noch einen allerletzten, lauten Jubel- und Beifallausbruch gab. Sofort wurden den Wise Guys weiße Rosen überreicht, die sie dann beim Abgang als ‘Spielmannszug’ pfeifend und prustend durch die Gegend schwenkten. Sah sehr malerisch und nett aus. Fast wie beim Schützenzug.

Sofort klatschten die Zuschauer laut und rhythmisch los, und einige riefen fast verzweifelt nach Zugaben. Sie trampelten auf den Holzboden und der Lärm war gewaltig. Plötzlich waren Töne zu hören, es wurde schnell ruhig im Saal, und die Wise Guys kamen langsam von der Seite und sagen Live and let die. Da kann ich jetzt nur so viel zu sagen: Wahnsinn! Absolut beeindruckend! Es gab kaum noch dunkle Lichtpausen, die Bewegungen sahen zügig und sicher aus, der Ablauf wirkte sehr rund und fast schon perfekt. An der Intonation muss an manchen Stellen noch ein bißchen gefeilt werden, aber die musikalischen Wechsel sind völlig überzeugend und es ist erstaunlich, was für Wirkungen mit fünf Stimmen erzielt werden können. Ganz großes Lob für diese Performance, die wirklich ein genußvoller Seh- und Hörrausch ist, der sehr gewaltig an einem vorbei zieht!

Wieder gingen die Wise Guys ab, wurden von verzweifelten Rufern auf die Bühne zurück geholt und legten mit Rasier dich los. Es war witzig und schön, und die Zuschauer freuten sich lachend. Ferenc schleuderte Sari quer über die Bühne durch die Tür bis fast in die Sakristei und es dauerte etwas, bis er wieder zum Vorschein kam. Er hatte plötzlich eine Sonnenbrille auf und marschierte mit entschlossenen Schritten auf Ferenc zu. Der zögerte etwas unsicher, drehte sich dann schnell um, lief zum seitlichen Tisch, setzte ebenfalls eine Sonnenbrille auf und lief mit einem kleinen Stofftier in der Hand auf Sari zu. Er wedelte mit dem Tier vor Sari’s Nase herum, der wich zurück, und Ferenc warf es ihm in hohem Bogen zu.











Beide sangen normal weiter, streckten dabei den Arm weit aus und berührten sich nur leicht mit den Fingerspitzen, wobei sie sich sonnenbebrillt tief in die Augen sahen. Sofern sie Augen sahen. Ferenc verlor als Erster die Fassung, brach lachend ab und klappte zusammen. Mit einer Handbewegung “jetzt ist sowieso alles egal”, drehte er sich um und ging grinsend nach hinten, wohin ihm Sari folgte und mit ihm in eine vergnügt lachende Endposition versank. Das Publikum war natürlich begeistert und klatschte tobend laut.

Das steigerte sich nach dem erneuten Abgang der Wise Guys noch in rhythmisches Klatschen, Pfeifen und Trampeln und wurde erst aufgehört, als die Wise Guys wieder auf der Bühne erschienen und Jetzt ist Sommer anstimmten. Von der ersten Reihe beginnend, standen die Zuschauer auf und klatschten singend mit. Eine sehr tolle Stimmung und ein begeistertes Publikum. Als sich der Jubel am Ende des Liedes gelegt hatte, und zwei La-Ola-Wellen durch die Kirche gefegt waren, wurde der Ohrwurm-Refrain angesungen, die Wise Guys gingen winkend von der Bühne ab und das Publikum sang weiter.

Ein paar Runden lang wurde es fast noch kräftiger und lauter, da kamen die Wise Guys plötzlich zurück und sangen die Extra-Strophe, die es nur gibt, wenn vom Publikum lange genug gesungen wird. Ein schöner Abschluß, und die Zuschauer waren zufrieden und akzeptierten den Schluß, als die Gruppe dann endgültig abging.

 

Fazit: Ein unerwartet gutes Konzert, das musikalisch sehr viel Abwechslung bot, eine tolle Atmosphäre und ein aufmerksames und sehr interessiertes Publikum hatte. Trotz der Stimmprobleme bei Dän, und obwohl es das zweite Konzert des Tages war, war es ein sehr gelungener Abend, der mir total viel Spaß gemacht hat. Sound gut, Licht gut, Publikum gut und schöne neue Lieder im Programm. Große Klasse! Wenn ich nicht schon Wise Guys Fan wäre, wäre ich es geworden.

Beim Afterglow war gar nicht sehr viel los, so dass er stressfrei und gut ablief und die Wise Guys danach noch ihren traditionellen Privat-Afterglow beim Küster Zimmermann hatten, der ihnen unaufgefordert ein Getränke anbot, mit dem man sonst, nach Aussage meines Gatten, “Tonköpfe reinigt”. Es waren aber doch keine Rosinen drin, wie Sari ganz richtig analysierte, sondern Johannisbeeren. Egal, welches Obst verwendet wurde, das Wort ‘Cevapcici’ kann nach dem Genuß des Getränkes Probleme bereiten und gilt in der Aussprache ‘Cevapischti’ nicht als korrekt.


Weil ich ein Kölner bin
Ruf doch mal an
Kinder
Was für eine Nacht
Dialog
Nix wie weg hier
Das war gut
Wo der Pfeffer wächst
Powerfrau
Nur für dich

Ohrwurm
Einer von den Wise Guys
Chocolate Chip Cookies
Jetzt ist es zu spät
Du gehst mir nicht mehr aus dem Kopf
Du Doof
Sing mal wieder
King of the road
Deutscher Meister
Live and let die
Rasier dich
Jetzt ist Sommer
 

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