Donnerstag, 29.Januar 2004
Die WISE GUYS in der Stadthalle, Wuppertal

Natürlich wollte mein Gatte gerne zu einem Wise Guys Konzert. Nur nicht bei so einem Wetter. Es war am frühen Morgen, wir starrten auf den zentimeterhohen Neuschnee, und mein Gatte verzog skeptisch sein Gesicht: “Da müssen wir nicht unbedingt 80 km bis nach Wuppertal fahren.” Optimistisch und betont fröhlich entgegnete ich: „Ach, das hört bis heute Nachmittag sicher wieder auf!“ In Wahrheit war ich gar nicht so zuversichtlich, aber ich überspielte meine eigenen Zweifel sehr überzeugend und war unglaublich gut drauf und sehr sorglos. Wahrscheinlich nervte das meinen Gatten ganz besonders, und er reagierte mit subtilem Psychoterror. Bei jedem neuen Schneefall blickte er aus dem Fenster in das dichte Flockengewirbel und sagte betont uninteressiert und wie zufällig: “Ach, es schneit schon wieder.” (Als ob ich das nicht selber sofort sah!) Oder er informierte ganz nebenbei, während er schon halb aus dem Zimmer war: “Auf der Autobahn gab es heute morgen schon eine Menge Unfälle.” Oder mit sorgenvoller Stimme, weil seine Frau da wohl keine Ahnung von hatte: „Wuppertal liegt höher als unsere Gegend. Da kann es ziemlich glatt sein.“

Jaja. Ich sah das ja alles ein. Ich wusste auch, dass unser Auto keine Winterreifen besaß, aber ich hatte einfach keine Lust den Konzertbesuch sofort abzuschreiben. Das konnte ich am späten Nachmittag immer noch tun, wenn die Autobahnen verstopft und die Wettermeldungen schlecht waren. Darum wirkte ich ungebrochen zuversichtlich, sobald mein Gatte mich im Blick hatte. Trotzdem hörte ich sehr aufmerksam den Verkehrsnachrichten zu und blickte, wenn ich mich unbeobachtet fühlte, zweifelnd aus dem Fenster. Das schien wirklich nichts zu werden mit Wuppertal. Da mein Gatte das aber auch dachte, wollte ich demonstrativ was anderes denken. Je sorgloser ich tat, desto bedrückter wurde sein Blick. Je bedrückter er guckte, desto sorgloser tat ich. Ach, manchmal tun mir Ehemänner total leid. Ehrlich. Besonders meiner. Da versucht er seiner Frau klar zu machen, dass es einfach unvernünftig ist, bei Schnee bis nach Wuppertal zu fahren, um ein ganz normales Wise Guys Konzert zu hören, und sie nickt einsichtig, behauptet aber immer noch penetrant fröhlich, dass der ganze Schnee am Abend verschwunden sein wird. Er ist nicht zu beneiden.

Wie durch ein Wunder kam am Nachmittag plötzlich die Sonne durch, es gab keine weiteren Schneefälle und der vorhandene Schnee taute heftig tropfend ab. Das war ja zu schön, um wahr zu sein! Auch von Staus war im Radio kaum noch die Rede.  „Tja, dann fahren wir eben“, beschloss mein Gatte ohne jede freudige Regung, denn er merkte, dass er nicht nur seine Frau, sondern auch das Wetter gegen sich hatte. Hätte es nicht um 17 Uhr noch einmal heftig schneien können? Dann wäre die Sache erledigt gewesen. Es ging ja gar nicht um das Wise Guys Konzert, es ging um’s Prinzip. Das Leben war so ungerecht. Ich freute mich, wusste aber, dass jeder Stau, jede glatte Stelle und jede vom Himmel fallende Schneeflocke auf meine Verantwortung ging, und dass das alles nicht nötig gewesen wäre, wenn ich das gleich eingesehen hätte. Allerdings wurde das mit dem Wetter zusehends besser und auch Wuppertal lag nicht in arktischen Zonen.

Die Autobahnen waren völlig schnee- und staufrei. Nach 20 gefahrenen Kilometern begann ein leichter Schnee-Niesel, der aber kaum auffiel und nicht mal liegenblieb. Lächerlich. Selbst mein Gatte konnte das nicht als behindernd einstufen, blieb aber düster pessimistisch. Männer! Das Handy klingelte und ein Wise Guy war dran. Freudig verkündigte ich: “Wir sind gerade auf dem Weg nach Wuppertal.” “Oh, hier ist totales Schneetreiben. Habt ihr Winterreifen?” war die Antwort. Meinem Gatten erzählte ich danach nur Auszüge des kurzen Gespräches und ließ die für ihn unwichtigen Teile einfach weg. Ich erwähnte den Schnee in Wuppertal, unterschlug aber, dass der Anrufer am Ende auf mein: “Bis gleich!” nur mit: “Viel Glück!” geantwortet hatte. Das Leben war wirklich ungerecht!

25 km vor Wuppertal ging es los. Schnee, Matsch, rutschige Straße, schlechte Sicht. Ich bot meinem Gatten an, dass wir an der nächsten Ausfahrt abfahren und umkehren könnten, aber er grummelte verbissen: “Jetzt sind wir so weit gekommen, jetzt fahren wir erstmal weiter.” In Wuppertal lag der Schnee auf den Gehwegen 10 cm hoch und hatte sich auf der Straße in 3 cm hohen, halbgefrorenen Matsch verwandelt. Die Straßen in Wuppertal sind selten waagerecht, sondern gehen entweder hoch oder runter. Es war spannend. Sowohl beim Hoch-, als auch beim Runterfahren. Nachdem wir rückwärts aus einer Einbahnstrasse gerutscht waren, weil sich dort ein Auto festgefahren hatte und den Weg versperrte, fanden wir zwei Straßen weiter eine Parkbucht. Wir setzten mit Schwung über die hohen Schneewehen und hielten. Es sah ringsherum romantisch verschneit aus, wie in einem Wintersportort. Ich hatte keine Ahnung, ob unser Auto in der Nacht aus der Parkbucht ausgebuddelt werden musste, aber gegenüber erstrahlte die Stadthalle und wir hatten es geschafft. Mein Gatte war ziemlich zufrieden. Einerseits, weil wir gut angekommen waren, andererseits, weil seine Frau das volle Programm mit Schnee, Eis und Glätte bekommen hatte. Hatte er es nicht gesagt? Ein Wahnsinn, bei dem Wetter nach Wuppertal zu fahren!

Der große Saal der Wuppertaler Stadthalle war ein Ballsaal. Ich hatte das Gefühl, ich hätte besser im langen, weißen Abendkleid erscheinen sollen, um Walzer zu tanzen. Da der Saal aber mit Stühlen vollgestellt war, wäre das sowieso nicht gegangen. Außerdem habe ich kein weißes Abendkleid. Immerhin kann ich Walzer tanzen, was jedoch bisher bei einem Wise Guys Konzert noch nie gefragt war. Der Raum war sehr hoch und voller Stuck, Gold und Verzierungen. Oben lief eine schmale Empore herum, die von Marmorsäulen abgestützt wurde, und an die Decke waren in goldgefassten Bereichen Wolken und Himmel gemalt. Ich sah mich um und staunte. Das war mehr Sixtinische Kappelle, als Klartext.

Im hinteren Bühnenbereich hing ein großer Vorhang herunter, hinter dem die Orgel versteckt war, wie ich nachher erfuhr. Aber die Wise Guys hatten wohl gedacht: “Wenn kein Walzer, dann auch keine Orgel.” Oder sie wollten die Blicke nicht von sich abgelenkt wissen. Die letzten Sitzreihen waren ziemlich weit von der Bühne weg, dafür war aber die 1. Reihe nicht ganz vorne, denn man hatte noch die Reihen A, B, C und D davor gesetzt. Eine feine Überraschung für Leute mit Karten für Reihe 1. Die Raumgröße und die große Kuppel versprachen einen kräftigen Hall, und ich war gespannt auf mein erstes Wise Guys Konzert im Jahr 2004. Im Schnee. In Wuppertal.


Hier ein Bild vom Saal. Mit Tageslicht, mit Orgel, ohne Stühle, ohne Publikum, ohne Vorhang und ohne Wise Guys. Also ganz anders, aber trotzdem irgendwie ähnlich.


Als das Licht einige Minuten nach 20 Uhr ausging, reagierten die Zuschauer sehr erfreut mit lautem Klatschen und Jubeln. Die Wise Guys kamen locker auf die Bühne, und Dän sah mit seinem relativ neuen Bart etwas hip-hoppig aus und gefiel mir sehr. Um es zeitgemäß zu sagen: Er sah geil aus. Mein Gatte flüsterte auf diesen begeisterten Hinweis von mir zurück, dass ich das so nicht ausdrücken solle, aber es ist auch schwierig für Ehemänner, wenn ihre Frauen sie erst durch den Schnee treiben und ihnen dann noch sagen, dass sie andere Männer klasse finden. Außerdem hatte mein Gatte zufällig einen ähnlichen Bart, so dass ich dafür nicht nach Wuppertal hätte fahren müssen.

Das Programm begann mit Weil ich ein Kölner bin. Der Hall machte den Sound voluminös und beeinträchtigte im hinteren Bereich sicher auch etwas die Sprachverständlichkeit, aber ich saß recht weit vorne und fand den Klang dort ziemlich gut. Das Publikum reagierte an den richtigen Stellen mit lockerem Gelächter und gab beim ersten Refrain Szenenapplaus. Sehr schön. Das würde ein gutes Konzert werden! Sofort danach ging es mit Ruf doch mal an weiter, bei dem das rhythmische Klatschen laut durch den Saal hallte und richtig gute Stimmung herrschte. Als der Schlußapplaus sich gelegt hatte, begrüßte Dän das Publikum und sagte: “Die Wise Guys zum ersten Mal in der Stadthalle von Novosibirsk.” Das gab natürlich großes Gelächter, denn viele Besucher hatten bei der Hinfahrt Probleme wegen dem vielen Schnee gehabt. Dän erwähnte ein Amphibienfahrzeug, mit dem sie durch die Wupper gefahren seien, und dass sie mit dem Beginn des Konzertes extra etwas gewartet hätten, weil viele Leute verspätet angekommen seien. “Danke, dass Sie sich durch den Schnee gekämpft haben!” Verwundert stellte er dann fest: “In der ersten Reihe sind noch vier Plätze frei. Man sollte meinen, die in der ersten Reihe hätten alle einen Mercedes.”

Es ging mit Kinder weiter, und Dän erzählte in der Anmoderation, dass Eddi kurz vorher Vater geworden war. “Weil er so glücklich ist, wollen wir das folgende Lied ihm und seiner Frau widmen.” Fröhliches Gelächter bei den Zuschauern, die das Lied schon kannten, und nach der ersten gesungenen Zeile auch Gelächter bei allen anderen. Clemens warf etwas später das fiktive Baby hoch in Richtung der Galerie, von wo aus er aber regungslos angestarrt wurde und keiner Anstalten machte, das Bündel aufzufangen. Meiner Meinung nach hatte er für diese Höhe aber auch zu wenig Schwung genommen, so dass das arme fiktive Kind kurz unterhalb der Galerie wahrscheinlich das Opfer der Schwerkraft wurde und eine fiktive Einschlagstelle im Boden verursachte. Ich starrte übrigens immer wieder auf Sari, der ein T-Shirt mit der Aufschrift “RETTER” trug. Retter von was? fragte ich mich jedes Mal.

Bei der Umfrage sah der Saal knackevoll aus, und Dän freute sich: “Die Meisten haben es ja noch geschafft - schön!” Er versprach die künftigen Konzerte besser zu planen und zum Beispiel in den Sommer zu legen. Es gab ziemlich viele Neuhörer und eine große Menge Wuppertaler. “Das ist ein regionales Ereignis”, bestätigte Dän und erkundigte sich dann nach Leuten, die mehr als 50 km Anfahrtsweg hatten. Wir konnten aufzeigen! Eine bei uns nicht oft vorkommende Situation. Eine junge Frau war mehr als 200 km angereist und kam aus Amsterdam. Sie klang zwar nicht sehr holländisch bei ihrer kurzen Anwort, aber Dän nickte weltmännisch: “Ja, da ist man Schnee gewohnt in Amsterdam.”  Bei der Frage, wer zum Konzert gezwungen worden war, bekam ein junger Mann den Arm von seiner Partnerin hochgehalten. Meine Güte, der hatte wohl gar nichts mehr selbst zu bestimmen! Da hatte mein Gatte mit mir doch noch Glück gehabt!

Eddi kündigte einen Oldie an, der früher immer zu lang gewesen sei, so dass die ersten Besucher nach sieben, acht Minuten den Saal verlassen hätten. Aus diesem Grunde wäre er jetzt schneller. Es folgte der Root Beer Rag, der klasse klang und anschließend von meinem Mann mit einem anerkennenden: “Das war schnell!!” kommentiert wurde.

Das wär’s gewesen war wieder mal sehr schön. Clemens klang klar, die Basstöne waren rhythmisch, aber trotzdem ganz sanft und gaben ein schönes Fundament, und der Background füllte alles mit Klang. Alles sanft und schön. Als Kontrast fetzte danach Was für eine Nacht richtig gut los und der Bass war laut und kräftig. Das Publikum klatschte mit, war aber etwas weniger enthusiastisch, als am Anfang. Sehr gut gelaunt, lachbereit, aber eben etwas bequemer. Für Wuppertal und diesen Riesensaal aber immer noch sehr gut.

Die Sonnencremeküsse folgten sofort und waren einfach wunderbar. Ich freute mich schon ein wenig auf die Stelle, an der Ferenc vielleicht wieder irgendetwas Überraschendes machen würde, wenn er sein einzelnes “Bum!” einwarf, aber er blieb einfach still auf seinem Platz und sang: “Bum!”. Das überraschte mich dann im Endeffekt ja auch. Zu Das war gut könnte ich jetzt einfach ganz platt schreiben: “Das war gut”, aber das war es nicht. Es war superklasse, sehr lasziv und gedehnt wie Kaugummi. Die Töne so wunderbar gezogen, dass ich willenlos grinsen musste, weil ich sowas einfach liebe. Es gab keine schnellen Bewegungen, trotzdem immer eine musikalische und körperliche Spannung, und am Schluß fiel Sari entkräftet und völlig fertig auf die Knie. Wow! Was für ein Lied! Und irgendwie war ich ein bißchen neidisch. Allerdings wusste ich nicht genau, auf was. Im Refrain waren ein paar gezogenen Töne durch - sagt man jetzt “ungezogene Töne”? - ersetzt worden, und ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich das besser, als vorher fand. Es war nicht schlecht, aber zunächst ungewohnt. Wirken dadurch die späteren, gezogenen Töne noch intensiver, oder ist es einfach schade, dass es insgesamt weniger davon gibt? Da muss ich nochmal ein Konzert abwarten, um eine eigene Meinung zu bekommen.

In Wuppertal gab es an diesem Abend eine Weltpremiere. Noch nie vorher im Konzert gesungen, zum ersten Mal auf der Bühne: Wo der Pfeffer wächst. Dän sang die Leadstimme und es war eine erzählte Geschichte. Sehr gut gefiel mir dabei der Wechsel zwischen dem sanften Teil, den er mit weicher, normaler Stimme sang, und dem Refrain, der treibend und aggressiver wurde. Den letzten Satz brüllte er fast heraus, was sehr beeindruckend war, weil so starke Emotionen zu spüren waren. Klasse! Das Publikum applaudierte lange und heftig.

Bei der nächsten Anmoderation sprach Dän davon, dass Männer und Frauen selten einer Meinung seien, und ich nickte und war genau seiner Meinung. War ja eigentlich ein Widerspruch, aber auch mein Gatte war seiner und damit ebenfalls meiner Meinung. Sehr seltsam. Bevor ich diesen Gedanken aber ganz verfolgen konnte, brachte mir Dän endlich Klarheit: “Wir haben glücklicherweise einen unter uns, der als Retter des männlichen Geschlechts fungieren könnte.” RETTER!! Das war es! Als wäre ich blond, zeigte Sari in diesem Moment auch noch mit breitem Grinsen im Gesicht auf sein T-Shirt. Aha. Sari war also der Retter der Männer, und er legte gleich mit der Powerfrau los. Normalerweise halfen ihm seine Kollegen am Anfang des Liedes beim Kehren, aber diesmal waren sie sich mit dem Tempo nicht ganz einig und vernachlässigten lieber ihre Putztätigkeit, um im gleichen Rhythmus zu singen. Nach wenigen Tönen waren sie drin, aber da hatten sie die Besen schon weggeschmissen. Mir fiel wieder mal auf, dass Frauen schrecklich unkonsequent sein können. Zunächst freuten sich alle, dass Sari die Hausarbeit so zügig anging, aber die begeisterten Schreie und das Gequietsche kam erst, als er am Ende des Refrains die Arme hob und sein Bauchnabel kurz zu sehen war. Was wollen sie denn nun? Einen, der den Haushalt macht, oder einen süßen Typen, der mit erhobenen Armen sehr sexy im Weg rumsteht? Ich johlte unkonsequent mit und wußte, was ich wählen würde.

Das letzte Lied vor der Pause stand bevor, und Dän bat darum, dass die Zuschauer während der Pause vor dem Foyer keine Schneeballschlacht machen sollten. “Der Grund: WIR wollen das nachher mit ein paar Freiwilligen machen. Also bitte den Schnee liegen lassen!”

Deutscher Meister begann wunderbar sanft, und die Dame neben mir, die bisher nur CDs gehört hatte und gerade ihr erstes Live-Konzert erlebte, wurde von einem Lachanfall geschüttelt und stöhnte unterdrückt: “Ich kann nicht mehr!” Im Verlauf des Liedes hatte sie wenig Gelegenheit sich zu erholen, aber die Pause stand ja unmittelbar bevor. Im Publikum wurde der Refrain mitgesungen, auch wenn bei so vielen Leuten etwas mehr Resonanz zu erwarten gewesen wäre. Aber da schüchterte wohl der prunkvolle Saal etwas ein. Oder es lag an Wuppertal. Gelacht wurde aber immer schnell und locker. Am Ende gab es laute Pfiffe und Jubeln, die Wise Guys zogen pfeifend und trommelnd ab, der Saal klatschte laut und rhythmisch, und ich hatte das Gefühl, im Kölner Gürzenich auf einer Karnevalssitzung zu sein. Alaaaf!

In der Pause vermied ich den Blick nach draußen, denn ich wollte gar nicht wissen, wie hoch unser Auto eingeschneit war. Na, wenn ich Glück hatte, würden es die Wise Guys bei ihrer Schneeballschlacht finden und eventuell gleichzeitig die Strasse komplett freiräumen. Andernfalls würde ich mir wohl eine Nacht im Auto gönnen und auf Tauwetter warten müssen. Was mir während der Zeit mein Gatte erzählen würde, wollte ich mir auch nicht vorstellen. Vielleicht war ja auch schon der ganze Schnee weggetaut? Egal, ehe ich mir während des Konzertes Gedanken machte, über Sachen, die ich sowieso nicht ändern konnte, ließ ich mich lieber am Ende des Abends überraschen.

Der zweite Teil des Konzertes begann sofort mit dem Ohrwurm . Das Publikum klatschte von den ersten Zeilen an kräftig mit und lachte, sang aber nur zum Teil den Refrain. Selbst die winkenden Aufforderungen von der Bühne brachten nicht viel mehr Beteiligung. Dafür wurde aber wirklich supergut, exakt und knallend mitgeklatscht, was in so einem großen Saal wirklich toll klang. Vielleicht war ja auch der Text zu schwer? (Service für künftige Konzertbesucher: “Halloo, hallooo, ich bin dein Oooooohrwurm, dein Ooooooohrwurm.”)

Es kamen die Chocolate Chip Cookies, welche die Dame neben mir, die bis dahin nur die Hörversion kannte, völlig fertig machten. Auch mich forderten sie geistig intellektuell heraus, so wie Dän in der Moderation versprochen hatte. Als Ferenc bei seinem umjubelten, kleinen Solo vom “luftdichten Behälter” sang, überlegte ich nämlich sofort, warum er bei dieser Zeile mit seinen Händen betont auffällig und sehr sexy seitlich an seiner Jeans entlang strich. Er wollte dem Publikum damit etwas andeuten, das war klar, aber was? Was konnte dort luftdicht sein? Ich kam zu keinem Ergebnis, wurde aber auch schnell wieder abgelenkt, als Clemens sein Hemd aufknöpfte und ich begeistert johlen musste. Am Ende gab das Publikum laut donnernden Applaus, und die Wise Guys bekamen einen Beutel Kekse auf die Bühne gereicht. Oh, Cookies! Wie originell!

Nachdem alle Frauen bei den “Cookies” sehr intellektuell angemacht worden waren und sich mit blitzenden Augen schon mal den Typen rausgesucht hatten, der ihnen am besten gefiel, bekamen sie gleich die kalte Dusche, denn die Wise Guys verkündeten, es sei Zu spät und sie hätten früher kommen sollen. Patsch! Sehr beleidigt über das früher mangelnde Interesse an Extrem-Kurz-Beziehungen, beklagten sich die Fünf, dass sie früher immer gewollt hätten und dass es jetzt wegen ihrer festen Beziehungen nicht mehr ginge. Sie schauten dabei sehr eingeschnappt und gekränkt ins Publikum und mir fiel auf, dass ich wegen ihnen durch den Schnee gefahren war, um mir jetzt so was anzuhören! Na, toll!
Ach, das Lied ist so gemein, aber ich liebe es! Supergut gebracht, sehr witzig und bei mir ein Ohrwurm, dessen Refrain immer wieder in den seltsamsten Situationen auftaucht und von mir gesungen wird. Große Klasse! (Also nicht mein Singen, sondern das Lied.)

Ohne weitere Ansage ging es mit Die Bahn kommt weiter. Tja, die Jungs meinten es ernst, denn da war etwas von einer großen Liebe zu hören und zu spüren, die nur einer Person galt. Es schien wirklich zu spät für die weiblichen Fans zu sein. Eine logische und sehr schöne Liedreihenfolge! Erstaunlicherweise gibt es viele Leute, denen das Lied auf CD nicht besonders gut gefiel, die aber oft nach der Konzertversion völlig begeistert sind. Keine Ahnung, woran das liegt. Mich hat es beim ersten Hören schon extrem beeindruckt.

Bei Zu schön für diese Welt war der Bass zu leise und wummerte nicht ganz so kräftig los, wie es hätte sein müssen, aber die restlichen Stimmen war knackig eingestellt und glichen das zum Glück wieder aus. Im anschließenden Applaus erkannte Dän ein Plakat, das im Publikum hochgehalten wurde und fragte interessiert: “Was stand denn auf dem Schild?” Zwei oder drei Mädchenstimmen riefen im Chor: “Dän, du bist so weich!” Dän guckte verwirrt und wiederholte fragend: “Dän, du bist so weich??”, denn er musste sich wohl verhört haben. Die Mädchen riefen nochmal: “Dän, du bist so weich!”, und er wiederholte sehr verunsichert: “Dän, du bist so WEICH???? Danke - ich nehm das jetzt als Kompliment.” Die Zuschauer lachten vergnügt, und Eddi ging zu Dän, legte ihm grinsend die Hand auf seinen Bauch, bekam aber gleich ein kräftiges “Finger weg!!” zu hören.

In seiner Anmoderation zu Du Doof war Dän sehr deutlich und fast schon aggressiv. OK, ich konnte seine Einstellung verstehen, aber es war mir doch zu ernsthaft und nicht locker genug.  Für mich war das kein Thema, über das man sich aufregen musste, aber bei Dän war da offensichtlich Schluß mit lustig. (Ich vermute, dass er immer noch sauer ist, weil Dieter Bohlen ihn in seinem Buch nicht erwähnt hat, aber das ist eine eigene Theorie, die ich nicht belegen kann.) Da in letzter Zeit immer wieder einige Leute nicht richtig zugehört und sich über die vermeintliche Beleidigung intellektuell schwacher Leute beschwert hatten, sprach Dän es am Schluß sehr klar aus: “Es geht nicht um Dumme, sondern um Arschlöcher!” Das Publikum hatte Spaß an Eddi’s Gesicht und lachte auch über den Text, aber die Reaktionen kamen mir etwas verhalten vor. Ich glaube wirklich, dass das auch an der Anmoderation gelegen hatte, die noch ein wenig nachwirkte und verhinderte, dass man sofort wieder albern lachten wollte.

Dafür konnte man dann bei Sing mal wieder richtig aus sich rausgehen. Das Klatschen war sofort da, und auch das Mitsingen wurde nach einem kurzen Wettbewerb zwischen linker und rechter Saalhälfte wirklich gut. Um mich herum kam es mir zwar nicht sonderlich laut vor, aber ICH war laut und trötete den Umsitzenden die Ohren voll. Dän zeigte sich nach dem langen Endapplaus sehr zufrieden: “Das war doch eine große Singleidenschaft nach einem anfänglichen Zögern.” Als er dann ankündigte, dass der Bass sein erstes Solo..... brüllte der Saal begeistert los. Dän ergänzte leise und nicht ganz überzeugend: “Wir konnten das auch kaum erwarten.” Die einleitenden Basstöne von Dän bei King of the road waren sehr leise und dumpf, klangen auf diese Art aber auch mal interessant. Laut und dröhnend gefallen sie mir aber besser. Ferenc setzte sehr kräftig ein, das Publikum war entzückt und freute sich über den rücksichtslosen Raser mit der tiefen Stimme. Aber er hatte auf der Bühne ja auch kein Auto dabei und lachte zwischendurch sehr charmant ins Publikum. Am Ende gab es lautstarke Begeisterung mit Pfiffen und Getrampel, die kaum enden wollte. Als es nach mehreren Applauswellen endlich leiser wurde, sagte Dän leicht genervt: “Jajajaja. Nicht, dass es uns kalt lassen würde, man merkt es uns nur nicht mehr an.” Er wies noch schnell auf den Programmablauf nach dem Konzert hin: “Im Foyer treffen, trinken, Liedchen singen, Schneeballschlacht”, und ergänzte: “Der Sari wünscht sich: Ohne einseifen!”

Bei Einer von den Wise Guys erkannte man als unbeteiligter Zuschauer plötzlich die Nachteile des Prominentenlebens. Ich nahm mir vor, niemals nachzufragen, wenn ich einen der Jungs mal mit nasser Hose sehen sollte. Im Übrigen hatten sich die ersten Leute schon beschwert, dass die Wise Guys mit diesem Lied auf ihre Bekannheit hinweisen würden, was ja wohl total blöde und abgehoben wäre. Hallo? Alle wollen, dass die Lieder möglichst echt und aus der eigenen Erfahrung sind, aber trotzdem müssen die Wise Guys die bescheidene, unbekannte Studentengruppe bleiben? Wer große Säle füllt und eine immer weiter wachsende Fangemeinde hat, wird zwangsläufig ab und zu auf der Strasse angesprochen und macht damit seine Erfahrungen. Außerdem muss man in der dritten Strophe nur mal hinhören, um zu merken, dass es da in die andere Richtung geht. Ich fand das Lied witzig und szenisch sehr gut dargestellt, wenn auch der Anfang in der gesanglichen Ausführung noch etwas schwammig wirkte, aber das lag weniger an der Komposition, als an der kurzen Zeit, die das Lied im Programm war.

Die Wise Guys gingen unter dem Getrampel und Gebrüll der Zuschauer nach links ab und begannen nach einer Weile mit Live and let die, was aber zunächst nicht bemerkt wurde. Erst als sie singend auf der Bühne zu sehen waren, wurde es im Saal ganz schnell wieder ruhig. Die Choreographie war seit meinem letzten Konzert noch sicherer geworden, und ich fand schon eine Szene am Anfang sehr gut, als Ferenc still in der Mitte stehen blieb und die Anderen sich um ihn herum bewegten. Sah klasse aus! Leider war das Stroboskop nicht ganz in Ordnung und der Lichttechniker reagierte an den entsprechenden Szenen schnell mit improvisiertem, flackernden Rotlicht. Sehr beeindruckend fand ich, dass die Stelle nach “...live and let die”, die bei Paul McCartney mit Explosionen unterstützt wird, bei den Wise Guys alleine als a-cappella-Version unglaublich gut wirkte. Ich hatte das Gefühl, dass im Hintergrund trotzdem ein dickes Schlagzeug die Effekte machte und musste mich ganz bewußt selber darauf hinweisen, dass kein Instrument dabei war. Durch die leuchtenden Notausgangschilder blieb es eigentlich zu hell auf der Bühne, aber trotzdem war eine große Spannung vorhanden. Am Ende tat es dann auch das Stroboskop plötzlich wieder, und das Publikum reagierte mit lautem Getrampel und heller Begeisterung. Das war einfach optisch und akustisch ziemlich beeindruckend, auch wenn einige Zuschauer, denen das Lied unbekannt war,  wahrscheinlich nicht verstanden, um was es ging.

Rasier dich war dagegen sofort zu verstehen, zumal dort nichts fraglich blieb, sondern alles sehr eindeutig dargestellt wurde. Es war sanft, herzschmelzend und einfach zuckerrosasüß. Sehr kitschig und wunderbar. Das Publikum zeigte ebenfalls sehr deutlich, dass es begeistert war. Das rhythmische Klatschen danach bei Jetzt ist Sommer füllte den ganzen Saal bis in die Kuppel, und die Besucher standen auf und gingen richtig gut mit. Sommer-Feier-Strand-Stimmung, trotz Schnee auf dem Bürgersteig und angekündigter Schneeballschlacht.

Es gab ein letztes Winken, die Wise Guys gingen ab und wurden mit Zugabe-Rufen nochmal zurück geholt. Sie stimmten den Ohrwurm an, die Zuschauer sangen gut mit, und als es richtig schön laut war, gingen die Hauptdarsteller ab und überliessen das Lied dem Publikum. Kaum waren sie jedoch von der Bühne verschwunden, kleckerte der Gesang ab und war nach drei Durchgängen beendet. Das war’s.

Der Afterglow war sehr voll. Da außerdem noch ein Lied angekündigt war, war ich mir nicht sicher, ob die Leute auf den Gesang, oder auf die Schneeballschlacht warteten. Die Wise Guys wurden umlagert, gaben Autogramme und waren immer von Zuschauern umgeben. Schließlich trafen sie sich am Rand und stimmten ein ganz neues Lied an: Nur für dich. Schon nach den ersten Zeilen war klar, dass das ein richtig gutes Lied war, das sofort sehr gut ankam. Die Zuschauer amüsierten sich sehr und hörten dabei fasziniert zu. Klasse! Es gab viel Applaus und Dän guckte auf die Uhr: “Um halb geht’s los. Wir treffen uns draußen zur Schneeballschlacht. Wir mit den Technikern gegen alle.” Leider hatte er nicht bedacht, dass die Techniker den Auftrag hatten, das Geschehen mit der Videokamera zu filmen. Außerdem hatte Ferenc keine Lust und wollte lieber in der Garderobe bleiben. So standen schließlich vier Wise Guys einer motivierten Gegnergruppe von etwa 30 Leuten gegenüber, denen noch etwa 20 interessiert guckende, aber unbeteiligte, neutrale Schweizer zur Seite standen. Der Schnee war seit der Ankunft nicht mehr geworden, reichte aber problemlos für sehr viele, gut pappende Schneebälle.

Da vor der Stadthalle ein Teil des Schnees zu dicken Haufen geräumt worden war, konnte man sich bequem bedienen und alles werfend wieder in der Gegend verteilen. Es wurde eine turbulente und harte Schlacht. Einige unbeteiligte Schweizer bekamen komplette Ladungen ab, weil sie eben blöderweise neben den Angreifern standen, aber auch Sari und Eddi erwischten volle Treffer ins Gesicht. Unglaublich raffiniert setzten sich die Wise Guys plötzlich zur Seite ab und liefen einen Gang am Gebäude entlang, um die Feinde von der Seite zu überrumpeln. Gute Idee. Die Feinde vor dem Foyer schrieen überrascht auf, aber die Wise Guys merkten in diesem Moment, dass sie sich in einer schnee- und damit nachschubfreien Zone befanden. Ihre Gegner zingelten sie sofort ein und griffen von beiden Seiten an. Mein Gatte war eigentlich Schweizer und von dem Auftauchen der Wise Guys unmittelbar neben ihm sehr überrascht. Als dann die Schneebälle auch um seine Ohren pfiffen, flüchtete er sich in eine schmale Lücke neben der Türe, um nicht zum unschuldigen Opfer zu werden, und guckte immer wieder mit besorgtem Gesichtsausdruck heraus. Drei Wise Guys kämpften sich den Rückweg frei, nur Sari blieb mutig vor der Eingangstüre zum Foyer stehen, breitete seine Arme aus und stellte sich so den Angriffen. Etwa 20 Sekunden lang sausten die Geschosse um ihn herum, rutschen zerfallend am Boden an ihm vorbei, oder wurden hinter ihm zu festgebackenen, weißen Haufen an die Türe und die Wand gepresst, trafen aber nicht. Als er dann ebenfalls zu Seite flüchtete, um zu seiner Einheit zu gelangen, sah der Eingangsbereich zur ehrwürdigen Stadthalle wie ein Schneeschlachtfeld aus. 

Schließlich kapitulierten die Wise Guys und sahen zum Teil etwas schneebedeckt, aber sehr zufrieden und gut durchblutet aus. Sie winkten nochmal und beendeten damit die große Schlacht am Ende des Wuppertal-Konzertes. Wahrscheinlich gab es am nächsten Tag einen Hausmeister, der lange über das Verhalten von Musikern nach dem Konzert fluchen konnte, während er die ganze Schweinerei im Eingangsbereich wegfegen und die Schneeballreste von der Tür klopfen musste.

Unser Auto war sofort zu finden, es gab weniger Schnee, als bei der Hinfahrt, und wir begaben uns sehr zufrieden und völlig einig auf die Rückfahrt. Sorgen macht mir jetzt nur, dass die Techniker auf ihrem Videofilm Bilder haben, die zeigen, wie ich Schneebälle in Richtung der Wise Guys werfe. Wenn das mal keinen Ärger gibt.


Weil ich ein Kölner bin
Ruf doch mal an
Kinder
Root Beer Rag
Das wär’s gewesen
Was für eine Nacht
Sonnencremeküsse
Das war gut
Wo der Pfeffer wächst
Powerfrau
Deutscher Meister

Ohrwurm
Chocolate Chip Cookies
Zu spät
Die Bahn kommt
Zu schön für diese Welt
Du Doof
Sing mal wieder
King of the road
Einer von den Wise Guys
Live and let die
Rasier dich
Jetzt ist Sommer
Ohrwurm
 

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