Freitag, 16. September 2005
Die WISE GUYS im Hildegard-von-Bingen-Gymnasium, Köln

Das Hildegard-von-Bingen-Gymnasium in Köln-Sülz, kurz HvB genannt, war für viele Jahre wichtig im Leben der Wise Guys gewesen. Genauer gesagt, im Leben von vier Wise Guys, die dort zur Schule gingen und Abitur machten. Nicht zuletzt die aktive Förderung im musikalischen Bereich, die ihnen dort von engagierten Leuten geboten wurde, hatte die Weichen für ihren späteren Beruf gelegt. Von der Direktorin über verschiedene Lehrer und Lehrerinnen, die sie kräftig unterstützten, bis hin zum Hausmeister, der ihnen zu Bandzeiten schon mal mitten im Lied den Strom abstellte, wurden sie auf ihre spätere Tätigkeit vorbereitet. Es wurde geübt, geprobt, gesungen, Musik gemacht und das Ergebnis dann vor Zuschauern gezeigt, alles Tätigkeiten, die bis heute zu ihrem Alltag gehören. Und auch auf Hausmeister treffen sie seitdem immer wieder. Die stellen aber im Regelfall den Strom nicht mehr ab.

Das Konzert in der Schulaula wurde bewußt nicht als offizielles Konzert geführt, sondern sollte Schülern, Lehrern, Ehemaligen und Leuten aus dem Viertel die Gelegenheit geben, die Wise Guys mal wieder in vertrauter Umgebung zu erleben. Karten gab es nur im Stadtviertel zu kaufen und Werbung für die Veranstaltung gab es nicht. Natürlich hatten trotzdem einige Fans davon erfahren und Karten gekauft, aber der Großteil der Besucher hatte irgendwie mit dem Viertel oder der Schule zu tun. Wer von den Besuchern, die ein Wise Guys Fan-T-Shirt trugen, eventuell Schüler UND Fan war, ließ sich aber nicht erkennen.

Ein Kletzmer-Trio der aktuellen Jahrgangsstufe 12 machte das Vorprogramm, ging aber leider etwas unter, weil die Zuschauer sich unterhielten, einander rufend zuwinkten und die Musik eher wie eine nette Nebenbeiberieselung hinnahmen. Aber es war trotzdem nett zu sehen, dass es immer noch aktive Musikgruppen an der Schule gab. In den ersten Reihen saßen einige der ehemaligen Lehrer und auch dort gab es manche Begrüßung, weil sie sich länger nicht mehr gesehen hatten. Vor 15 Jahren hatten die vier Wise Guys ihr Abitur gemacht, und ich war fast ein wenig verwundert, dass nicht eine kleine Tafel über dem Eingang den Schriftzug “Wise Guys Gymnasium” trug. Na, kommt vielleicht noch. Oder eine Messingplatte neben der Türe mit der Gravur:
“Hier schrieb 1982 Marc Sahr (Wise Guys) eine Drei minus in Mathematik, rutschte 1986 Clemens Tewinkel (Wise Guys) eine Schulposaune aus der Hand, hatte 1983 Daniel Dickopf (Wise Guys) vier Stil- und einen Zeitfehler im Aufsatz und fiel 1989 Edzard Hüneke (Wise Guys) während des Felgaufschwunges vom Reck.”

Das Licht in der eckigen Deckenkonstruktion der großen Aula erlosch streifenweise von hinten nach vorne. Es sah aus, als würde jemand im Hintergrund für jeden Streifen einen einzelnen Lichtschalter umlegen. War vielleicht auch so. Auf jeden Fall arbeitete er recht zügig und machte keine Pausen. Als der letzte Streifen erlosch, war es dunkel, das Bühnenlicht ging an und die Wise Guys traten auf. Vielmehr: Ein Wise Guy trat auf. Eddi kam alleine auf die Bühne, lächelte freundlich, aber unergründlich, und manch einen Konzertbesucher wird das mit Schrecken an den Beginn der Konzertabsage im Tanzbrunnen erinnert haben. Was war los? War einer krank geworden?? Aber nein, Eddi begann ganz alleine zu singen und startete den Abend mit dem neuen Opener. Nach und nach kamen die anderen Mitglieder dazu und wurden jedesmal mit lautem Applaus begrüßt, was eine kurze Unterbrechung im Liedvortrag auslöste. Es sah klasse aus, wie die Bühne voller wurde, und die geistig fitten Zuschauer hatten spätestens ab dem zweiten Guy kapiert, dass die anderen auch noch zu erwarten waren. Aber es blieb spannend, wer als nächster kommen und was er singen würde. Ohne Pause ging es sofort in Wo der Pfeffer wächst über, so dass die Zuschauer im Programm waren, ehe sie es richtig gemerkt hatten. Der Sound war voll und mir schon einen Tick zu laut, aber das verstärkte auch schön den Kontrast zwischen dem ruhigeren und dem agressiven Teil.

Unmittelbar hinter mir saßen einige jugendliche Fans, die sich währenddessen recht laut und unbefangen über das Lied und die Wise Guys unterhielten und dabei laut knisternd mit einer Tüte Süßigkeiten hantierten. Es störte sehr und machte mich richtig ärgerlich, weil sie einfach nicht leiser wurden. Selten fand ich die Zeile “Ich wünsch dich an den Arsch der Welt!” in diesem Moment so perfekt zu meinen Gedanken passend. Im Endapplaus drehte ich mich kurz um, guckte etwas genervt und hielt einen Finger vor die Lippen. Daraufhin hörte ich empört geflüstertes Gemotze, aber es wurde ruhig. Tja, ist wahrscheinlich oberuncool von der Alten gewesen, dass die es im Konzert ruhig haben wollte, aber ich finde, die jungen Generationen müssen verstehen, dass alte Leute nicht einfach aus ihren Gewohnheiten raus können. Die wollen bei a-cappella-Konzerten eben gerne die Künstler hören und nicht halblaute Unterhaltungen und Tütengeknister. Ist für junge Leute, die im Kino zwischen raschelnden Popkorn-Tütenwühlern und lauten Mit-offenem-Mund-Kauern aufgewachsen sind, wahrscheinlich kaum zu verstehen. (Ist hier subtil zwischen den Zeilen zu lesen, dass ich lautes Kauzeug wie Popcorn und Nachos in Kinos gerne verbieten möchte? Aber das ist ein anderes Thema.)

Auf der Bühne ging es mitreißend und knallend mit Was für eine Nacht weiter, die Reihe hinter mir war still und ich konnte mich genießend zurücklehnen. Dicker Jubel kam nach dem Lied auf, und Dän stellte die Gruppe vor: “Guten Abend, wir sind die Wise Guys aus Köln”, was in dieser heimatlichen Aula lustig war. Es war aber erst ihr zweites Wise Guys Konzert dort, und außerdem hatte Dän in der Ortszeitung gelesen, dass sie Jubiläum hatten. “Wir wussten gar nicht genau, was für ein Jubiläum, und da wurde uns klar: 15 Jahre Abitur. Vier von uns haben hier auf der Schule Abitur gemacht. 1990. Unfassbar!” Er setzte hinzu: “Alsa alle, außer Ferenc, der erst später dazu kam, aber früher Abi hatte.”

Dän verriet, dass er den schlechtesten Schnitt der Vier gehabt hatte, und grinste: “Ferenc hat sein Abitur in Bremen gemacht mit einem Schnitt, der in Bayern einer 8,4 entsprechen würde”, woraufhin die Zuschauer fröhlich lachten. “Aber von den anderen war ich echt....”, er brach ab und seufzte: “Traurig. Aber die hatten auch alle leichte Leistungskurse. Mathe, Physik...” In diesem Moment wies ihn Ferenc auf eine Videokamera in der ersten Reihe hin. Dän guckte sofort und erklärte dann: “Das ist unser alter Musiklehrer, der darf das. Aber nur der!” Er winkte in die Kamera, wandte sich dann an das Publikum und rief laut: “Alle anderen dürfen nicht filmen! Das gilt auch für andere Konzerte!” Er wurde etwas ruhiger und erklärte übertrieben nachdrücklich: “Das regt uns maßlos auf. Alle filmen bei uns immer. Und wir tun nichts dagegen. Filmen ist immer total verboten. Und Tonaufnahmen auch. Fotografieren ist auch verboten. Alles verboten. Wer das doch macht, auf den werden wir richtig böse.” Er machte eine kurze Pause und sagte dann gnädig: “Fotografieren ist OK.” Dann blickte er wieder zu seinem früheren Musiklehrer und fragte verwundert: “Wollen sie wirklich die ganze Zeit filmen, Herr Henkemeyer??” Der schien das zu bestätigen, und Dän zuckte die Achseln und sagte Du kannst nicht alles haben an. Das Publikum ging gut mit, auch wenn an den ersten Klatschstellen zu merken war, dass es recht viele Neuhörer geben musste, die die Stellen noch nicht kannten und erst lernen mussten.



Dän kam zur Zuschauerbefragung: “Heute ist alles anders, da das Publikum nur aus Sülz und Klettenberg stammen kann. Wir haben das Konzert überhaupt nicht angekündigt. Weder im Internet, noch in unserem Heft.” Er freute sich, als das Saallicht Reihe für Reihe an ging: “Eine Lichtkonstruktion, die uns schon vor über 15 Jahren mit ihrer Funktionalität, wie Effektivität gleichermaßen beeindruckt hat.”

Nachdem sich gezeigt hatte, dass wirklich recht viele Sülzer, Klettenberger und Zollstocker aus dem umliegenden Stadtteilen in der Aula saßen, und dass viele Zuschauer etwas mit der Schule zu tun hatten, sagte Dän, dass der gesamte Reinerlös des Abends an die Schule ginge. Er empfahl, alles komplett an die Jahrgangsstufe 13 für deren Abifeier zu geben, was große Erheiterung auslöste. Am meisten vermutlich bei der Jahrgangsstufe 13. Einige Leute waren mehr als 200 km angereist, und Dän erkundigte sich bei einer Besucherin, warum. Staunend wiederholte er die Antwort: “Die Tochter der Schulleiterin? Respekt!” und verbeugte sich leicht vor ihr. Dann hörte er kurz hin und fügte ernüchtert hinzu: “Ach, die Tochter der STELLVERTRETENDEN Schulleiterin?” und winkte abwertend ab.

Auf die Frage, wer im Besitz eines der alten Tapes aus Schulzeiten wäre, meldeten sich auch einige Zuschauer, und er bat schnell: “Bitte verbrennen!” Die Umfrage war fertig, das Licht ging aus, und Dän grinste freudig: “Von hinten langsam nach vorne. Genau die früher. Klack. Klack, Klack. Super!” Ihm fiel noch eine Anekdote ein und er erzählte von der alten Band, die sich “weniger durch Musikalität, als durch Lautstärke ausgezeichnet” hätte, und dass während einer Probe einmal ein großer Brocken Putz in dieser Aula von der Decke auf die Bühne gefallen und zerschellt war. “Das war eigentlich die tollste Sache in 13 Jahren”, kommentierte er trocken.

Aber sonst gesund brachte viele Zuschauer zu einem leisen Dauerlachen, das sich kaum noch beruhigte, weil es textlich Schlag auf Schlag kam. Sehr schön. Ein temperamentvolles Mitklatschen im ersten Refrain sickerte schon nach zwei Takten schlagartig wieder weg, weil allen klar wurde, dass sie dann den Text nicht mehr verstanden und doch lieber mitkriegen wollten, was Dän sang. Bei der Ansage zu Denglisch zeigte sich, dass das Publikum zwar hocherfreut über den Auftritt der Wise Guys war, aber nicht unbedingt spontan und wach. Wenn doch, zeigte sich das nicht so nach außen. Dän erwähnte beiläufig, aber hörbar verwundert, dass es deutsche a-cappella-Gruppen gäbe, die deutsch singen würden, aber einen englischen Namen hätten, und es gab sehr spät und nur sehr wenig leises Gelächter, als hätten die meisten Zuschauer nicht verstanden, was er damit meinte. Zuerst hielt ich das für Zufall, aber es zog sich durch den weiteren Abend. Irgendwie hatte ich bei so einem besonderen Konzert an der alten Schule eine grundsätzlich gute, leicht ausgeflippte Stimmung der Zuschauer erwartet, aber im Gegenteil. Die Stimmung war freundlich, interessiert, lobend, aber nicht wellenschlagend. Vielleicht auch nur, weil die Darsteller mitten im Viertel lebten und man nicht als Zuschauer ausflippen konnte, wenn man ihnen morgen sowieso wieder im Supermarkt begegnen würde.

Während des Liedes dachte ich auf einmal daran, dass vier der Wise Guys vor über 20 Jahren  als angehende Fünftklässler wahrscheinlich in genau dieser Aula gesessen und leicht aufgeregt die Begrüßungsansprache an der neuen Schule erlebt hatten. Wie süß! 

Bei Erzähl mir die Geschichte blieb ich total ruhig in meinem Sitz hängen und war ziemlich gebannt vom Klang. Es war alles sehr homogen, und ich fand es toll, wie die Lautstärke und Spannung nach dem antreibenden Refrain sofort deutlich heruntergefahren wurde und alles wieder ganz melancholisch ruhig wurde. Sehr beeindruckend. Auch die einfache, ruhige Stimme von Dän, die sehr berührend erzählte, war genau richtig. Das Publikum, das während des Liedes ganz still geblieben war, verharrte nach dem Schlußton einige Sekunden, ehe ein dicker, warmer Applaus los ging.


Mit Das war gut ging es weiter, und ich johlte erwartungsgemäß, als Sari mit dem Rücken zum Publikum den Hintern kreisen ließ, was meinem Gatten ein nachsichtiges Grinsen entlockte und einige andere Leute dann auch zu einem kurzen Johlen animierte. Das hätte noch stärker sein können, hing aber vielleicht wieder mit dem heimischen Viertel zusammen.


Sofort ging es mit Achtung! Ich will tanzen los, und die Neu- oder Seltenkonzertbesucher konnte man an ihrem manchmal überraschten Lachen erkennen. Schwer atmend, nach diesem Gehopse auf der wirklich großen Bühne, musste Dän mit der nächsten Moderation beginnen. Er stöhnte sinngemäß: “Das ist ja jetzt alles 15 Kilo her...”, aber keine Publikumsreaktion erfolgte. Irgendwie hatte den Witz keiner verstanden, oder alle dachten, sie hätten sich vielleicht verhört. Ich grinste vergnügt und wunderte mich etwas über das Publikum. Naja. Dän entschuldigte das Lied mit dem Argument: “Man muss so Nummern auch haben, damit die Leute einen nicht für zu intellektuell halten”, was dann wieder Lacher gab.

Bei der Romanze konnten die Wise Guys auf musikalisch schöne Weise zeigen, dass sie viel gelernt und genaue Fachkenntnisse in den Naturwissenschaften gewonnen hatten. Ich erwischte mich dabei, wie ich debil grinsend zur Bühne guckte und in die romantische Musik versunken war. Was für ein wunderschönes Lied! Clemens in der Leadstimme perfekt besetzt, und außerdem nahm ich ihm den ernsthaften, nicht unsympathischen, aber eben sehr realistischen Menschen sofort ab. Wunderbar. Beim letzten Satz, an dem das Lied fast überraschend, aber perfekt auf dem Punkt abbricht, sah ich mit Vergnügen zustimmendes Nicken und erleichtertes Lachen auf vielen Zuschauergesichtern um mich herum. Bei der Powerfrau war die Leadstimme von Sari zu laut und überhaupt der gesamte Sound etwas zu gewaltig. Wenn es anfängt in den Ohren ungenehm zu werden und subtilen Stress auslöst, ist es zu viel. Zum Glück wurde danach wieder etwas runtergedreht.

Dän wies danach auf den Artikelstand hin, an dem alles zu haben war, was sie NACH der Schulzeit gemacht hatten. “Die Abiturarbeiten sind hier auch noch irgendwo eingeschlossen. Sie können in der Pause ja mal rumgehen und danach suchen. Aber alles auf Ihre eigene Verantwortung!” Das letzte Lied vor der Pause war Nur für dich. Ferenc war ungewöhnlich laut eingestellt und sang damit fast ein Duo mit Clemens. Es war nicht schlecht, aber eben ungewöhnlich und eigentlich ungewollt, die sanfte Bassuntermalung so laut neben der Leadstimme zu hören, während die drei anderen Backgroundstimmen ganz zurück blieben. Ich dachte daran, dass Ferenc wahrscheinlich gar nicht ahnte, dass er so laut zu hören war und hoffte, dass er alle Töne traf und keinen ausließ, um mal zu schlucken, aber er sang vorbildlich durch und es stimmte alles. Nach dem furiosen Schlußton gab es Gelächter und lauten Jubel vom Publikum, und die Wise Guys gingen unter lautem Applaus ab.

Es war Pause, auf dem Schulhof gab es Getränkestände und frische Luft. Viele Besucher kannten sich, und die Gesprächsfetzen schwirrten durch die Luft. Als ich eine Dame im Gespräch hörte: “Ich habe zu Hause noch alle alten CDs, die kannst du dir brennen,” grinste ich und dachte, dass es mit der Moral im Viertel auch nicht so ganz vorbildlich stand. Es dauerte ungewöhnlich lange, bis sich alle wieder in der Aula eingefunden hatten und das Konzert weiterging. Das Saallicht ging wieder reihenweise aus, ein Effekt, an den sich auch die schulfremden Besucher längst gewöhnt hatten, und auf die noch dunkle Bühne kamen die Wise Guys und stellten sich zu Mad world auf. Es dauerte etwas, bis die letzten Zuschauer den Beginn der zweiten Hälfte bemerkten hatten, aber dann wurde es schön ruhig im Saal. Das Tempo des Liedes war deutlich langsamer als in einigen Konzerten davor, was mir viel besser gefiel. Traurigkeit und Leere ist langsam und darf keine Schnelligkeit und keinen Druck haben. Sofort danach der harte Wechsel in die laute und helle Realität des Ohrwurms. Der Anschluß vom Ohrwurm an Mad world ist sehr gewöhnungsbedürftig, aber ich fürchte, ich gewöhne mich da nie dran. Will ich auch gar nicht. Jede Faser meines Körpers reagiert entsetzt und ich weiß, dass ich mich in solchen Sachen auf meine Fasern verlassen kann. Da hilft nur, darauf zu warten, dass irgendwann mal der Ohrwurm als veraltet aus dem Programm gekippt wird. Bis dahin steh ich das durch.


Dän erklärte danach den verzögerten Beginn des zweiten Konzertteiles: “Tja, die Pause ist doch etwas länger geworden, weil die Bierzapfanlage sehr langsam ist,” und schlug vor: “Vielleicht könnte der Förderverein da eingreifen...?” Dann ging er auf die gerade erlebte Liedreihenfolge ein: “Uns wurde gesagt, dass der Kontrast sehr hart sei zwischen Mad world und dem Ohrwurm. Aber das veranlasst und zu keiner Änderung.” Ich hätte ihn draufhin gerne mal kurz und freundschaftlich in den Bauch geboxt, aber er war zu weit weg.

Neun live fetzte im Refrain los und der Sound war fast wie in einer Disco. Leider aber auch etwas hallig und voluminös, was die Textverständlichkeit sehr beeinträchtigte. Es ging mit dem Hören, aber es ginge auch besser. Gegen Ende klatschten die Zuschauer aber sowieso wild mit, so dass es völlig egal war, was Eddi sang, und die Stimmung war prächtig. Die meisten Zuschauer werden schon bei der Originalversion ‘I will survive’ nicht besser hingehört, aber trotzdem Spaß gehabt haben.

Nach einem “Mundschlagzeug-Crash-Kurs”, wie Dän ihn ankündigte, wobei er ihn nach ‘Denglisch’ entweder “Mouthpercussion-Crash-Course” oder konsequent “Mundschlagzeug- Unfall-Lehrgang” hätte nennen sollen, kam Einer von den Wise Guys, das wieder fröhliches Gelächter an den richtigen Stellen auslöste. Auch an den falschen, als Eddi herzhaft sang: “Da sagen alle Leute, die mich grad spazierengeh’n...”, woraufhin die textvertrauten Fans, sowie Eddi und Clemens breit grinsten. Clemens glitt an seiner ‘Kinderszene’ in der Hocke wie auf Rollen über die Bühne, was ihm verdienten Sonderapplaus brachte. Mit Zu spät brachen die Wise Guys sicher wieder einige Mädchenherzen im Publikum. Ist ja auch gemein so nette Burschen zu sehen, die einem dann leicht säuerlich vorwerfen, dass man nur etwas früher hätte zur Stelle sein müssen, um zumindestens einen netten Abend oder auch eine heiße Nacht zu erleben.“ Ob die Pleite allerdings nicht doch an ihnen selber lag und sie vor einigen Jahren vielleicht noch etwas unscheinbarer oder sogar mickrig wirkten, überlegten sie nicht. Na, Erfolg macht sexy, und so auf der Bühne waren die Fünf schon hinreißend, wie ich liebevoll grinsend zugeben musste.



Beim Weltmeister, der das Hauptlied auf der neuen Maxi-Single war, die am folgenden Montag in die Läden kommen sollte, gab es viele lachende Gesichter im Publikum. Besonders, als nach der ersten Strophe klar wurde, dass es doch kein Fußballlied war, wie man zuerst annehmen konnte. Der ‘Papst’ wurde bejubelt und am Ende zeigte der Applaus, dass das Lied gut ankam und eine gute Wahl für die Single war.

Eddi kam nach vorne und sprach davon, dass das ein sehr optimistischer Blick in die Zukunft war, es aber auch gut sein, ein bißchen realistischer zu sein und sich Gedanken über die eigene Zukunft zu machen. “Was wäre wenn?, ist ein Gedanke, der mir auch kam. Was ist, wenn die Wise Guys von einem Tag auf den anderen....”, das Publikum dachte an Trennung und hielt kurz die Luft an, “...es könnte ja sein, dass einer irgendwie.... überfahren wird.” Das war so eine überraschende Wendung, dass nicht nur die Zuschauer loslachten, sondern auch die Kollegen.


In Gedanken an die eigene Zukunft erzählte Eddi, dass er sich bei der Fernuni Erlangen für ein Jodeldiplom angemeldet hätte. “Man muss Visionen haben. Ich habe viele Visionen. Besonders abends. Ich habe ja keinen Fernseher.” Seine Kollegen hörten vergnügt zu und grinsten breit. “Ich wollte gerne jodeln, aber die Kollegen waren gegen das Jodeln. Da waren sie sehr offen. Offenheit ist wichtig. Das gilt für jede Beziehung.” Er wandte sich freundlich an das Publikum: “Das sollten Sie heute abend mit nach Hause nehmen!”


Das Allerletzte war neu im Programm und erst zwei Tage vorher im Senftöpfchen gesungen worden. Es ging sanft los, wurde dann aber ziemlich heftig. An einer Textstelle sang Sari von “Alufolie auf frisch verplompten Zähnen” und im Zuschauerraum war ein stöhnendes “Aaahh!” und lautes Lufteinziehen zu hören. Klasse! Im Zwischenteil gab es einen break, in dem Sari eine Pause hatte und von seinen Kollegen der Background mit drei Mouthpercussions und den Basstönen gestaltet wurde. Super! Eine Frage blieb mir: Warum sind Computerprogrammierer nicht sexy? Da gibt es doch sicher auch coole Typen drunter, oder nicht?

Auf jeden Fall war ‘Das Allerletzte’ in der Aussage eine deutliche Steigerung zu ‘Du Doof!’. Vorher hatte es mal den ‘Schwachkopf’ gegeben, der im Nachhinein gesehen richtig nett formuliert war, und ich war sehr gespannt, was demnächst noch deutlicher und heftiger in einem Lied ausgesprochen wurde. Wo würde das noch hinführen mit den ursprünglich netten Jungs von nebenan?

Bei Sing mal wieder machte das Publikum gut mit und wiederholte sogar Pausen und lautes Geploppe. Der Jubel am Ende des Liedes war groß, und vereinzelte Zugaberufe schienen darauf hinzuweisen, dass ein Teil des Publikums gerne selber weiter gesungen hätte, anstatt den Wise Guys zuzuhören. Das ist aber nur eine etwas gewagte Vermutung von mir. Dän freute sich: “Wenn ich mir vorstelle, dass vielleicht unser früherer Sportlehrer diesen Blödsinn mitmachen musste, der uns vor 15 Jahren zwei Stunden durch’s Treppenhaus gescheucht hat, dann ist das einfach ein herrlicher Gedanke.” Dann fiel ihm ein: “Sie waren sehr gut, auch sehr rhythmisch, aber das Plop war nicht ganz in der Zeit. Vielleicht können wir das gerade nochmal üben?” Er zählte: “Drei, Vier...” Ein lautes, vielstimmiges “Plop!” war zu hören, und Dän kommentierte zufrieden: “Na, geht doch!”

Mit Geschnippe wurde Ferenc bei King of the road begleitet und am Ende dann auffallend lautstark bejubelt. Dabei war er doch gar nicht Schüler an dieser Schule gewesen! Auch Dän sah ein: “Tja, so hat er auch an unserer alten Schule die Herzen im Sturm erobert.” Er sprach davon, dass Ferenc seit dem Frühjahr viel abgenommen hatte und bis Weihnachten wahrscheinlich verschwunden sein würde. “Genießen Sie es, so lange er noch zu sehen ist!” Anschließend bedankte er sich: “Danke an die Menschen, die uns zu dem gemacht haben, was wir vor 15 Jahren mal waren”, und endete: “Sie können uns Grüße ins Gästebuch schreiben, aber wahrscheinlich sehen wir uns eh beim Bäcker.” 

Zart, leicht und hüftwiegend wurde als Abschluß Feierabend gebracht und war sehr fein und schön. Weil Dän im Mittelteil keine Hoteladresse verraten konnte, da sie alle zu Hause übernachten würden, pfiff er in der übrig gebliebenen Ansagezeit ein kurzes Solo, dann war Schluß, und unter Applaus, Pfiffen und Getrampel zogen die Wise Guys ab. Natürlich kamen sie zurück und sangen Jede Stimme zählt. Gegen Ende stand nur noch Eddi auf der Bühne, und der Kreis des Konzertabends hatte sich geschlossen. Genauso hatte es begonnen, nur mit Eddi auf der Bühne, und mir als Zuschauer gab das ein gutes Gefühl. Das Bild sah aus wie zu Beginn, aber dazwischen hatte ein langer, abwechslungsreicher Abend gelegen.  Als Eddi dann in der letzten Strophe auch noch “Jodeln” erwähnte, brach großes Gelächter aus, denn das war ein zweiter Kreis, der sich schloß. Bis dahin hatte man seine Jodelambitionen nicht ernst genommen, aber nun zeigte er unter dem Gejubel der Zuschauer, was er drauf hatte. Und er konnte es wirklich! Also für mich als Nicht-Alpenbewohner klang es zumindest sehr gut und authentisch. Er riss die Zuschauer so mit, dass sie im Takt klatschten und in Gelächter ausbrachen, als er jodelnd von der Bühne abtransportiert wurde. Endlich kam mal die supergute Stimmung auf, die ich schon am Anfang des Abends erwartet hatte und auf die ich inzwischen gar nicht mehr gehofft hatte.


Für mich ganz überraschend war Live and let die im Programm, aber ich konnte die Wise Guys verstehen. Sie waren lange Schüler auf dieser Schule gewesen und konnten ihren früheren Vokabel- und Ableitungsregel-Nachfragern, sowie den Durch-das-Treppenhaus-Hetzern endlich mal zeigen, dass sie in Wahrheit ganz coole, gefährliche und supertolle Agenten geworden waren. Hätten die Lehrer das früher schon geahnt, hätten sie vielleicht einfachere Fragen gestellt und auch dem Dän ein Einserabitur ermöglicht. Abgesehen davon kam ‘Live and let die’ akustisch und optisch sehr gut rüber und war spannend.

Bei Ruf doch mal an standen die Zuschauer von vorne nach hinten auf und klatschten temperamentvoll mit, und beim Abschluß Jetzt ist Sommer war die Stimmung auch sehr klasse. Warum nicht gleich so? Mit viel Applaus wurden die einzelnen Wise Guys verabschiedet, und auch hier erhielt Ferenc den lautesten Beifall. Ein letztes Winken, dann war es vorbei.

Im Foyer wurde es relativ voll, aber nicht unübersichtlich. Frühere Freunde, Lehrer, Fans standen in Gruppen zusammen, die Wise Guys unterhielten sich, schrieben Autogramme und ich hörte einen guten Tipp, der an einen unsicheren Neufan gegeben wurde, der nicht so genau wusste, wie er sich beim Autogramme holen verhalten sollte: “Du brauchst nur die Karte hinhalten, die reden weiter und schreiben dabei.” Auf Wunsch, und weil Dän den Text von ‘Juli’ nicht mehr im Kopf hatte, sangen die Wise Guys sogar noch ‘Sonnencremküsse’. Die wurden ziemlich witzig, weil Ferenc an einer Breakstelle selbstbewußt ein “Ahhh!” hauchte und Eddi daraufhin erst loslachte und dann: “Das war ‘ne Generalpause, du Idiot!” rief. Ferenc schlug erschrocken die Hand vor den Mund und musste auch lachen, einige Fans quiekten los und Ferenc und Eddi konnten sich danach nicht mehr anblicken, ohne breit zu grinsen. Sehr schön.

Fazit: Ein nettes Konzert, alles schön und in Ordnung, aber vom Publikum her ein wenig gemütlich. Nicht reserviert oder ablehnend, aber die Reaktionen hätten alle auch etwas jubelnder und aufgeschlossener sein können. Vom Publikum im HvB hätte ich da eigentlich mehr erwartet, weil es ein Heimspiel war und weil ich das total klasse fand, dass die Wise Guys einen Auftritt an ihrer alten Schule hatten. Meine Schule hat bei mir da leider noch nicht nachgefragt. Ich wüsste allerdings auch nicht, was ich einen ganzen Abend lang machen sollte.


Opener
Wo der Pfeffer wächst
Was für eine Nacht
Du kannst nicht alles haben
Aber sonst gesund
Denglisch
Erzähl mir die Geschichte
Das war gut
Achtung! Ich will tanzen
Romanze
Nur für dich

Mad world
Ohrwurm
Neun Live
Einer von den Wise Guys
Zu spät
Weltmeister
Das Allerletzte
Sing mal wieder
King of the road
Feierabend
Jede Stimme zählt
Live and let die
Ruf doch mal an
Jetzt ist Sommer
 

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