22. Februar 2006 - WISE GUYS Totalnacht

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BLOCK 1
Am Tag des telefonischen Vorverkaufs für die Totalnacht im November hatte es Minustemperaturen und bei Osnabrück sogar ein Schneechaos und umstürzende Strommasten gegeben. Am Tag des Büroverkaufes im Januar war es sehr kalt gewesen, und passend dazu war es natürlich auch am Tag der Totalnacht kein bißchen warm. Die Wartenden vor der Stadthalle in Köln-Mühlheim stöhnten und rieben sich die kalten Finger, als sie dort stundenlang in einer zusehends länger werdenden Schlange anstanden. Dreieinhalb Stunden vor Einlass reichte sie schon um die erste Ecke des Gebäudes und ich weiß nicht, wo sie kurz vor Beginn des Einlasses endete. Vermutlich weit draußen im Park. Auffällig war die gute Laune, die große Geduld und die nette Stimmung, die bei allem Frieren und Rumstehen überwog und das Warten dann doch etwas angenehmer machte.

Am Nachmittag fand in der Halle der Soundcheck statt. Vor vielen leeren Stühlen testeten die Wise Guys zuerst einzeln, dann zusammen die Monitore durch und stellten mit den Tontechnikern den Sound im Saal ein. Bodo Wartke, der sein Lied ‘Monica’ mit den Wise Guys zusammen singen wollte, war auch schon eingetroffen und stellte sich dazu, um auch noch dieses Lied anzusingen. Als alles durch war, die meisten Lieder nochmal kurz angesungen, war auch schon Zeit den Einlass beginnen zu lassen.














Der ging in diesem Jahr mal gruppenweise vor sich, um Chaos und Gedränge im Foyer zu vermeiden. Es ging an ungewöhnlich netten Securityleuten vorbei, die nicht grimmig durch dunkle Sonnenbrillen guckten, sondern lächeln konnten und Haare hatten und sich ihrerseits sehr über das ruhige, freundliche Verhalten der Fans freuten. Da vor dem Betreten des Saales alle Jacken und größeren Taschen an der Garderobe abgegeben werden mussten, ließen die Einlasser immer nur so viele Leute rein, wie an der Garderobe zügig, aber drängelfrei abgearbeitet werden konnten. In der Reihenfolge des Anstehens kam man stressfrei und kampflos rein, ging an der Garderobe vorbei, um die Jacke abzugeben und betrat danach in Ruhe den Saal. Wer lange angestanden hatte, konnte sich dementsprechend einen der vorderen Plätze aussuchen. Das war sehr angenehm und vor allem fair. Der Schwachpunkt im System waren die vier Garderobefrauen, die zwar schnell arbeiteten, aber wie in den letzten Jahren personell unterbesetzt für die Masse der Jacken und Taschen waren. Es dauerte, und die Security hob bedauernd die Schultern und sagte: “Wir können die Leute nicht schneller reinlassen, wenn sie sich dann vor der Garderobe stauen.”

Der Saal füllte sich stetig, aber um 18:50 Uhr stand die Schlange der Anstehenden immer noch bis um die erste Gebäudeecke herum und es war klar, dass das Konzert nicht pünktlich beginnen konnte. Die Wise Guys sangen sich im Backstagebereich ein, und Bodo Wartke stellte sich gleich dazu, obwohl er erst im zweiten Block dran war und die Zeit bis dahin im Saal verbringen wollte. Aber egal, einsingen konnte nie schaden. Vielleicht wollte er auch als Zuschauer kräftig im ersten Block bei den Refrains einsteigen.

Es war 19 Uhr und im Saal begannen die ersten auffordernden Klatschrunden, weil dort nicht klar war, dass immer noch mindestens 100 Leute vor der Garderobe standen und auf die Annahme ihrer Jacken warteten. Es wäre blöde gewesen das Konzert pünktlich zu starten, denn die letzten Besucher, die ja nichts für die lange Warterei konnten, wären erst während der ersten Lieder in den Saal gekommen, hätten im Dunkeln nach Plätzen suchen müssen, dabei zwangsläufig für Unruhe gesorgt und auch noch den Konzertanfang verpasst. Kurzentschlossen entschieden die Wise Guys mit dem Beginn der Show zu warten, bis sich die Lage entspannt hatte. Allerdings bedeutete das auch, dass nachher die schon kurzen Pausen gekürzt werden mussten, um die Zeit wieder einzuholen, denn um 1 Uhr sollte Schluß sein.














Um es schnell mal einzuschieben: Ferenc’ Haare waren seit dem “Kurz- wollt- ich- schon- immer- mal- machen- Experiment” im Januar wieder etwas nachgewachsen und ich zuckte kein bißchen zusammen, wenn ich ihn ansah. Was fünf Millimeter Haarlänge für Auswirkungen haben können! Es sah nicht mehr kahl, sondern kurz und gut aus. Und ich sah das nicht mit persönlichen, sondern mit gestalterischen Augen. Zwei Millimeter mehr konnten es von mir aus noch sein, aber ich wollte nicht kleinlich sein. Hauptsache, überhaupt wieder eine Art von Frisur auf dem Kopf.

Bodo Wartke hatte sich zu seinem Platz im Saal begeben, der strategisch günstig am Mittelgang lag, um später schnell hinter die Bühne zu kommen, die Wise Guys standen unmittelbar neben dem Bühneneingang und mit 10 Minuten Verspätung konnte endlich der kurze Einspieler vor Beginn der Konzerte starten. Als danach noch das Saallicht aus ging, brach ein großer Jubel aus.

Unter tosendem Applaus betrat Eddi alleine die Bühne und ging gemächlich an den vorderen Bühnenrand, wo er stehen blieb, lächelnd in den Saal blickte und abwartete. Er stand dabei in einem Spotscheinwerfer, der den Rest der Bühne im Dunkeln ließ und ihn einsam und fast klein aussehen ließ. Es dauerte ziemlich lange, bis sich im Publikum plötzlich die Erkenntnis duchsetzte, dass das Programm erst beginnen würde, wenn der Begrüßungsapplaus aufgehört hätte. Ziemlich schnell wurde es darum ruhig, und folgerichtig sang Eddi sofort den Opener A los: "Wenn ich ganz allein auf dieser Bühne wär...." Da stockte er allerdings, denn vor ihm huschten noch Besucher durch den Gang zu ihren Plätzen und so allein war er in diesem unruhigen Getümmel dann doch nicht. Er lachte kurz, das fröhliche, leicht aufgedrehte Publikum lachte sofort mit, dann sang er weiter.

Als er Sari ankündigte, zeigte er mit ausholendem Arm zur Seite und unter dem Jubel der Zuschauer sprang dieser zu ihm in den Scheinwerferkreis. Das Geschrei und der Applaus waren so gewaltig, dass Eddi den Scheinwerferkreis kurz verließ, um Sari alleine bejubeln zu lassen. Das hatte der auch verdient, denn schließlich war es bis zum Vorabend nicht sicher gewesen, ob das Konzert stattfinden konnte, weil Sari so krank gewesen war, dass einige Tage vorher noch ein Konzert abgesagt werden musste.

Genau genommen hätte aber sein HNO-Arzt dort stehen und sich bejubeln lassen müssen, oder der Vertreter eines Pharmakonzernes, aber so genau nahm das an diesem Abend niemand. Vermutlich hätten die Fans dann auch nicht so laut gejubelt, sondern verärgert gedacht: "Wer ist das denn?" Dass auch Eddi eigentlich krank war und Clemens und Ferenc sich ebenfalls nicht ganz wohl fühlten, wurde der Öffentlichkeit verschwiegen, ansonsten wäre der Jubel für jeden wohl zu lang geworden. Übrigens weiß ich nicht, ob Dän als einziger quietschgesund war oder ich nur nichts von seinen Beschwerden erfuhr.

Nach 30 Sekunden lautem Applaus - und gefühlt waren das mindestens 2 Minuten - zeigte Sari nachdrücklich auf seine Armbanduhr und auch Eddi klopfe vorwurfsvoll auf seine. Das klappte, der Applaus erstarb und es konnte weiter gehen. Doch kaum waren sie an der Stelle "albernes Gesicht" und guckten sich blöd an, rief eine Stimme aus dem Publikum: "Weiter so!" und brachte Sari lachend aus der Fassung. Jubelnd setzte das Publikum wieder mit seinen lauten Freudenbekundungen ein, und ich befürchtete schon, der Opener könnte mit diesen Unterbrechungen den ganzen ersten Block ausfüllen. Sehr geschickt sangen Eddi und Sari dann aber mitten im Geschrei und Geklatsche wieder weiter, so dass die Zuschauer sofort mit dem Krach aufhörten, um etwas zu verstehen.














Zwei Zeilen später wurde aber schon Clemens angekündigt, betrat strahlend den Scheinwerferkreis und der laute Jubel ging erneut los. Sari und Eddi gingen erstmal ins Dunkle ab, ließen ihren Kollegen beklatschen und kamen kurz darauf wieder. Sie tippten auf ihre Uhren, holten tief Luft und sangen dann einfach mit Clemens zusammen wieder los. Es blieb im Saal ruhig bis Ferenc ankam. Gleiches Spiel, nur dass diesmal der Bühnenspot erlosch, die ersten Scheinwerfer angingen und die komplette Szene beleuchtet wurde. Ferenc setzte irgendwann im Gejubel mit seinen ersten Basstönen ein und sie sangen zu viert weiter.

Als in der letzten Strophe Dän auf die Bühne kam, ging ein noch gewaltigerer Jubel los, weil damit die Gruppe komplett war und die eigentliche Show begann. Hey! Es ging los! Der ganze Aufwand mit Karten, Anreise und Anstellen hatte sich gelohnt, man war dabei! Die Totalnacht! Die Freude und Erleichterung im Publikum machte sich in lautem Klatschen Luft, und für die gute Stimmung in dieser langen Nacht musste von Seiten der Darsteller her nicht mehr gesorgt werden.


Übergangslos ging es in den Opener B, bei dem es während der Strophen tatsächlich ruhig im Saal blieb, weil alle den Text hören wollten. Dafür explodierte das Gejubel noch im Endton und blieb auch, als Dän nach einem Schluck Wasser wieder nach vorne kam und etwas sagen wollte: "Guten Abend. Hallo. Hi. Stopp! Vielen Dank! Reicht! Dankeschön!", versuchte er beständig redend den Applaus und das Geschrei zu stoppen. Endlich kam er durch: "Herzlichen willkommen zur fünften Wise Guys Totalnacht."

Er wies sofort darauf hin, dass alle ihre Kräfte an diesem Abend einteilen mussten. "Es ist lang - für alle. Wir werden den vierten Block wieder so einrichten, dass man dann auch winken kann, statt klatschen", und er machte schlappe Winkbewegungen vor. Das Publikum lachte, und er grinste: "Ihr lacht jetzt noch", wurde ernst: "Ja - wir auch."

Er fuhr fort: "Wir möchten heute abend 70 Songs singen, also jetzt noch 68...," dann stutzte er und blickte zu Eddi: "Das war EINER, oder? Das zählt als EINER? Das waren doch zwei Teile, oder?" Eddi hob hilflos entschuldigend die Arme und Dän bekräftigte: "Das war EINER. Also jetzt noch 69."

Für das Publikum, aber ebenso informativ für die Wise Guys, gab es eine kleine Statistik. Die Totalnacht war 1998 gestartet worden, um in EINER Nacht ALLE Stücke aus dem Repertoire zu singen. Das war inzwischen nicht mehr möglich, denn in den 11 Jahren, die es die Wise Guys gab, war das Repertoire auf 184 Songs angewachsen. Von denen waren nur 34 komplett gecovert und bei 13 war entweder beim Text oder bei der Melodie etwas Bestehendes übernommen worden. Blieben 137 selbst geschriebene Songs, was rein rechnerisch bedeutete, dass alle vier Wochen ein neuer Song gemacht wurde. Es gab 30 Songs mit dem Buchstaben “W” am Anfang und keinen mit “Q”, “U”, “X” und “Y”. Die Hauptstimme hatte Ferenc in dieser Zeit bei 11 Liedern gesungen, Clemens bei 25, Sari bei 31, Dän bei 45 und der Eddi bei 51. Kaum war der Jubel des Publikums über diese Zahlen verklungen, setzte Dän hinterher: "Von den 11 Songs, die der Ferenc gesungen hat, sind 6 nie auf CD erschienen", was großes Gelächter nicht nur im Saal, sondern auch auf der Bühne auslöste.














"Aber, um einen ganz mutigen Übergang in den nächsten Song zu bekommen”, fuhr Dän grinsend fort: “Hauptsache, man ist dabei, oder Dabeisein ist alles."

Sofort ging es mit Du bist dabei los. Die Leadstimme hatte Eddi, rechts auf der Bühne stand die Backgroundgruppe Clemens, Sari und Dän, die wichtige Formationstanzeinlagen hatten. Mit denen waren sie allerdings nach der langen Zeit, die das Stück schon aus dem täglichen Programm war, etwas überfordert. Schon bei der Stelle mit dem "Wohnmobil" stellten sich nur Eddi und Ferenc zusammen und fuhren im Kleinbus, während die Rücksitze frei blieben, weil die drei anderen die Abfahrt verpennt hatten. Ich vermutete, dass sie sich mental auf die große Tanzszene vorbereiteten, die wirklich alles an Konzentration erforderte und von der sie wohl ahnten, dass sie sie versemmeln würden.

Aber zuerst ging es noch ganz gut. Abgesehen davon, dass nicht ganz klar war, mit welchem Fuß es zur ersten Drehung losgehen musste, drehten sie sich fast vorbildlich langsam im Kreis, hoben dann eher weniger als mehr synchron die Arme und wackelten unter den begeisterten Aufschreien des Publikums mit den Hintern kurz von rechts nach links. Danach wurden sie unbefangener und es wurde ihnen egal, ob gerade das linke oder rechte Bein dran war. Eddi sprang hinzu und machte für Clemens die Bewegung demonstrativ mit dem anderen Bein vor, was diesen nur blöd gucken ließ. Erst als er danach sah, dass seine Kollegen anders tanzten als er, versuchte er bei ihnen wieder einzusteigen.

Dementsprechend daneben sah dann auch das Ergebnis der nächsten Tanzeinlage aus, als die drei nicht mal wussten, ob es hin und her oder im Kreis gehen musste. Der eine machte das, wechselte dann zum Schritt des Nachbarn über, der den gerade verunsichert aufhörte. So kam es zu Situationen, dass einer sich im Kreis drehte, der andere mit dem Gesicht nach rechts stand und genau auf sein Gegenüber blickte, das seitenverkehrt stand und ihm auf die Füße blickte. Sehr witzig und für das Publikum ein großer Spaß. "Wir hätten die Sachen doch bis zum Ende proben sollen", stellte Dän anschließend mit Blick zu seinen Kollegen fest.

Das Konzert war in 5 Blöcke á 14 Lieder unterteilt. Da es etwas später begonnen hatte, war der Zeitplan, der pro Block eine Stunde und pro Pause 15 Minuten vorgesehen hatte, etwas aus der Schiene gesprungen. "Wir müssen um Eins eigentlich theoretisch fertig sein, aber...,” begann Dän überlegend und setzte dann zuversichtlich hinterher: “...wird schon klappen." Er erklärte, dass die Blöcke inhaltlich etwas sortiert seien und der erste etwas mit 'Klartext' zu tun hätte. "Es ist die erste Wise Guys Totalnacht am heutigen Abend, wo..." er stockte und korrigierte sich: "IN DER. Das war jetzt schwäbisch.” Er versuchte es erneut: “Das ist die erste Wise Guys Totalnacht, in der keiner..." Ein lauter Zwischenruf unterbrach ihn: "IN DER WO!" Lautes Gelächter im Publikum, ein paar aufgedrehte Schreie und eine ernste Miene von Dän, der sofort mäkelte: "Wenn ihr jetzt auch noch versucht zwischendurch mal witzig zu sein, kommen wir hier gar nicht durch." Peng! Das war witzig, aber saß trotzdem. Endlich brachte er seinen Satz ans Ende: "...in der keiner von uns kinderlos ist." Ein leichtes Raunen zog durch den Saal, denn da war Kinder ja ziemlich sicher zu erwarten. Das bei vielen Zeilen einsetzende Gelächter zeigte, dass zumindest die Bühnenaktivitäten während des Liedes für einige Zuschauer neu waren. Das war ja das Tolle an den Totalnächten: Es gab für fast jeden Besucher Lieder und Choreographien zu sehen, die er vorher noch nicht live auf der Bühne erlebt hatte.



























Dän kam nach dem Applaus nach vorne und sagte freundlich: "Ein kurzer Hinweis an die Lichtregie: Wir brauchen gleich Saallicht. JETZT!" Die Zuschauerbefragung war dran.

Es gab tatsächlich wieder einige Leute in einer Totalnacht, die die Wise Guys zum ersten Mal live sahen. "Respekt", grinste Dän, "dann aber auch direkt sechs Stunden!"
Zum ersten Mal bei einer Totalnacht waren sehr viele Besucher. "Boah!" staunten auch die Zuschauer im Saal hörbar, als so viele Hände hoch gingen. "Wer war schon EINMAL bei einer Totalnacht?" war Däns Frage, auf die auch viele Hände hoch gingen. Die sanken aber zunehmend herunter, als Dän fragte: "Zweimal? Dreimal? ...." und nur sehr wenige blieben oben, als er nach den Besuchern aller fünf Totalnächte fragte. Aber auch die gab es.


Mehr als 200 Kilometer extra zum Konzertbesuch waren ziemlich viele Leute gefahren, mehr als sonst bei “normalen” Konzerten üblich. Kein Wunder. Fast erschrocken drehte sich Dän zu seinen Kollegen: "Gut, dass es stattfindet! Oh, Mann!" Von ganz hinten meldete sich jemand, der mehr als 800 km angereist war. "Von wo?" fragte Dän und erhielt als Antwort: "Bayern!" Dän sagte: "Aus Bayern über 800? Paarmal verfahren, oder was?" Er drehte sich zu den anderen um und fragte: "Genug?" und gab auch gleich das Kommando: "Licht aus! Keine Zeit zu verlieren."

Als das nächste Lied begann, Dän hatte es nur schnell als "im Moment eigentlich überhaupt nicht lustig" anmoderiert, gab es sofort bei den ersten Tönen begeistertes Aufjubeln. Deutscher Meister ließ einige Fans schnell nach den mitgebrachten FC-Schals kramen, und während man die ersten beiden Zeilen im lauten Freudenjubel nicht hören konnten, setzte ab der dritten Zeile fast der gesamte Saal  singend mit ein. Ein wunderbar großer Chor, der hauptsächlich aus Mädchenstimmen bestand, was ihn in der Textaussage etwas unglaubwürdiger, aber doch sehr angenehm wirken ließ. Womit ich nicht behaupten will, dass sich Frauen grundsätzlich nicht für Fußball interessieren. Der Gesang war aber auf jeden Fall viel netter als von halbstarken männlichen Fußballfans in der Südkurve gegrölt, würde ich behaupten.














Bei der Textstelle von "Calmund, der nur noch 260 Pfund wiegt", ging Dän wie immer zu Ferenc, blickte aber nicht wie sonst in die Ferne, sondern mit großen, anerkennenden Augen auf den in den letzten Monaten schmal gehungerten Kollegen und musste beim Singen lachen, während Ferenc ihn triumphierend ansah. Sehr schön! Im letzten Refrain sangen alle Zuschauer mit und schwenkten die Arme von rechts nach links, so dass der Blick in den Saal an eine der großen Karnevalssitzungen erinnerte, allerdings mit ungewöhnlich ausgelassener Stimmung. Riesiger Jubel danach, der den Wise Guys Zeit ließ, in Ruhe an die seitlichen Tische zu gehen und Wasser zu trinken.

Das nächste Lied kündigte Dän als älteres Werk an, eines der Protestlieder, das sie auch häufig auf Demonstrationen gesungen hätten und für das sie nie die Genehmigung bekommen hatten, es auf CD aufzunehmen. Griechischer Wein begann, und die Kenner jubelten auf. Ganz aktuell war das Thema nicht mehr, denn es ging um das Ende der D-Mark, die gegen den Euro getauscht werden sollte.














Die griechische Tanzeinlage wurde spontan mit einer russischen Variante angereichert, und die mit den Fingern in den eigenen Mündern gerührten Bouzoukis brachten laute Lacher vom Publikum. Besonders als Sari seinen besabberten Finger am Ende des Liedes mit angewiderter Miene am Hemd von Eddi abstrich.  

Sofort ging es mit den Sonnencremeküssen weiter, zum Glück vom Publikum nur sehr leise begleitet, denn immer sind volle Mädchenchöre dann auch nicht schön. Dän sang von der Fremdsprache, die er jetzt besser könnte, wenn er in der Schule besser aufgepasst hätte und warf erklärend: "Latein" hinterher, was wieder einen Lacher brachte.














Ansonsten sehr schön, ruhebringend und entspannend. Gut, dass auf einer Totalnacht nicht alles laut mitgesungen und umjubelt werden musste, sondern dass auch mal vorwiegend zugehört werden konnte

“Das nächste Lied passt inhaltlich dermaßen zum heutigen Abend, dass es eigentlich blöd ist, es überhaupt zu erwähnen," sagte Dän und fuhr fort:" aber ich bin mir bekanntlich für nichts zu schade. Das Lied heißt: Wie die Zeit vergeht."
Der Background hatte sichtlich Spaß daran die synchronen Klavierläufe darzustellen, und Clemens erntete einen schallenden Lacher mit seiner singenen Behauptung, er wäre "noch nicht mal Ende 20", bei der er aber wegen ihrer offensichtlichen textlichen Falschaussage schon die Hand verzweifelt über die Augen gelegt hatte, als würde er denken: “Oh je, was sing ich hier??”














Die meisten Besucher wussten nicht oder nicht mehr, dass es noch ein ganz kurzes Liedende nach der letzten Zeile gab und klatschten in die beiden Endtakte schon rein. Nachdem der Applaus beendet war, sagte Dän: "Das waren noch Liedschlüße damals", sang die letzten Töne: "Dideli-dideli-di. Tsching. Tsching. Bum." und fragte kopfschüttelnd: "Was ist bloß aus uns geworden?"

Mit Du Doof ging es weiter, und noch vor dem ersten Ton bekam Eddi Extraapplaus für sein blödes Gesicht. Dabei sang die Leadstimme doch der Sari.














Am Ende gab es aber Jubel für alle, und es ging sofort mit Die Bahn kommt weiter. Das war für viele Besucher eine freudige Überraschung, denn das Lied war bei vielen Fans beliebt, die es jetzt endlich mal live sehen konnten. Die Atmosphäre in der Halle wurde gleich ruhiger und sentimental. Vom breiten Grinsen bei Du Doof zu gerührtem Lächeln und ganz leisem Mitsingen bei der Bahn. Schön.


Mit Denglisch wurde ein Lied gesungen, das erst auf die neue CD im Mai kam. Da es allerdings schon seit dem letzten Sommer bekannt war, war es textlich und musikalisch keine Überraschung und wurde auch in der Choreographie von den Wise Guys sicher gebracht. Das Publikum klatschte im Refrain vorbildlich auf die 2 und die 4 mit.


Dän stellte das nächste Lied als eine eineinhalb Jahre währende Standard-Ballade vor, die viele Leute in ihrem Leben schon so ähnlich erlebt hatten, also einen Menschen kannten, mit dem sie gerne mal etwas mehr zu tun gehabt hätten, das aber nie auf die Reihe gekriegt hätten. Ich dachte, dass es davon wahrscheinlich in diesem Moment eine Menge im Publikum geben würde, die gerade auf die Bühne guckten und ganz genau wussten, wer damit in ihrem Fall gemeint wäre. Aber vermutlich dachte Dän nicht so weit.














Das wär's gewesen , mit Clemens als Leadsänger, zog wunderschön durch den Raum und machte sentimental. Und es war so ernsthaft und schön, dass bei der Textstelle "Sack und Besen" gar nicht laut gelacht wurde. Im Gegenteil, es wurde immer stiller im Saal, und die kurzen Gesangspausen, in denen es für einen Moment ruhig war, waren wirklich ohne jedes Geräusch.

Noch während des Applauses stimmte Sari den neuen Ton an, die Wise Guys stellten sich auf, und nur Dän kam etwas verwirrt nach vorne, warf erst einen Blick auf das Handmikro, das er hielt, und dann auf den auf dem Boden liegenen Ablaufzettel und fragte: "Sprechen wir von demselben Lied?" Kaum hatte er den Titel gelesen, begann er aber sofort mit dem Rhythmus, und das Publikum erkannte schnell King of the road und setzte im Text gleichzeitig mit Ferenc ein. Der musste etwas später mal kurz lachen, als aus dem Background ein ungeplantes, jammerndes Begleitstimmchen ertönte und ließ danach das Publikum den Reim auf "die Waffe des kleine Mann's" alleine in den Saal singen. Das reagierte richtig und laut mit "Ego", was zwar reimtechnisch nicht vorbildlich, aber aus Anstandgründen gut gewählt war. Am Ende blieb Ferenc im hellen Scheinwerferspot stehen und wurde laut umjubelt, ging dann aber recht schnell ab.

Fast sofort startete das Intro für Nur für dich . Ein Intro-Durchlauf war im Konzept eigentlich vorgesehen, bis Clemens von hinten bis an den vorderen Bühnenrand geschlurft war und mit seiner Leadstimme einsetzen sollte. Inzwischen nahm er sich bei Konzerten manchmal auch zwei Durchläufe lang Zeit, aber das war zu toppen. Eigentlich hätte es bei der Totalnacht schnell gehen müssen, denn er stand von Anfang an vorne auf der Bühne und hätte gleich lossingen können. Während des ersten Durchganges zog er sich aber die Jacke an und schloß den Reißverschluß. Als der zweite Durchlauf begann, ging er zum seitlichen Tisch, nahm ein Glas Wasser und goß es sich unter dem Aufschrei der Zuschauer über den Kopf. Während des dritten Intro-Durchlaufes streifte er ziemlich viel Wasser aus seinen Haaren, die er dabei platt an den Kopf klebte, womit er gleichzeitig aber auch sein Kopfbügelmikro durchnässte, das mitten in diesem Mini-Wasserfall hing. Er schüttelte es aus, was Dän und Ferenc, die ihn beobachteten, kurz aus der Fassung brachte, setzte es erneut auf, drückte die Haare platt, forderte gleichzeitig mit kreisenden Handbewegungen seine Kollegen zum Weitersingen auf und wischte sich dann mit der Hand das immer noch tropfende Wasser aus den Augen. Beim fünften Durchlauf hatte Dän schon abwartend die Arme vor der Brust verschränkt, während Ferenc die Hand vor die Augen hielt, um bloß nichts mehr vom Geschehen auf der Bühne zu sehen und sich auf seine Töne konzentrieren zu können. Im Publikum gab es laute, sehr vergnügte Schreie und viel Gelächter, und auf der Bühne vermutlich Erleichterung, als es anstelle eines sechsten Intros endlich los ging. Die Fans setzten sofort textsicher ein und eigentlich hätte Clemens mit dem Singen aufhören und sich weiter Wasser über die Haare schütten können, weil das Publikum die Leadstimme übernahm. Wäre aber schade gewesen. Außerdem hatte sich zu seinen Füßen schon eine dicke Wasserlache gebildet.

Der Rest des Liedes lief planmäßig ab, und für mich unerwarteterweise setzte keiner der Zuschauer zu früh mit dem abschließenden "Nanananaaana" ein, sondern alle warteten, bis die Wise Guys Luft geholt hatten und loslegten. Klasse.

Clemens sammelte seine Jacke vom Boden auf, und Dän blickte auf den Ablaufzettel und erklärte, dass sie zum letzten Lied vor der Pause kämen. Weil es schon so spät war, sollte die Pause möglichst knackig gehalten werden. "Wir müssen uns ja auch umziehen, aber dann, dass Sie vielleicht jetzt nicht so...", er hörte auf mit dem Rumdrucksen und wurde deutlicher: "Also nur wer richtig MUSS, ja?" Er legte als Beginn der nächsten Hälfte halb 9 fest und kam zur Scheckübergabe.

"Wir würden jetzt gerne die Schecks übergeben, dafür brauchen wir die Schecks und dafür brauchen wir die Menschen, die diese Schecks entgegennehmen ...äh... das war als Stichwort gedacht, dass da jetzt jemand unauffällig hier...", er blickte sich suchend um, "... was reinreicht, dass man nicht so dumm da hängt, irgendwie auf der Bühne, sondern... ach so, von da." Die drei Leute von Misereor und dem Städtischen Kinderheim in Köln-Sülz hatten die ganze Zeit schon hinter dem Vorhang gestanden, sich aber nicht rausgetraut, weil sie die großen symbolischen Schecks hilfsbereit selber mitgebracht hatten. Es hätte ein wenig blöde ausgesehen, wenn sie mit ihnen die Bühne betreten hätten, um sie dort den Wise Guys zu geben, die sie ihnen anschließend feierlich überreicht hätten. Sari erkannte das Problem, eilte zum Vorhang um die Schecks zu übernehmen und eilte dann mit den Riesendingern nicht ganz unauffällig zurück zur Bühnenmitte, von wo aus er mit ihnen in der Hand lässig auf die Besucher zu ging und die Hände schüttelte.

Beide Organisationen erhielten jeweils 16.500 Euro, die zustande kamen, weil sowohl die Wise Guys, als auch alle ihre Mitarbeiter an diesem Abend umsonst arbeiteten, das Equipment zum Teil kostenfrei überlassen wurde und sogar die Security kein Honorar für den Abend verlangte. Auch die Stadthalle machte spendenfreundliche Verträge, so dass bei so viel ehrenamtlicher Arbeit eine Menge Geld zusammen kam. Sari überreichte lässig die Schecks und die Organisationsvertreter sahen sie an und freuten sich, als hätten sie sie noch nie gesehen. Sie erzählten etwas über die bedachten Projekte in Köln-Sülz und Indien, gingen dann ab und Dän bedankte sich beim Publikum: "Herzlichen Dank an Sie alle, euch alle, dass ihr das hier mitmacht. Hoffentlich." Er grinste breit und stellte fest: "Das erste Fünftel ist geschafft" und stellte das letzte Lied vor, das am nächsten Tag auch Mottosong des Abend werden könnte: Was für eine Nacht.

Das symmetrische Bild war zu Anfang etwas gestört, weil Eddi keinen eigenen grünen Scheinwerfer hatte und damit im Anfangsbild fehlte, er war aber zu hören und hatte sich nicht heimlich davon geschlichen. Beim Refrain wurde vom Publikum mitgeklatscht, aber zunächst etwas kraftloser, weil das vorherige Gespräch ermüdet hatte und ein wenig den Schwung genommen hatte. Jetzt freuten sich fast alle auf die folgende, kleine Pause. Bis zum Ende des Liedes hatten die Wise Guys aber wieder alle mitgerissen und ließen ein laut klatschendes und rufendes Publikum zurück, das allerdings auch sofort von den Plätzen stürzte, als die Hauptakteure aus dem Sichtfeld verschwunden waren. Es war 20:18 Uhr und in 12 Minuten sollte der zweite Block beginnen. Das war knapp.


(Klartext)

Opener A/B
Du bist dabei
Kinder
Deutscher Meister
Griechischer Wein
Sonnencremeküsse
Wie die Zeit vergeht
Du Doof!
Die Bahn kommt
Denglisch
Das wär's gewesen
King of the Road
Nur für dich
Was für eine Nacht


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