22. Februar 2006 - WISE GUYS Totalnacht

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Während der Pause war die Zeit überall ein wichtiges Thema. Als Besucher musste man sich überlegen, ob sich ein Anstellen an der Getränketheke oder der Toilette überhaupt lohnte, oder ob man nicht gleich auf seinem Platz im Saal sitzen blieb. Im Backstagebereich zogen sich die Wise Guys mit Blick auf die Uhr um, und ein paar ruhige Minuten zum Entspannen waren gar nicht drin.

“Ich krieg die Hose nicht zu!” lachte Eddi, raste über den Flur um einen Gürtel zu holen und verdeckte damit die nicht sehr große, aber auch mit brutal eingezogenem Bauch nicht zu schließende Lücke zwischen Knopf und Knopfloch. Naja, seit der ersten Totalnacht waren 8 Jahre vergangen und er war inzwischen Vater geworden. Da durfte man ein wenig breiter um die Hüften werden.














Für Ferenc waren auch 8 Jahre vergangen und auch er war Vater geworden, allerdings inzwischen schmaler um die Hüften. Irgendwo musste meine Theorie einen Haken haben.

Vier Minuten später als geplant endete die Pause und der zweite Block begann. Das Licht im Saal erlosch, ein Zeichen für die vielen noch im Foyer befindlichen Zuschauer dieses in schnellem Schritt zu verlassen und im Dunkeln zu den Plätzen zu eilen. Warum nach der genauen Zeitvorgabe von Dän und der zusätzlichen vier Minuten-Verspätung der Beginn des zweiten Blockes für viele Besucher dann doch relativ überraschend kam, wunderte mich etwas. Aber wahrscheinlich hatten die meisten von ihnen gerade ihr Getränk über die Theke gereicht bekommen und gehofft, dass das Umziehen oder eventuelle neue Einsingereien doch noch länger dauern würden.

Für erfahrene Totalnacht-Besucher war es nicht überraschend, dass die Gruppe im zweiten Block anders eingekleidet auf der Bühne erschien. Der Abend war eine gute Gelegenheit nicht nur einen musikalischen, sondern auch einen optischen Eindruck der vergangenen 11 Jahre zu bekommen. Wobei der optische Eindruck in diesem Block extrem quer wirkte. Das mussten die Zuschauer von Bühnenseite aus aber zunächst unkommentiert hinnehmen, denn es ging sofort mit Gesang los. Sari pfiff den Ton an, die fünf Wise Guys sahen sich an, holten Luft, schwenkten einzelne Arme nach vorne und sangen wie in einem Radio-Jingle: "Showtime!", was alleine schon den nächsten Begeisterungsjubel im Publikum auslöste. Kaum begann Sari die erste Zeile zu singen, ging das Mitsingen und Klatschen los. Sogar einige der Leute, die sich immer noch durch den Mittelgang auf dem Weg zu ihren Plätzen befanden, sangen unterwegs laut mit.














Der große Jubel und Applaus danach brach recht schnell weg und wurde zu Aufmerksamkeit, als Sari sofort den nächsten Ton anblies und die Gruppe sich aufstellte. Beziehungsweise vier stellten sich auf, Clemens holte sogar schon Luft und hob den Arm zum Einsatz, da ging Eddi, der am linken Tisch etwas getrunken hatte, noch gemütlich hinter allen vorbei, um sich dann auf der rechten Seite der Gruppe aufzustellen. Clemens beobachtete ihn ruhig, und Eddi gab, kaum stand er am Platz, selbst das Einsatzzeichen und es ging sofort los. Charlie Razzamatazz war eines der frühen Werke, und Eddi hatte ganz unbesorgt verspätet kommen können, denn er sang die Leadstimme. Ohne ihn wäre es also nicht gegangen. Das Lied war damals aus gutem Grunde in englischer Sprache verfasst worden, denn in deutsch wäre aus Mr. Razzamatazz wohl ein "Karl Rummel" geworden, was weder sehr jazzig, noch überhaupt irgendwie cool gewirkt hätte. Es ging fetzig und ziemlich jazzig ab, was zeigte, dass es schon damals gute Gründe gab ein Wise Guys Konzert zu besuchen, auch wenn die Wise Guys heute über manche frühen Werke ziemlich lächeln.














Dän grinste danach ins Publikum: "Kleiner Hinweis: Das ist noch NICHT der Karnevalsblock!" Die Zuschauer hatten die völlig unterschiedlichen Outfits bunt vor Augen und lachten los. Erklärend fügte er hinzu: "Das sind sozusagen unser Outfits der vergangenen Jahre. Chronologisch fängt das an beim Eddi. Das war ganz früher, da war die Hose auch noch'n Tick..." er stockte und alle blickten auf Eddis Hosenbund, wo der Knopf den Weg bis zum Kopfloch nicht geschafft hatte. "...lustiger", fuhr Dän fort. "Hosenträger und abgeschnittene Jeans, das war 1994, so haben wir in der Hohe Straße und in der Schildergasse Musik gemacht damals, und die Leute sind dann aufgrund unserer Outfits stehen geblieben."

Er wies auf Clemens: "Kurz danach die Weiterentwicklung langer Hosen. Tja, mit fortschreitender Reife,... mit dem Schachbrettmuster haben wir viel Schach gespielt unterwegs..."















"Und dann hatten wir diese Montur, die der Sari an hat, eigentlich mit Blue Jeans, oder? Oder mit schwarz??" Sari blickte an sich herunter und bestätigte, dass es schwarze Hosen gewesen waren. Dän war sich bei den Hemden aber noch sicher: "Wir hatten jeder eine eigene Farbe. Sari hatte orange, wobei, das war langärmelig. Das ist irgendwie ein Ersatzhemd vom Ferenc, von der anderen Montur." Er zupfte in Bauchhöhe an Saris Hemd herum, das erstaunliche Wellen schlug, und kommentierte: "Das ist auch sehr luftig. Das war Ferenc vorher. Ferenc hat ja auch total abgenommen." Die Zuschauer lachten, weil es so hin und her ging und verwirrend war. Orange, aber langärmlig, von Ferenc, der aber abgenommen hatte. Klar war nur, dass es so ähnlich ausgesehen haben musste.














Dän guckte an sich herunter: "Das hier war, glaube ich, 2001, ‘Ganz weit vorne’, das Outfit, so jeansmäßig." Dann stellte er sich neben Ferenc. "Und dann unsere, wie unser Produzent Uwe Baltrusch zu sagen pflegt, 'Saaldiener-Outfits'. Sehr peinliche Anzüge hier." Er fingerte etwas an Ferenc' Jacke herum und stellte fest: "Das ist auch nicht deine Jacke, sondern die vom Eddi, weil du in deine eigene nicht mehr reinpasst, weil die zu groß ist."

Danach wandte er sich wieder an das Publikum: "Dieser Block, ihr ahnt es schon, wird jetzt ein bißchen bitter. Es geht jetzt um 'Haarige Zeiten' und 'Dut-Dut-Duah' schwerpunktmäßig." Die Zuschauer fanden das aber überhaupt nicht schlimm, sondern jubelten entzückt auf. "Das Ganze wird auch moderiert vom Clemens, der gleich einen Teil der Moderationen übernehmen wird. Da freuen wir uns alle sehr drauf, und..." Er wurde von einem Lachsturm unterbrochen, weil das alles andere als wahrheitsgemäß geklungen hatte. Auch Clemens lachte los, aber Dän bekräftigte: "Nee, wirklich! WIRKLICH!! Ich freue mich da wirklich sehr - wenn ich mal andere Leute reden höre", was erneutes Gelächter auslöste.

Er kam zum Thema ‘musikalische Frühwerke’. "Man hat mir immer gesagt, Mensch, steh doch mal zu deinen alten Songs, und ich frag dann immer: WARUM??" Etwas kleinlaut kündigte er an: "Das nächste Lied handelt von einem verliebten Koch", und das Publikum freute sich aufjuchzend auf Liebe geht durch den Magen. Clemens versalzte vorschriftsmäßig singend die Suppe, und als im Background zeitgleich nach vermeintlichen Gitarren gegriffen wurde, die nach einem angeschlagenen Akkord wieder abgelegt wurden, musste Eddi plötzlich loslachen und hielt sich kopfschüttelnd die Hand vor die Augen. Vermutlich fassungslos über das, was sie früher choreographiemäßig gemacht hatten.














Im nächsten Refrain griff er zum größeren ‘Cello’ und strich weitausholend über die Saiten, woraufhin Ferenc danach zum noch größeren Bass griff und extrem weit ausholte. Eddi guckte kurz zu und hatte plötzlich eine sehr kleine imaginäre Geige unter dem Kinn, die er nach ein paar gestrichenen Tönen sauber ablegte. Sehr witzig.
Etwas ungewöhnlich, und heute auch nicht mehr in den neueren Arrangements zu finden, war ein kleiner gesungener Schlenker im letzten Takt. Das fröhlich applaudierende Publikum wirkte überhaupt nicht, als hätte es beim Zuhören schwer leiden müssen.

Weiter ging es mit Du gehst mir nicht mehr aus dem Kopf . Sollte es gehen. Sari gab den Ton an, setzte ein - und war kaum zu hören, weil sein Mikro nicht an war. Er brach sofort ab, und auch Ferenc hob sein Bassmikrofon nach oben, um den Technikern zu zeigen, dass es noch nicht funktionstüchtig war. Testweise machte Sari: "Ts ts ts" und war plötzlich zu hören. "Aaaaaaaah!" freute sich das Publikum. Clemens holte schon Luft, da rief Dän: "Stopp!" und brauchte den Anfangston nochmal. Ein kurzer Rundum-Blick von Sari, ob ansonsten alles klar war, dann ging es los. Superschnell im Text, und das schnell einsetzende Mitklatschen der Zuschauer hörte bei den Strophen sofort auf, weil man nicht gut gleichzeitig klatschen und diese übergroße Menge von Text hören und im Gehirn verarbeiten konnte.















Clemens machte die nächste Ansage: “Wir haben auch Lieder im Programm, die so ganz, ganz anders sind", begann er. "Und zwar so GANZ anders. So ein Lied kommt jetzt, was einen vielleicht im ersten Blick ein wenig überraschen mag. Aber es kommt auch vor, dass wir im kirchlichen Rahmen auftreten und dass wir auch Lieder singen zu bestimmten Anlässen. Das nächste Lied vereint beide Aspekte, zum einen ist es ein religiös angehauchtes Lied und zum anderen ist es ein Abschiedslied." Während er redete, hatte Ferenc einen Zettel aus der Innentasche seines Saaldienerjackets geholt und faltete ihn, interessiert beobachtet von den Zuschauern, laut hörbar auf. Clemens moderierte unterdessen weiter, bekam aber genau mit, was Ferenc machte: "Auch in unserer Geschichte hat es Phasen gegeben, wo wir Abschied nehmen mussten. Das folgende Lied ist übrigens auch recht tückisch vom Text her...," Ferenc ließ den Zettel mit einem Ruck unverzüglich hinter seinem Rücken verschwinden und guckte betont unbeteiligt, was sofortiges Gelächter und Beifall auslöste. "...weil es vier Strophen hat, die alle sehr ähnlich sind”, sprach Clemens weiter, ”da wirft man mit zunehmendem Alter schonmal was durcheinander." Ferenc stockte in der Bewegung, guckte dann starr zu Clemens rüber, nahm die Arme nach vorne und zerriss den Zettel mit Schwung in zwei Teile, die er nach vorne auf den Bühnenboden warf. Eddi lachte laut los, Dän hatte sichtlich WIRKLICH Vergnügen an dieser Moderation, und das Publikum johlte laut.

Noch während der Applaus über diese gelungene Spontaneinlage anhielt, hechtete Ferenc plötzlich fast verzweifelt nach vorne, hockte sich vor die Zettelteile und versuchte sie zumindest lesbar aneinander zu legen.














Er gab es allerdings schnell auf, warf die Hände nach mit dem Ausdruck 'Ach, was soll's!' nach vorne und stellte sich zurück in die Reihe. Ob Sari sich danach nur die Lachtränen aus den Augen wischte, oder wirklich weinte, weil er durch Ferenc’ überstürzte Aktion ja auch keinen Text zum Reinblinzeln mehr hatte, konnte ich nicht erkennen.

"Die irischen Segenswünsche", sagte Clemens nur noch, dann ging es schon los. Ein paar Zuschauer lachten zunächst noch, bis sie merkten, dass das Lied durchaus ernsthaft gemeint war. Gleich in der zweiten Strophe sang Ferenc ein falsches Wort und zuckte erschreckt zusammen, was dem aufmerksamen Publikum nicht entging. Dän hatte nicht nur die Leadstimme, sondern wirkte auch sehr textsicher. Kräftig begann er jede Strophe mit dem richtigen Wort und zog die unsicheren Kandidaten gut mit.

Dän meldete sich danach zu Wort: "Die irischen Segenswünsche. Eigentlich eine schöne Ausstiegsgelegenheit für Leute, die jetzt keinen Bock mehr haben.” Es sprang aber kein Zuschauer auf und eilte zur Garderobe, und vermutlich hätte Dän auch ziemlich dumm geguckt, wenn das passiert wäre. When I'm 64 war das nächste Stück, und Ferenc sang zu Beginn vom Älterwerden und dem Haareverlieren, wobei er so bestätigend grinste und so sichtlich mit dem losbrechenden Gelächter rechnete, dass die Zuschauer schon alleine deswegen loslachen mussten.















Auch bei den weiteren Strophen, die von jeweils einem Wise Guy übernommen wurden, gab es viel Spaß, weil der Text witzig war und die Darstellungen auf der Bühne das unterstützten. Mit donnerndem Applaus, Gejohle und Fußgetrampel zeigten die Zuschauer, dass es ihnen gefallen hatte.

Clemens sagte das allerallererste selbstgeschriebene, DEUTSCHsprachige a-cappella-Stück von den Wise Guys an, das der Eddi geschrieben hatte. Das Lied Wenn ich bei dir bin war an manchen Stellen etwas gewöhnungsbedürftig, aber ich mochte es sehr. Bis auf die Stelle mit dem glücklichen Würstchen an der frischen Glut, die mir dann textlich doch einen Tick zu gewagt war. Aber die Melodie hatte ich auch sonst oft im Kopf und pfiff sie, wenn ich gute Laune hatte. Die Choreographie war nicht mehr zu 100 Prozent abrufbereit, was an einigen schnellen Korrekturen erkannt wurde, aber abwechslungs- und bewegungsreich. Alles zusammen sehr schön und vergnüglich, und irgendwie war dieses frühe Stück ja auch der Grundstein für ganz andere Sachen gewesen. Hätte das Lied damals nicht funktioniert, hätte sich Eddi vielleicht anderen Hobbys zugewandt und die deutsche A-cappella-Geschichte wäre anders verlaufen. (Wow - große Worte zu Beginn des zweiten Blockes.)





























Es ging direkt mit Total egal weiter, damals eine Art Skandallied, weil es von manchen Leuten ernst genommen wurde, die nicht richtig hingehört hatten. Bei der Totalnacht machte es nur Spaß und niemand nahm den Text zu wörtlich.















Dän übernahm anschließend die Leadstimme beim Vollprofi. Der Profistatus hinderte ihn nicht daran einen Texthänger zu haben und den ihm fehlenden Zeilentext spontan in "Tätätätätä tääää tätää" zu ändern. Er fand den Anschluß dann sofort wieder, aber ausgerechnet in der Fortsetzung des Satzes: "...doch auf der Bühne steh'n ist mein Leben", was er dann selber in diesem Zusammenhang sehr witzig fand und was Eddi lachend zusammenklappen ließ. Wunderbar!
















Clemens rieb sich nach dem Abschlußapplaus grinsend die Hände und sagte nur: "Ja, Frühphase.” Dann fuhr er fort: “Beides Lieder, die wir vielleicht heute nicht mehr so singen würden." Das nächste Lied war Sari angeblich wegen seiner Sprechgesangeigenschaften auf den Leib geschrieben, weswegen es darum bei ihm keine Intonationprobleme gäbe. Sari guckte empört, holte mit dem Bein aus und trat symbolisch nach Clemens, der solche Sprüche machte.

Dän schickte Clemens sofort an den linken Rand zum Aufstellen, winkte ihn dann in die Mitte zurück, brach aber ab, weil er doch nicht sicher war. Ferenc sah, dass Clemens am Rand blieb und rutschte mit kleinen seitlichen Schritten in die jetzt zu große Lücke in der Mitte, um dort optisch für das Gleichgewicht zu sorgen. Endlich konnte 99 Jahre starten. Schneller Sprechgesang, viele Sätze, die von Sari mühelos gesprudelt wurden, und eine hämmernde Mouthpercussion, die  richtig gut und kräftig abzog. Allerdings auch so laut, das Sari fast Mühe hatte dagegen anzukommen.















"Manchmal haben wir Lieder, die es schon gab, mit einem neuen Text versehen. Wir haben sehr selten Texte, die es schon gab, mit einem neuen Lied versehen”, sagte Dän zum Publikum und ergänzte: “Also das ist mal passiert, aus Versehen." Er erzählte, dass er einen Vierzeiler, den er in einer Todesanzeige gesehen hatte, so schön fand, dass er ihn vertont hatte. Erst später erfuhr er, dass der Text aus einem Lied von Willi Ostermann stammte und damit eigentlich schon vertont war. Darum gab es seitdem das Wise Guys Lied Wenn ich ens nit mih existiere, das eigentlich eine Strophe aus dem Ostermannlied 'Heimweg noh Kölle' war.

Die Wise Guys stellten sich zusammen, begannen zu singen, und ein paar kurze Lacher zeigten noch, dass einige Zuschauer dachten, es würde lustig, aber dann kam sofort eine herzergreifende Ernsthaftigkeit rüber, die den Saal in eine wunderbare Stille versinken liess. Ich weiß gar nicht, ob ich die Originalmelodie von Ostermann kenne, aber ich glaube, sie kann nicht schöner sein.

Am Ende des Liedes bekam ich dann einen Schreck, denn mir wurde plötzlich klar, WIE schnell vier Zeilen gesungen sind. Ich wusste, dass Bodo vor diesem Lied den Saal verlassen hatte, um sich im Backstagebereich auf seinen Auftritt vorzubereiten, der dann laut Liste zwei Songs später dran war. Hätte ich bloß mal vorher dran gedacht, wie kurz das Lied war und hätte es ihm gesagt, dann wäre er vielleicht lieber noch einen Song früher losgegangen, denn diese vier kurzen Zeilen konnte man ja fast nicht mitzählen. Ich konnte nur hoffen, dass er beim letzten Ton von der Bühne nicht mit groß aufgerissenen Augen wie ein erstarrtes Kaninchen irgendwo im Gang stehen geblieben war, völlig geschockt, weil das erste der beiden Lieder schon auf dem Weg zur Garderobe beendet war und er nicht wusste, wie kurz dann das nächste war und nun mit Mörderstress und zitternden Fingern seine Klamotten wechseln und sich doppelt so schnell einsingen musste, weil ihm die Zeit knapp wurde. Wie ich später erfuhr, hatte er sich geschickterweise aber schon vor dem zweiten Block bühnenfertig umgezogen und musste darum nicht mit zitternden Fingern Hemdenknöpfe schliessen. Ob er am Ende des kurzen Vierzeilers aber nicht doch mal kurz wie ein erstarrtes Kaninchen geguckt hatte, weil es so überraschend schnell zu Ende war, weiß ich jedoch nicht.

Clemens kündigte nach dem ersten selbstgeschriebenen, deutschsprachigen a-cappella-Stück, das vorhin schon die Zuschauer entzückt hatte, das erste selbstgeschriebene Stück ÜBERHAUPT an, das Eddi und Dän zusammen geschrieben hatten: Little sweet loving girl. Sari gab den Ton an, und Clemens unterbrach noch schnell: "Ach so, genau, der Ferenc..." Der stand nämlich sichtlich unbeteiligt am seitlichen Tisch, stützte sich gemütlich auf der Platte ab und hatte ein Wasserglas in der Hand. "...der war damals nicht dabei. Der hat aber jetzt eine ganz wichtige Sonderrolle." Ferenc guckte unverbindlich in die Gegend und rührte sich nicht.

Die Vierer-Sing-Gruppe sang los, und es war Barbershopgesang zu hören. Vermute ich mal, dass das Barbershop war, aber der hat so genaue Regeln, und wer weiß, ob die exakt eingehalten waren. Irgendwo mal eine Terz am falschen Platz und es war vielleicht schon nur noch “barbershopähnlicher Gesang”.  Ferenc stand die ganze Zeit lässig an seinem Tisch, plötzlich setzte er im Refrain zweimal passend am Zeilenenden kurz und kräftig mit "Bum-Bum!" ein, was perfekt in das Lied passte, im Publikum große Erheiterung auslöste und das Lied sicher aus der Barbershop-Kategorie warf, denn dazu dürfen nur vier Leute singen. Nach diesen kurzen Einsätzen blieb Ferenc wieder unbeteiligt und sichtlich pausierend im Hintergrund, bis er irgendwann nach vorne schlenderte, gespannt beobachtet von allen Zuschauern, kurz vor der Gruppe aber wieder umdrehte, zum Tisch zurückkehrte und sich ein neues Glas Wasser eingoß. Aber dann kam er wirklich näher, stellte sich zum zweiten Einsatzpart neben Clemens, sang seine “Bum-Bums”, und Clemens präsentierte ihn bei den kurzen Einwürfen mit blitzschnell ausgestreckten Armen. Das machte er allerdings auch mit Schwung, als eigentlich Dän dran war und die Töne von der anderen Seite der Gruppe kamen, aber egal. Der Schluß endete mit einem gemeinsamen Akkord, an den Ferenc dann übermütig noch ein völlig unpassendes "Bum-Bum!" hintendran setzte, was sich völlig falsch anhörte, aber trotzdem passte. Zumindest zur Stimmung des Abends.















Dän sagte in der nächsten Moderation, dass sie mal einen Künstler kennengelernt hätten, der sie wahnsinnig begeistert hätte - ich guckte, ob dieser gerade schwer atmend, noch mit dem Knöpfen des Hemdes beschäftigt durch den Gang und die Treppe runter zum Vorhang hetzte, aber er stand dort schon, guckte ungehetzt und war korrekt angezogen. Wobei ich auch auf keinen Fall sagen will, dass ich Bodo Wartke unkorrekt angezogen erwartet hätte, aber.... egal.  "...und der ist heute abend hier!" konnte Dän noch sagen, sein ankündigendes "Bodo Wartke!" ging schon im Jubel unter, denn die Fans wussten, wer kommen würde. Gerüchteweise war es schon in den Wochen vor der Totalnacht herumgegangen, dass vielleicht Bodo Wartke dabei wäre, dabei war der sich da selber noch gar nicht sicher gewesen, und viele Kenner hatten ihn jetzt im Saal sitzen sehen und die Meldung mehr oder weniger flüsternd verbreitet. Und wer ihn nicht erkannt hatte, kannte wahrscheinlich zumindest das Monica-Lied in der Wise Guys Version.

Mit ruhigen Schritten betrat Bodo die Bühne, ging bis zur Mitte und verbeugte sich vor dem Publikum. Es gab viel Applaus für ihn, und auch die Wise Guys klatschten. Fast hätte man von der Applauslänge schließen können, er wäre bis zum Vortrag krank gewesen und mit ärztlicher Hilfe nun doch auf der Bühne erschienen, aber die Zuschauer freuten sich einfach, dass er da war. Dän berichtete, dass Bodo ihnen ein Lied als Leihgabe zur Verfügung gestellt hatte, das auch auf die letzte CD gekommen war, und dass sie es jetzt mit der Originalstimme des Komponisten und Texters singen würden. "Das Lied heißt Monica ", sagte er noch, war aber im erneuten Jubel kaum zu hören.

Sari pfiff Bodo den Ton ins Ohr, der nickte, konzentrierte sich kurz und legte los. Netterweise waren die Wise Guys um ihn herum weitläufig auf der Bühne verteilt und schwächer beleuchtet, so dass er strahlend heller Mittelpunkt des Geschehens war und sozusagen einen Begleitchor hatte. Hin und wieder hatte einer der Wise Guys gar nichts zu tun, denn dann sang Bodo seinen Part der Hauptstimme und der betreffende Guy schnappte manchmal sogar schon nach Luft oder begann den ersten Ton, bis ihm auffiel, dass er gerade nicht gebraucht wurde. Ein Ersatz-Arrangement mit alternativen Stimmen, falls die eigene von anderen Leuten gesungen wurde, war ja nicht entwickelt worden. Verständlicherweise, denn auf so blöde, sinnlose Ideen komme ja auch nur ich.

Bodo machte es zunehmend mehr Spaß auf der Bühne zusammen mit seiner Begleitgruppe zu singen. Er liess sich irgendwann in das stützende Rhythmus-Grundgerüst fallen und vertraute einfach darauf, dass die Wise Guys ihn schon zuverlässig musikalisch umkreisen und halten würden. Da er seine Begleitung sonst alleine am Klavier machte und sie damit voll unter Kontrolle hatte, war das sicher eine ungewohnte Situation für ihn, auch wenn er das Lied schon öfter mit den Wise Guys zusammen gesungen hatte. Bis dahin aber eher in ungezwungener Afterglow-Atmosphäre.

Die einzige Textstelle, die noch von einem Wise Guy als Solopart übernommen wurde, war die von Ferenc. Er tauchte zur betreffenden Szene plötzlich im hellen Scheinwerferlicht neben Bodo auf, wandte sich ihm zu und sagte mit voller Stimme: "Also, nee. Bei dem mach ich das nur für Geld." Spontan legte ihm Bodo die Hand auf die Schulter und sang Ferenc zu dessen Verblüffung ganz persönlich an: "Kein Problem, wir würden für dich spenden." Die Zuschauer lachten und der überrumpelte Ferenc drehte sich nach einem breiten Grinsen abrupt weg, um zu seinem Platz zurückzukehren.
















Nach dem letzten "Bap!" war das Lied fertig, das Publikum johlte und applaudierte laut, die Wise Guys klatschten ebenfalls, Bodo machte eine tiefe Verbeugung, hob grüßend die Hand, beklatschte die Wise Guys und ging winkend ab.
















Der Applaus dauerte noch etwas, und Dän ging unterdessen quer über die Bühne, blickte dabei auf seine Uhr und sagte, als es etwas leiser wurde, mit zufriedener Stimme zu Eddi: "Wir haben ein bißchen Zeit aufgeholt!"

Vor der Pause sollte es noch ein Lied geben, und er kündigte Träum vom Meer an. Fast sofort setzte im Publikum ein lautes: "Oooohhh!" ein, das nicht 'Oh, wie schade!' ausdrücken sollte, sondern ein entzücktes: 'Oh, wie schön!' war. Allerdings war es so ungeplant und gewaltig aufgetaucht, dass es sofort in fröhliches Gelächter zerbrach. Es wurde schnell ruhig im Saal, noch ehe Sari den Ton angab.  Die sanften Schlaflied-Töne klangen sehr homogen, nicht laut, aber doch irgendwie gewaltig durch den Raum, und nur ein paar Huster, deren Erzeuger ich bei diesem Lied am liebsten mit zugedrücktem Hals aus dem Raum geführt hätte, waren manchmal zu hören. Warum mich dieses sanfte Lied zu solch brutalen Aktionen bringen könnte? Vielleicht, weil es eines meiner Lieblingslieder ist, das ich völlig ungestört haben möchte, weil es durch laute Fremdgeräusche kaputt gemacht wird. Wenn Dän laute Huster für gut gehalten hätte, hätte er sie an den leisen Stellen einkomponiert.

Der große Applaus, der am Ende ziemlich schnell einsetzte, war mit einigen begeisterten Aufschreien unterlegt, was eigentlich schon brutal laut und viel zu reales Leben war. Da hätte ich mir einfach einen langen Applaus ohne Geschrei gewünscht. Allerdings war das vielleicht etwas viel gewünscht, so unmittelbar vor der kurzen Pause, denn die Wise Guys hatten die Bühne noch nicht komplett verlassen, da sprangen die Zuschauer schon auf und eilten Richtung Foyer. Es war keine Zeit zum Schlafen und Träumen.

















(Haarige Zeiten / Dut-dut-duah)

Showtime
Charlie Razzamatazz
Liebe geht durch den Magen
Du gehst mir nicht mehr aus dem Kopf
Irische Segenswünsche
When I'm 64
Wenn ich bei dir bin
Total Egal
Der Vollprofi
99 Jahre
Wenn ich ens nit mih existiere
Little sweet loving girl
Monica
Träum vom Meer


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