22. Februar 2006 - WISE GUYS Totalnacht

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BLOCK 3
Im Backstagebereich wurden die doch ziemlich bunten Klamotten des zweiten Blocks eilig gegen ziemlich farblose Anzüge getauscht. Von bunt und zum Teil gewagt in schwarz und seriös. Ferenc veränderte sich farblich nur wenig und wurde trotzdem auf diese Weise blitzschnell vom Saaldiener zum Boss.

Ein den Wise Guys bekannter Musikkabarettist, Bodo W. aus B., hatte beim Weg aus dem Saal nicht die öffentliche Foyertheke zum Ziel gehabt, sondern sich nach der Nutzung einer Nebentreppe einfach in der Künstlergarderobe am Cateringtisch angestellt, und siehe da: Es ging viel schneller. Auf die Idee hätten auch mal andere Besucher kommen können! Hätte auch den Vorteil gehabt, dass im Foyer nicht so viel los gewesen wäre.

Wie schon am Ende der vorherigen Pause, erlosch plötzlich das Licht im Saal und die Foyerbesucher beeilten sich auf ihre Plätze zu kommen. Dramaturgisch war es eigentlich ganz gut überlegt, dass die Wise Guys das musikalische Intro zu GoldenEye im Stockdunkeln starten sollten, dadurch eine unheimliche, gefährliche Atmosphäre durch den Saal ziehen und alles ganz spannend machen würde. Leider hatten die Dramaturgen nicht bedacht, dass nicht nur die Töne durch den Saal ziehen würden, sondern auch viele zum Teil aufgedrehte Pausenrückkehrer, die ihre gerade mal angenippten Getränke in der Hand hatten. Während die Wise Guys also schon singend auf der Bühne standen, war vor ihnen im dunklen Saal noch ganz viel los.














Es war unruhig und laut, man hörte Getrappel, Gequatsche, Rufe und rückende Stühle. Sehr schade. Das blieb sogar noch ein paar Zeilen lang so, als die Bühne schon in schwaches, blaues Licht getaucht war und Eddi die Leadstimme sang. Irgendwie unpassend: Auf der Bühne geheimnissvolle Typen, die ernst guckten, dunkle Anzüge trugen, Knarren in den Händen hielten und hörbar gefährlich drauf waren, und davor gut gelaunte Menschen, die völlig sorglos an ihnen vorbei den Gang entlang gingen und sich überhaupt nicht bedroht fühlten. Beim echten James Bond wäre das wohl nicht passiert. Zum Glück saßen irgendwann fast alle Besucher und die Bühnenperformance konnte wirken. Dass allerdings genau beim lauten Schlußton, als Eddi seine Endpose im plötzlichen aufblitzenden Licht machte, ein ganz verspäteter Besucher unmittelbar vor ihm entlang lief und damit ebenfalls plötzlich angestrahlt wurde, störte nicht nur das Bild, sondern war der i-Punkt der leicht daneben gegangenen Dramaturgie. Eigentlich war es ein bißchen witzig, aber ich fand es dann doch mehr schade.














"Herzlich willkomen zum dritten Fünftel", lachte Dän, "wir haben jetzt unsere Anzüge an. Also die haben wir jetzt auch normalerweise an in der zweiten Hälfte. Was ja in Bruchrechnungen entsprechen würde...", seine Stimme verlangsamte sich überlegend, "...quasi der Mitte vom dritten Fünftel, Dreieinhalbstel...." Verwirrt endete er mit: "Ja. Äh..." und kam lieber gleich zum nächsten Thema: "Wir haben gerade GoldenEye gesungen, das war unser Bond-Song. War irgendwie, glaube ich, fünf oder sechs Jahre im Programm..." Eddi warf eine Korrektur ein, und Dän änderte in: "...sieben Jahre im Programm. Eddi hat's geliebt es zu singen, ist immer noch traurig, dass es raus ist." Während aus dem Publikum mehrstimmig ein mitleidiges "Oohh" kam, sagte Dän: "Aber man muss ja nach sieben Jahren auch mal einen anderen Bond-Song singen. Oder keinen mehr." Er erzählte, dass Eddi sogar mal selber einen Bond-Song geschrieben hatte, der auch sofort folgte: Der letzte Martini. Eddi schleppte sich als alternder Herr Bond über die Bühne und ich grinste dazu, denn ich mochte das Lied sehr.














Sofort ging es weiter mit Ich bin grumpig , bei dem Sari über das nasse Wetter verzweifelte und sogar Eddi an den Hals ging. Gegen Schluß zog der Rhythmus so unwiderstehlich mit, dass heftig auf 2 und 4 mitgeklatscht wurde















Es gab großen Jubel und danach Sari, der in diesem Block mit moderierte. "Ja, Servus", begrüßte er das Publikum etwas unüblich und erzählte dann die Story, wie die Wise Guys einen Vorschlag zum Titelsong des Filmes ‘Comedian Harmonists’ abgeliefert hatten, der in der Demoversion abgelehnt worden war, während er viel später, fertig eingeübt und auf der Bühne gesungen, von den gleichen Leuten plötzlich für sehr gut gehalten wurde. So viel zum Abstraktionsvermögen von Profis. Sari kündigte zum Abschluß nur noch an: "Unser Titelsong, nachträglich zum Film die Comedian Harmonists." 

Auch wenn die Wise Guys ganz anders als die Comedian Harmonists waren, sah man als Zuschauer doch zwangsläufig Parallelen und irgendwo war es auch ähnlich, wie sie singend, anspruchs- und humorvoll ihre Fans begeisterten und Vorreiter für ganz neue Sachen waren. Jubelnde Zuschauer und verzückte weibliche Fans hatte es auch damals gegeben, und die rannten genauso los, wenn es die neue Schellackplatte gab, wie heute die Fans für die neue CD. Außerdem verstärkte sich die optische Ähnlichkeit, weil die Wise Guys bei diesem Lied ziemlich ruhig auf der Bühne standen und schwarze Anzüge anhatten. Jetzt noch alles in schwarz-weiss und einen Klavierspieler dazu, und die Täuschung wäre fast perfekt gewesen. Obwohl, ich hab mir ja mal sagen lassen, dass die originalen Comedian Harmonists auch bunt gewesen seien, egal, was die alten Archivfilme zeigen.










































Im Publikum blieb es ganz still und andächtig, denn das Lied ging wirklich ans Herz. Wunderschön.

Ich hatte die fünf Wise Guys im Blick, hörte ihnen zu und fühlte mich sehr wohl, denn das waren alles Stücke, die ich 1998 bei meinem ersten Livekonzert der Wise Guys erlebt hatte und die mich nun emotional zurück in diese Zeit brachten. Damals war ich etwas skeptisch ins Konzert gegangen und hatte einen unglaublich tollen Abend erlebt, der mein weiteres Leben sehr beeinflußte. Genau bei diesen Stücken, die jetzt im dritten Totalnachtblock gesungen wurden, hatte ich im Konzert gesessen, freudig leuchtende Augen gehabt, vergnügt gegrinst und gewusst, dass diese Gruppe ab sofort meine Lieblingsgruppe sein würde. Und irgendwie hatte ich schon während des Konzertes das unbestimmte Gefühl gehabt, dass an diesem Abend etwas passiert war. Keine Ahnung was, aber manchmal hat man ja so Begegnungen im Leben, die Folgen haben und merkt früher oder später, dass es einen Wendepunkt gegeben hat. Ich wusste damals allerdings nicht, was da noch an Arbeit und vor allem Spaß auf mich zukommen würde. Und die Wise Guys wussten nicht, wer da im Publikum saß und ihnen irgendwann bei späteren Konzerten mal beim Afterglow begegnen würde. Wenn das nicht Gründe waren, um sentimental zu werden. Aber zurück zur Totalnacht:

"Wir haben nicht nur auf den beiden ersten CDs 1994 und 1996 merkwürdige Songs gehabt," sagte Dän mit ernster Miene, "sondern auch 1999 -  und auch danach noch." Ohne weiteren Kommentar stellten sie sich zusammen und begannen Flunder gibt es immer wieder, das durchaus in die Kategorie 'merkwürdig', gleichzeitig aber auch in die Kategorie 'von vielen Kindern geliebt' passte. Darum wurde bei den Refrains auch übermütig und temperamentvoll mitgeklatscht und zum Teil lauthals mitgesungen. Waren zwar wenig Kinder im Saal, aber viele, die das vor einigen Jahren noch waren.





























Sari sang davon, dass er eine dralle Qualle liebe und fiel Dän um den Hals, der ihn aber nicht zurückliebte und abwehrte. Dafür hakte sich Dän nachher freudestrahlend bei seiner Kredithai-Liebe Ferenc ein, was fröhliche Kreischer auslöste und den kompletten Saal zum Mitklatschen des letzten Refrains brachte. Beim letzten Ton brach Riesenjubel aus, der das Lied gleichzeitig in die Kategorie 'merkwürdig, aber erfolgreich' einstufte.

Sari eilte nach einem schnellen Schluck Wasser nach vorne. "Wir haben jetzt schon einiges an Zeit wieder reingeholt, und da ich es nicht schuld sein möchte, wenn wir nachher hängen und Sie um zehn nach eins draußen sind und ihre letzte Bahn verpassen, machen wir jetzt ein bißchen schneller. Das nächste Lied ist eine schöne Ballade mit dem Titel Ein Herz und eine Seele." "Ooooooh!" freuten sich einige Zuschauer laut, und Eddi wartete bis es wieder ruhig war und begann dann erst mit der Leadstimme. Sofort setzten leise Begleitstimmen aus dem Saal ein und unterstützten ihn. Das war einfach ein sehr schönes Lied aus der früheren Zeit, überhaupt nicht merkwürdig, sondern sehr berührend.















Schön war auch der Kontrast zu beobachten, als das Publikum danach laut klatschte und teilweise johlte, die Wise Guys aber fast bewegungslos mit sehr ernsten Gesichtern stehen blieben, als wäre ihnen noch nicht nach Lächeln zumute. Ihre Reihe löste sich dann vorsichtig auf, ohne dass sie ihre Ruhe und Ernsthaftigkeit in den Bewegungen und der Mimik verloren.

Ohne weitere Ansage ging es mit Mädchen lach doch mal weiter   und es durfte wieder gegrinst und laut gelacht  werden. Der Mitsingchor und die Klatschbegleitung waren fast lauter als Clemens, der die Leadstimme sang. Es ging richtig ab. Fast verwunderlich, dass es die Zuschauer auf den Sitzen hielt. Aber jetzt aufstehen hieß eventuell, dass die restlichen drei Stunden stehend verbracht werden mussten, weil sich die Vorderleute nicht mehr hinsetzten. Das wollte um diese Zeit noch keiner riskieren. Im Breakteil, in dem Eddi und Sari manchmal wild über die Bühne hopsten, dem früher legendären "Känguru-Teil", bewegten sie sich diesmal nicht sehr weit, sondern hauten vorwiegend wild auf imaginären Trommeln herum. Kräfteschonendes Ausflippen sozusagen.

Als zeitsparende Moderation galt die nächste, denn Sari blies nur den Ton an und das Intro zu Probier's mal mit 'nem Bass begann. Nicht sehr damenhaft zu nennende Juchzer und wilde Schreie freuten sich auf Ferenc und seinen Solopart, und als seine tiefe Basstimme einsetzte, wurde sie von vielen, deutlich höher liegenden Frauenstimmen begleitet. Das erinnerte mich daran, dass mein damals sechsjähriger Sohn das Lied mal in Gedanken versunken, aber laut und voller Überzeugung mit Piepsstimmchen auf dem Spielplatz gesungen hatte, während ich mit Tränen in den Augen in seiner Nähe stand und vor Lachen fast zusammenbrach. “Hey, baby, ein Bass macht viel mehr Spaß!” So witzig hörte es sich in der Mülheimer Stadthalle zum Glück nicht an. Ferenc winkte Clemens absprachegemäß nach vorne und gab ihm zwei nicht mehr ganz liebevolle, dafür deutlich hörbare Schläge auf die Wange, und dieser strich ihm aus sicherer Entfernung unabgesprochen kurz über den Kopf, was Ferenc aber souverän ignorierte.



















Dass der Saal voll mit Kennern war, merkte man, als die Stelle "alle jubeln, toben, klatschen" unmittelbar bei ihrem Beginn schon in ohrenbetäubendem Lärm unterging. Neuhörer, die den Text des Lied nicht kannten, werden sich gewundert haben, wie die in diesem Moment auf der Bühne völlig unspektakulär agierenden Wise Guys diese übermäßige Reaktion auslösen konnten. Auch der letzte, eigentlich lange Ton von Ferenc versank schnell in einem übergroßen Jubel, so dass er den Gesang unauffällig beenden konnte, weil es sowieso keiner mehr mitbekam.

Es wurde zuerst donnernd, dann rhythmisch geklatscht, aber Ferenc verzog sich ziemlich schnell an die Seite, um Zeit zu sparen. Jede Minute, die er länger beklatscht wurde, hätte ihm nachher in der Pause gefehlt und da war die Entscheidung, ob jetzt lange im Applaus baden oder nachher in Ruhe die Hose wechseln, nicht schwer.

Als der Beifall aufhörte, schlenderte Dän nach vorne und meinte: "Ferenc hat den ganzen Laden hier quasi übernommen. Er kam 1995 zu uns und war 27, er wurde 28, und wir waren 24, 25. In dieser Phase des Lebens ist das ein Abstand, den man noch merkt. Das heißt, wir konnten die ersten Jahre immer fabelhaft Witze über Ferenc' Alter machen, weil er so viel älter war und man das damals auch sah. Wir haben das vor zwei Jahren nochmal probiert bei einem Konzert, 'einer ist ja auch älter als die anderen...' - Schweigen. Wer ist denn älter von euch? Sind doch alle gleich alt!" Fröhliches Gelächter im Publikum, und Dän guckte seine Kollegen an und sagte resigniert: "Traurig." Er rückte sein Kopfbügelmikro zurecht und  stellte fest: "Jetzt sind wir alle gleich alt und wenn's so weiter geht, in ein paar Jahren, sind wir alle älter als Ferenc." Die Zuschauer johlten los und Ferenc grinste breit und zufrieden. 


“Warum es auch Totalnacht heißt, ist, weil wir uns manchmal total erschrecken, wie lange es uns schon gibt. Das ist für das folgende Lied von großer Bedeutung, weil ja auch viele jüngere Menschen im Publikum sitzen. Denen muss man vielleicht den Kontext des nächsten Liedes ein bißchen erläutern." Mit Erklärstimme fuhr Dän fort: "1995, das ist jetzt bald 11 Jahre her, da war's so... ähm... das ist jetzt ganz, ganz schwer, aber es stimmt wirklich, ich erzähl jetzt keinen Quatsch, da gab es also viele Menschen..., die... ähm..., wenn sie TELEFONIEREN wollten, ..." Das Gelächter der Älteren im Saal, die ahnten worauf er hinaus wollte, unterbrach ihn kurz, "...nach Hause gingen, die hatten ZU HAUSE ein Telefon, das war fest verankert mit einem Kabel in der Wand...", jetzt johlten auch die Jüngeren los, die solche Geräte noch aus den Erzählungen ihrer Eltern kannten, "das war meistens grau, manchmal kam dann schon eins in rot, oder später in Form einer Mickey Maus. Das hatte noch eine WÄHLSCHEIBE!" Er demonstrierte mit dem Finger in der Luft wie die bedient wurde. "Da steckte man den Zeigefinger rein, machte einmal so rum und ließ es dann zurücksausen, das dauerte ungefähr zehn Minuten, und damit konnte man seinen Partner überall auf der Welt erreichen, für ganz geringes Geld.” Bei ‘geringes Geld’ gab es laute Lacher, die eindeutig von älteren Leuten kamen. “1995 fing es an, dass dann die ersten Handys auf den Markt kamen." Dän hielt ein fiktives, etwa 50 cm hohes und sichtlich schweres Handy mit beiden Händen hoch. "Die hatten nur Leute, die sehr, sehr viel Geld hatten, oder die einfach immer erreichbar sein mussten. Die anderen Leute liefen ohne Handy rum, die haben sich dann die Termine einfach im Kopf gemerkt und waren dann einfach da. Das muss man wissen als Grundvoraussetzung. Diese Handys waren ganz neu und das war damals ein Statussymbol." Er hob den Finger wie ein Lehrer und machte: "Mmh!!", was etwa aussagte: 'Ich hoffe sehr, ihr habt gut aufgepasst, denn gleich gibt es einen kleinen Test zu diesem Thema und wer gut zugehört hat, kann die Fragen beantworten.' Das ohnehin schon quietschend amüsierte Publikum lachte noch lauter los. Doch dann wurde es erwartungsvoll still.

Oh,Handy gab es auf keiner CD, und viele Fans waren gespannt, was sie erwartete. Clemens sang mit ruhiger, warmer Stimme von seinen Erlebnissen, und der Background gab sanfte Schmelztöne dazu. Im Refrain klappte Clemens seine Faust zum Handy auf, indem er Daumen und kleinen Finger abspreizte und damit telefonieren konnte. Liebevoll klappte er die beiden Teile während des Zwischengesanges wieder ein, blickte lange stolz auf seine Faust und sang sie weiter an.















Etwas später griffen die anderen vier Wise Guys nach den Sendern ihrer Mikros, die sie hinten an die Hosen geklipst hatten und hielten sie wie Handys an ihre Ohren. Nur Ferenc hatte Probleme, weil er so verkabelt war, dass er den Sender nicht bis nach oben ans Ohr bekam. Mühsam versuchte er mit dem Ohr etwa in Hüfthöhe zu kommen, was sehr witzig aussah und von ihm auch schnell abgebrochen wurde. Spontan hielt ihm daraufhin Sari seinen Sender ans Ohr und ließ ihn damit telefonieren. Wunderbar! 















Es gab großen Jubel für dieses seltene musikalische Zuckerstückchen, das den jungen Leuten nebenbei auch die Technikgeschichte näher brachte. Ferenc, der sein ‘Handy’ vorher nicht mal bis in Ohrhöhe bekommen hatte, brauchte danach am längsten, um es funktionstüchtig wieder zu verstauen, während die anderen ihre mit einem kurzen Griff wieder an die Hosen klipsten. Zu seiner Entschuldigung muss aber gesagt werden, dass er als Einziger nicht nur einen Sender, sondern auch noch einen Empfänger hatte und nun beide Geräte und ihre Verkabelungen, die vermutlich mehrfach quer über den Körper verliefen, sicher unterbringen musste, ohne etwas zu verwechseln.

Sari kam in die Mitte und verriet: "Ferenc hatte übrigens als erster von uns ein richtiges Handy." Er wunderte sich aber, warum Barry Manilow es ihnen nie erlaubt hatte, dass Lied auf CD zu pressen. Keine Ahnung, was für ein Typ Herr Manilow ist, aber aus seiner angebeteten 'Mandy' ein 'Handy' zu machen, das ist schon etwas frech. Aber gut.

"Für das nächste Lied bin ich dem Daniel besonders dankbar," fuhr Sari fort, denn es ist eigentlich, wenn ich das richtig sehe, der erste Wise Guys Blues." Es blieb total still im Publikum, denn bei dieser Ansage fiel keinem spontan ein, welches ältere Lied gemeint sein könnte. Man hörte Sari laut und in der Stille überdeutlich den Ton anpfeifen und gespannte Erwartung lag im Saal. Auch der Anfang, das gesungene Intro weckte keine Reaktionen. Häh? Was war'n das? Mancher Fan ging vermutlich im hektischen Blitzdurchlauf alle ihm bekannten Songs durch und danach die aus dem Internet gezogenen Zusatzaufnahmen und fand keinen Haltepunkt. Aber diesen Oldie konnten sogar die ganz frühen Fans nicht auf Anhieb erkennen, denn mitten im Skandal/Live-Block gab es eines der ganz brandneuen Lieder: Sie bricht mir das Herz. War ja schon ein bißchen gemein, das einfach kommentarlos in die Oldies zu stecken, aber die Wise Guys konnten sicher sein, dass sich keiner im Saal mit einem Pfeifkonzert laut dagegen protestieren würde. Im Gegenteil. Nur wenige Zuschauer hatten das Lied bisher auf einem der letzten Konzerte gehört, für die anderen war es neu und eine schöne Überraschung. Sari rappte mal nicht superschnell los, sondern hatte gezogene und gedehnte Töne drauf, die mit der Begleitung der anderen lässig und bluesig durch den Saal zogen. Außerdem sang er die Leadstimme wirklich superschön, und sie passte genau zu seiner Stimmlage.
















Die unerwartete Wendung der Geschichte kam dann auch gut an und brachte vergnügtes, aber fast leises Gelächter, denn die wunderschöne, sentimentale Melodie reizte nicht zum lauten Lachen, sondern ließ unerfüllte, schmerzliche Liebe mit durch den Raum schwingen. Ich sag ja immer, dass an diesem Lied eine herzschmelzende, ernsthafte Ballade verloren gegangen ist.

Gleich danach der Root Beer Rag als Kontrastprogramm, und schon beim ersten "Wow-wow-wow-wow" ging ein Jubelschrei durch das Publikum, das sich vielleicht auch nur vielstimmig freute, weil es das Lied wieder sicher erkannte. Das Publikum freute sich aber auch weiterhin und lachte viel, was nicht nur am seltsamen Text und extremen Tempo des Liedes lag, sondern auch an Eddis Grimassen und den vielen witzigen Bewegungen.















Beim letzten, schnellen Satz wandte sich Eddi zu Sari, beugte sich dabei immer weiter vor, so dass Sari ihm ausweichend immer tiefer in Rückenlage kam und auf wundersame Weise sein Gleichgewicht hielt. Sah ein bißchen wie ein Limbotänzer ohne Stange aus, und Eddi hatte Spaß daran ihn mit dem Finger langsam wieder hoch zu winken, ihn wieder nach unten zu schicken und erneut nach oben zu locken. Sari gehorchte wie eine Marionette und erhielt schon alleine für diese Körperbeherrschung jubelnden Applaus.















Liebevoll drückte ihm Eddi anschließend, als sie stehend den Applaus entgegen nahmen, den Bauch wieder rein, damit das überdehnte Hohlkreuz zurechtgerückt wurde, und drehte ihn dann nach vorne zum Publikum. Sari dehnte sich mit leicht schmerzverzerrtem Gesicht von rechts nach links, während der laute Applaus immer noch anhielt. Endlich wurde es ruhig, und  er klagte, mit einer Hand noch die Wirbel am Rücken abtastend: "C 3 ist das, glaube ich. Ich hab das irgendwann mal sein gelassen, weil ich jedesmal nach den Konzerten Rückenschmerzen hatte. Aber für die Totalnacht kannst du es ja noch einmal machen." Begeisterter Applaus entschädigte ihn für seine durchnummerierten, schmerzenden Wirbel.

"Wir wollten ja früher eigentlich Popstars werden," sagte er, "auch wenn es den Begriff so noch gar nicht gab damals, als wir angefangen haben. Zumindest hieß er irgendwie was anderes, und..." Sehr amüsiertes Gelächter unterbrach ihn und auch Eddi lief mit breitem Grinsen über die Bühne. "Wir hatten uns schon total gefreut auf die kreischenden Teenies, das war irgendwie unsere Wunschvorstellung...." Stichwortgemäß kreischten einige der Teenies los und zogen andere mit. Sari lächelte in den Lärm und sagte dann mit täuschend echter Paul Panzer Stimme: "Jetscht ischet doch tschu schpät!", was noch größeren Jubel auslöste.

Mit normaler Saristimme redete er weiter: "Wir haben uns immer gefragt warum, und ich glaube, dass wir noch nicht reif waren. Vielleicht liegt auch in dem folgenden Lied eine kleine Erklärung dafür." Er gab den Ton an, stellte sich zur Seite und blickte dann zu Clemens, der immer noch grinsend, ganz im Zauber der Panzer-Moderation gefangen, unbeteiligt in der Gegend stand. "Ach ja!" schlug der sich vor den Kopf und eilte in die Bühnenmitte, wo er mit ein paar Grimassen zeigte, dass ihm das etwas peinlich war, vergessen zu haben, dass er zur Arbeit und nicht zum Spaß auf der Bühne stand.

Bei Zu schön für diese Welt musste er voll mitarbeiten, war wichtig für den Rhythmus während der Strophen und sang beim Refrain mit Eddi und Sari zusammen die Hauptstimmen. Mitsingen und Mitklatschen war bei diesem Lied für das Publikum meistens schwierig, so dass es nur in den Refrains immer mal wieder aufflackerte. Zum Glück sang Sari nicht mit der Stimme von Paul Panzer "Schie ischt tschu schön für diesche Welt!", denn das wäre nicht so überzeugend cool rübergekommen.
















Noch im Applaus rief Dän mit etwas abgehackter Stimme: "Ihr seid super! - Supergut. - Echt. - Ja. - Danke!" In normalem Tonfall redete er weiter und blickte dabei kurz auf die Uhr: "Es geht auf Mitternacht zu und mein Fussich-Julchen-Modul hat sich selbständig aktiviert gerade." Et fussich Julchen war eine Dame, die in Karnevalsveranstaltungen Stimmungslieder sang, von der ich aber außer dem Namen und dem aussehen nichts kannte, weil ich so eine Musik nicht hören wollte. Vermutlich machte Dän sie gerade täuschend echt nach, um Sari mit seiner Paul Panzer Imitation noch zu toppen. Kam aber nicht so überzeugend rüber.

Dän wandte sich an das Publikum und klang durchaus ehrlich: "Kompliment erstmal bis hierhin, wir haben jetzt über die Hälfte rum. Tolles Publikum, macht sehr viel Spaß heute abend, vielen Dank!", was vom Publikum natürlich freudig und mit großem Applaus aufgenommen wurde. Dän nutzte die Klatschzeit, um halblaut ein kurzes Stimmungsliedchen anzustimmen, was er aber sofort abbrach, als es leise wurde. "Jetzt mal Spaß beiseite," ordnete er ernst an, "ein Lied von Britney Spears in der deutschen Version."

Die Zuschauer jubelten sofort wieder los, um bei den ersten synchronen Bewegungen auf der Bühne noch lauter zu werden. Das waren schon Entzückensschreie, was immer man sich auch darunter vorstellen mag. Schlag mich baby war Gesang und Tanz im Stil einer Boygroup. Die Wise Guys waren in den Bewegungen so synchron, dass sie das unbedingt aktuell aufgefrischt haben mussten, denn es war wirklich klasse, was sie dort dem Auge boten. Ziemlich exakte, sehr schnelle Bewegungen, die dort endeten, wo sie enden mussten, in die gleiche Höhe gehobene Arme, und Köpfe, die sich zack!, zack!, gleichzeitig von links nach rechts drehten. Das war schon nicht mehr die Parodie auf eine Boygroup, sondern eine richtig gute Choreographie-Ausführung.















Sogar das Schlußbild war perfekt aufgebaut, ohne dass links einer stehen blieb, während sein Gegenpart rechts in die Knie sank. Toll, toll. So muss es sein. Witzig und augenzwinkernd, dabei aber so gut, dass man als Zuschauer nur noch staunen kann. Mit sehr großem Jubel und langem Applaus erkannte das auch das Publikum an.

Während Sari und Clemens noch den Staub von den Hosenbeinen wischten, sagte Dän: "Wir kommen zum letzten Lied des dritten Blocks und..." "Ooooooh!" unterbrachen die Zuschauer laut, und er grinste beruhigend: "danach kommt ja noch der vierte, höhö, und der fünfte." Er guckte auf seine Armbanduhr: "Es ist zeitlich..., na, nicht ganz, ... wir hängen im Moment noch zwei Minuten, NACH dem Lied fünf Minuten. Aber gut." Er begann zu rechnen: "Wir fangen dann um... dreizehn... vor elf wieder an. Seien Sie pünktlich am Platz, denn wir haben einen sehr aufwändigen Umzug vor uns. Also wir ziehen uns jetzt gleich um und haben dann eine andere Montur an. Ist noch nicht Karneval, aber es lohnt sich dann schon rechtzeitig wieder da zu sein." Na, das klang spannend.

Sari griff zur Stimmpfeife, und Dän sagte: "Zum Abschluß des dritten Blocks ein Lied, das auch ein bißchen dokumentieren soll, dass wir wissen, dass wir ein Team sind und eigentlich auch nur als Team richtig funktionieren." Ein superschöner Satz, der mir nicht nur so gefiel, sondern auch zur Stimmung des Abends passte. Totalnächte waren Ausnahmesituationen, die nicht nur bei den Zuschauern, sondern auch bei den Wise Guys ein Zusammengehörigkeitsgefühl auslösten. Sie waren wie ein großes Fotoalbum, in dem man blätterte und mit dem Erinnerungen an frühere Zeiten geweckt wurden, die man gemeinsam erlebt hatte, hatten aber gleichzeitig den Bezug bis zum Heute. Schon als Zuschauer war es toll dabei zu sein, aber für die Wise Guys auf der Bühne musste es noch viel intensiver sein. Außerdem musste man den Abend auf der Bühne gemeinsam gut überleben, was zu Beginn einer langen Totalnacht immer etwas beunruhigend war und Sorge machte, ob alle Stimmen das gut mitmachen würden und ob nicht irgendwo der totale Textblackout einsetzen würde.

Sari pfiff an und setzte dann zu Jede Stimme zählt ein. Originellerweise sang er in seiner Strophe davon, dass er sich erkältet hatte und nicht mehr mitsingen konnte, was ja ziemlich nah an der Wahrheit lag und beinahe so eingetreten wäre. Im Verlauf der nächsten Strophen konnte man dann hören, was das für Auswirkungen gehabt hätte, wenn er, Eddi und vielleicht auch noch Clemens einfach nicht gekommen wären. "Pro" - "blem", sage ich nur.















Dän sang in seiner Strophe vom hohen Wasserkonsum, endete mit: "Meiner Stimme geht's prima, da bin ich echt froh...." und zappelte danach so gequält und verlegen auf der Bühne herum, dass er den Rest der Zeile gar nicht mehr singen musste, denn die Zuschauer reimten schon selber auf "Klo" und lachten vergnügt los, als er fluchtartig hinter den Vorhang stürzte.

Eddi blieb alleine zurück und sang mit langen Pausen dazwischen: "zählt" - - "fehlt" - - "quem" - -, machte dann eine extralange Pause, in der er abwartend guckte, und das Publikum setzte nach zwei Sekunden laut und lachend mit "lem" ein. Eddi kam zum Jodelteil. "Jodlhoohihiiiiii" machte er laut, und in die Pause hinein wiederholte eine männliche Zuschauerstimme das Thema als Echo, was großes Gelächter und Applaus brachte. Eddi wartete ab und sang die nächste Jodelstelle. Sie war sehr lang, sehr hoch und hatte einige ungewöhnliche, mordsschwerde Schlenker am Schluß. Kaum war der letzte Ton gesungen, zeigte Eddi auffordernd in die Richtung des Echojodlers, der es wiederholen sollte. Konnte der natürlich nicht, und die Zuschauer johlten los und lachten sehr über Eddis gelungene Ausbremsaktion. Der jodelte in schnellem Rhythmus weiter, so dass sofort der komplette Saal  mitklatschte.















Nach ein paar Durchgängen blinzelte Eddi mal vorsichtig nach hinten, denn eigentlich mussten seine Kollegen schon da sein und ihn von der Bühne holen. Es kam aber keiner, was ihn äußerlich kurz lachen ließ, innerlich aber vermutlich schon zu Überlegungen brachte, ab wann er selber die Bühne verlassen sollte, oder ob er einfach bleiben und den vierten Block jodelnd bestreiten sollte. Die anderen Wise Guys standen derweil grinsend hinter dem Vorhang und schickten den Techniker Jörg los, der Eddi am Arm von der Bühne zog.















Eddi jodelte dabei immer hektischer, riss sich los, erschien nochmal kurz im Scheinwerferlicht und lief dann jammernd jodelnd von alleine von der Bühne. Zwei Takte lang konnte man ihn noch von hinter dem Vorhang hören, dann sprangen auch im Saal schon die Zuschauer auf und liefen schnell in Richtung Foyer. Das musste doch zu schaffen sein, ganz früh an der Theke zu sein, um schnell ein Getränk zu bekommen! Scheinbar hatte Bodo W. den Tipp mit dem viel bequemeren Catering in der Wise Guys Garderobe nicht weiter gegeben. Und wenn jetzt einige Zuschauer diesen Tipp aufgreifen und bei der nächsten Totalnacht plötzlich im Backstagebereich auftauchen, um dort Getränke zu holen und sich mal ein bißchen umzusehen, werde ich wohl Mordsärger bekommen.


















(Skandal / Live)

GoldenEye
Der letzte Martini
Ich bin grumpig
Die Comedian Harmonists
Flunder gibt es immer wieder
Ein Herz und eine Seele
Mädchen lach doch mal!
Probier’s mal mit ’nem Bass
Oh Handy
Sie bricht mir das Herz
Root Beer Rag
Zu schön für diese Welt
Baby noch einmal
Jede Stimme zählt



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