22. Februar 2006 - WISE GUYS Totalnacht

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BLOCK 4:
Das Saallicht erlosch, die dritte Pause war vorbei, und während die Wise Guys im Laufschritt auf die Bühne kamen, eilten vor ihnen natürlich immer noch viele Zuschauer durch den Gang auf ihre Plätze zurück. Das war wohl unvermeidlich und hätte vermutlich nur durch den Aufbau von weiteren Getränkeständen und Toilettenkabinen im Foyer geändert werden können.














Das Bühnenoutfit war - wie von Dän versprochen - großartig. Nun ja, es sah aus wie vorher, nur dass die Anzugjacken fehlten. Ich will aber nicht meckern. Vielleicht hatten sie sich trotzdem in der Pause komplett umgezogen, Hosen untereinander getauscht, frische Socken angezogen oder zum Zweitanzug gegriffen, um selber nicht aus der Routine der hektischen Umzieherei zu kommen. Vielleicht hatten sie aber auch einfach nur die Jacken ausgezogen und dann minutenlang untätig im Backstagebereich herumgestanden.

Das Publikum jubelte ihnen zu, Sari pfiff einen sanften Anfangston, und der Wise Guys Opener begann. (Der ‘Wise Guys Opener’ ist der von früher. Nicht zu verwechseln mit dem ‘Opener A’ und dem ‘Opener B’ vom aktuellen Programm. Bei der Totalnacht 2014 werde ich an dieser Stelle vermutlich die Unterschiede bis zum ‘Opener P4’ erklären müssen.)














Den meisten Zuschauern war der alte Opener gut bekannt und sie sangen gut gelaunt mit. Textlich war er nicht mehr ganz aktuell, aber das machte die Sache eigentlich noch interessanter. Ferenc versuchte den Text spontan zu aktualisieren und sang, dass Dän Student der Germanistik WAR. Das war dann zwar eine korrekte Aussage, die sich aber nicht mehr mit der folgenden Zeile reimte, so dass Ferenc, noch begeistert von seiner Idee Dän anstrahlte, dann aber verblüfft lachen musste, weil er feststellte, dass ihn diese kurze Änderung sofort aus dem weiteren Text geworfen hatte und er erst in der nächsten Zeile wieder einsteigen konnte.

Fröhliche Lacher im Publikum gab es auch, als Clemens auf Ferenc zeigte und sang, dass der nach dem Duschen nicht mehr viel zu föhnen hätte. Dabei war das textlich aber auch früher schon korrekt gewesen, denn ich hatte Ferenc auch auf meinen ersten Konzerten nie mit wallender Mähne erlebt. So viel weniger als vor einigen Jahren war jetzt auch nicht auf dem Kopf. Nur kürzer. (Übrigens: alte Rechtschreibung: fönen, neue Rechtschreibung: föhnen. Da soll noch einer durchblicken. Oder durch blicken?) Clemens sang weiter im Text, dass Ferenc als Einziger ein Handy hat, jeden Tag nach Düsseldorf fährt, und schlug sich dann hämisch vergnügt auf das Bein, als er breit grinsend singen musste: "Er ist ja schon fast dreißig." Eddi sang bei der Vorstellung seines neben ihm stehenden Kollegen: "Er heißt zwar Marc, doch die meisten sagen..." und wies auffordernd zum Publikum, das sofort mit einem lauten "Sari!" einsprang. Sehr klasse!














Am Ende gab es einen langen Schlußakkord und ein laut jubelndes Publikum. Dieser Opener war übrigens mein vor Jahren erstes live gehörtes Lied, und ich weiß noch, dass genau am Ende des dritten Satzes "Wir sagen schönen guten Abend, meine Damen und Herr'nnn", auf dem langen 'nnn', meine leichte Skepsis urplötzlich in große Liebe umgeschlagen war. Damit hatten sie mich.

"Hallo, hallo..." rief Dän vor sich hin und wandte sich dann ans Publikum: "Hallo, herzlich willkommen zum vierten Block. Es ist bei diesen alten Liedern, man kommt immer in so einen Schnippzwang." Er führte es vor, indem er schnippend zu Eddi ging und dabei erklärte: "Wir rücken immer ganz nah zusammen und gucken auf den Boden. Das ist noch so drin. Irgendwie geil." Eddi hatte ebenfalls geschnippt und auf den Boden geguckt, hörte bei Däns letztem Satz aber auf und guckte ihn aufmerksam an. Dän hörte auch mit dem Schnippen auf, guckte zurück und meinte dann: "Ja, es ist nicht so richtig geil, aber es ist irgendwie...." Er drehte zur Seite ab und versuchte zu erklären: "...faszinierend, was das psychologisch mit einem macht so 'ne Totalnacht.” Mit Blick ins Publikum blieb er ruhig stehen, überlegte sichtlich und sagte dann: "Ähmmmmmm......", was so ungewohnt war, dass die Zuschauer loslachen mussten. Nicht nur ich war scheinbar von der alten Zeit etwas überrumpelt.

Immer noch ernst sagte er: "Ein Block, in dem ich die Ehre habe mir die Moderation mit Eddi teilen zu dürfen..." das Publikum jubelte auf, und er fuhr fort: "Eddis Moderationen in den letzten Jahren, landauf, landab gefürchtet, und wir singen jetzt ein Lied über Freundschaft. Das ist also der Thema...", er stockte kurz und betonte dann: "DER Thema des aktuellen Blocks ist 'Alles im grünen Bereich', aber das Lied ist von der CD 'Ganz weit vorne'." Die Wise Guys stellten sich nah zusammen, das Bühnenlicht wurde schwächer, und Bleib wie du bist begann. Das Publikum war wunderbar leise, was vielleicht auch an der vorherigen, etwas ungewöhnlichen Ernsthaftigkeit von Dän lag. Mit sanfter Stimme sang Dän die Hauptstimme, der Background war vorschriftsmäßig leise, nur in den Refrains wurde es kräftiger und zog durch den Raum. Das Lied passte genau zur Stimmung, die in diesem Moment im Saal lag. Etwas sentimental, leicht lächelnd und sehr schön.





























Als das Bühnenlicht wieder hell und weiß wurde, war immer noch etwas von der wunderschön ruhigen Stimmung im Raum. Dän machte lockere Anmoderationen, aber in seiner Stimme lag weiterhin eine ruhige Nuance, die Einfluß auf die ganze Atmosphäre hatte. Er strahlte eine große Zufriedenheit aus und man konnte spüren, wie sehr er das Konzert mit seinen langjährigen Kollegen genoß und dass es ihn nicht unberührt ließ. Entsprechend nett begann die nächste Ansage: "Meine Damen und Herren, wir haben das große Vergnügen noch eine Hauptstimme von Ferenc zu genießen, mit Ihnen zusammen. Das ist jetzt ein bißchen verwirrend. Es ist ein Lied mit dem Titel 'Haarige Zeiten', aber es stammt nicht von der CD 'Haarige Zeiten', sondern von der CD 'Alles im grünen Bereich'. Das haben wir zu spät geschrieben, da war die 'Haarige Zeiten' schon draußen und da haben wir es auf die nächste drauf...."

Er brach ab, und Ferenc stellte sich in die Mitte, vorfreudig grinsend, weil er wusste, dass das Thema 'Haare' bei ihm immer gut ankam. Als er dann von seiner Verzweiflung über die schwindende Haarpracht sang, konnte man ihm das überhaupt nicht abnehmen, denn er wirkte so selbstsicher und lässig zufrieden, dass bei den Zuschauern einfach kein Mitleid aufkommen konnte. Außerdem war Ferenc eben der Wise Guy mit den wenigen, kurzen Haaren. Wer wollte ihn anders? "Nichts ist so sexy wie Geheimratsecken" wurde darum auch vom Publikum mit Überzeugung laut mitgesungen.















Zum Schlußbild drapierten sich die anderen Wise Guys in fast anbetender Pose um ihn herum, und Eddi nahm diese Posititon vor Ferenc wieder ein, als der lange Applaus aufgehört hatte. "Die erste Moderation heute abend werde ich aus dieser Pose heraus machen," kündigte er an, und fing an: "Meine Damen und Herren, das folgende Lied.... nee, das halt ich nicht durch", und stand lachend auf. Er lief lieber zu der Stelle auf der Bühne, an der er beim nächsten Lied stehen musste und erzählte dabei, dass das folgende Lied enstanden war, weil Daniel in der Ölbergstraße wohnte, ein kurzer Blick zu ihm: "Das darf man jetzt, glaube ich, sagen, weil du da nicht mehr wohnst", woraufhin Dän nickte und es sowieso zu spät gewesen wäre, wenn er verneint hätte. Eddi erwähnte ein Eiscafé an der Ecke, und das Publikum jubelte los, weil spätestens da auch auffiel, dass sich Sari nicht mehr auf der Bühne befand. Die meisten Zuschauer wussten beim Stichwort ‘Eiscafé’ und einem abwesenden Sari, dass Ich will keine a-cappella kommen würde, und Eddi versicherte sich nur noch kurz bei Clemens: "Ist soweit klar jetzt? Dann fangen wir einfach mal an." In diesem Moment fiel ihm ein, dass er keinen Anfangston hatte, weil Sari mit der Stimmpfeife weg war, und er lief zum seitlichen Tisch, um den Ton dort auf dem kleinen Keyboard zu holen. Sari hatte das von der Seite aus beobachtet und blies laut den richtigen Ton, der von den Lautsprechern deutlich übertragen wurde. Gespielt verwundert hoben die Wise Guys auf der Bühne die Köpfe und guckten sich um, aus welchen himmlischen Sphären wohl dieser klangvolle Ton kam. Sehr spontan und sehr witzig!

Das Mitsingen des Intros von Publikumseite brach kurzzeitig ab und wurde zum lauten Kreischen, als Sari mit offenem Hemd und darunter freiliegendem Oberkörper auf die Bühne kam. Kein Wunder, dass er nicht mehr Mathe- und Physiklehrer werden wollte, wo ihm so eine enthemmte Begrüßung beim Betreten der Klasse nur selten passieren würde! Auch die “sieben Euro funfzich”, die auf der Bühne so gut ankamen, würden im Klassenraum wohl er zum Gähnen herausfordern.





























Sofort ging es weiter mit Einer von den Wise Guys, bei dessen Anfang Sari zunächst im Hintergrund etwas unsexy das Hemd zuknöpfen und umständlich rundum wieder in die Hose schieben musste. Das war dann Marcello Sarini im Alltag. Ansonsten ging es gut ab und die Zuschauer gingen klatschend, lachend und singend mit, was schon durch den knallenden Rhythmus der Mouthpercussion sehr unterstützt wurde.















Danach führte Dän zurück zur CD 'Alles im grünen Bereich' und erzählte, dass es 1997 viele Veränderungen gab. Die Wise Guys standen auf der Schwelle zum Profitum, bekamen einen Vertrag von der EMI angeboten und hatten einen TV-Auftritt bei 'Geld oder Liebe'. Er kommentierte: "Falsches Lied gesungen. Das war blöd. Und dann ist Lady Di an dem Tag gestorben, auch blöd. Dadurch war die Quote nicht so, wie sie hätte sein sollen. Und auch blöd für Lady Di natürlich." "Ho ho ho", lachten die Zuschauer, und Eddi und Clemens drehten sich breit grinsend zur Seite.

Dän erklärte, in der Stimme übrigens immer noch ernsthafte und ruhige Untertöne, dass sie sich damals zum ersten Mal getraut hatten eine echte Ballade aufzunehmen. "Wir haben die ersten Jahre eigentlich alles immer nur witzig und schnell gemacht, und 1997 gab es Anlass genug auch mal ein Lied zu schreiben, das ein bißchen trauriger ist. Das Lied heißt Wie kann es sein." Er trat ruhig zurück in die Mitte seiner Kollegen, und nur wenige, auffallend zaghafte Jubler waren im Saal zu hören. Das lag nicht an der mangelnden Vorfreude, sondern an der liebevoll-ruhig-sentimentalen Stimmung, die Dän verbreitete.

Nicht nur das ruhige Lied, sondern auch der Blick auf die Bühne war völlig entspannend, denn die Wise Guys standen fast bewegungslos mit hängenden Armen nebeneinander und konnten sehr leise singen, ohne dass ein Ton im Saal verloren ging. Wunderbar.















Auch ein ganz großes Lob an das Publikum, das die Stimmung anfnahm und atemlos ruhig blieb. In diesem Fall konnte der Endton sogar ganz langsam verklingen, ehe der Applaus los ging. Kein Gejohle oder lautes Gejubel störte ihn, keiner traute sich mit übermäßigem Lärm die stimmungsvolle Atmosphäre zu stören.

Das schafften die Wise Guys dann ganz alleine, als sie sich in ruhigen Bewegungen wieder aufstellten und Dän in die gespannte Stille hinein mit einem gequetschten: "Eins, zwei..." den Anfang vom Tekkno begann. Laut brach der Jubel hervor, der ja wartend in den Zuschauern gesessen hatte, weil es davor zwar stimmungsvoll und ruhig, aber nicht etwa langweilig, sondern überall hochgespannt und ganz aufmerksam gewesen war.
















Harte Tekkno-Rhythmen zogen jetzt durch den Saal, die Scheinwerfer produzierten flackerndes Discolicht und die sentimentale Stimmung wurde mit Kraft weggeklopft. Es wurde wieder laut und jubelnd in der Stadthalle. Ein auf und ab in der Stimmung, das in dieser Mischung wunderbar war. Die leisen Töne gehörten ebenso dazu wie das laute Geschrei.

Eddi sagte danach, dass der Tekkno lange Zeit DER Hit im Programm gewesen war und fuhr eindringlich fort: "...und wir haben es ganz schwer gehabt, das dann irgendwann los zu werden. Das wollte ich Ihnen auch mal erzählen." Die Zuschauer lachten amüsiert los, weil er dabei so ernst und entschlossen wirkte.

Dann kam er auf das nächste Lied zu sprechen, erzählte von einem Abend im Jahr 2000 im Atelier-Theater,  wo sie einen Klavierkabarettisten sahen, der ihnen positiv auffiel. Schnell beeilte er sich: "Und es war NICHT Bodo Wartke!" einzuwerfen. "Der Typ war WIRKLICH jung", was empörtes Gelächter im Publikum auslöste, weil Bodo Wartke nicht mal 30 war, und was seine Kollegen aufmerksam seiner weiteren Moderation zusehen ließ. "Na, relativ zu JETZT," versuchte Eddi sich zu erklären, "der war irgendwie achtzehn oder neunzehn. Wir haben ihn dann gefragt, ob wir ein Lied von ihm singen können und..." er zeigte ins Publikum und sagte eine Spur lauter und unüberhörbar vorwurfsvoll: "Bodo, das solltest du dir allerdings wirklich anhören: Er hat es dann für uns arrangiert!" Das Gelächter des Publikums ging in ein mitleidiges Oooooh über, und ich wusste nicht, ob das Bodo galt, der als bis eben noch lächelnder Zuschauer plötzlich solche Vorwürfe anhören musste, oder ob das den Wise Guys galt, die sich selber hatten bemühen müssen, die ganzen Klavier- und Singnoten von ‘Monica’ auf fünf Stimmen zu verteilen. Eddi stellte noch fest, dass es das einzige Lied im Wise Guys Repertoire war, bei dem Text, Musik und Arrangement komplett von jemand anderem gemacht war. "Tom van Hasselt", nannte er nur noch, und alle freuten sich auf die Philosoffen.

Die fingen auch ganz gut an, und es war nicht zu ahnen, dass sich hier der erste heiße Kandidant für einen der vorderen Texthänger-Preise finden würde. Die erste Strophe wurde von Eddi und die zweite von Clemens problemlos absolviert. Dann setzte Eddi erneut ein, um den Refrain zu singen. "Die Philosoffen war'n alle besoffen", sang er freudig und machte unbeschwert mit dem Text des nächsten Refrains weiter, also nicht: "Das ist kein Witz und auch kein Neid", sondern: "Sie sah'n der Wahrheit ins Gesicht". Aber schon nach zwei Worten stockte er, zum einen, weil ihm wohl selbst auffiel, dass da etwas komisch war, zum anderen, weil der Mitgesang aus dem Publikum anders klang. In Denkerpose, passend zum Lied, aber auch zu seiner deutlich einsetzenden inneren Aktivität, hielt er den Finger an die Stirn und ließ den vom Publikum laut und deutlich eingesungenen Text auf sich wirken. "Echt?" drehte er sich dann zu Clemens um, der ihm zustimmend zunickte, was aber im Takt seiner gesungenen Dut-Duts geschah, so dass ich nicht hätte beschwören wollen, ob es Nicken oder rhythmisches Singen war.

















Ab der fünften Zeile war Eddi dann wieder sicher dabei und blieb es - bis zum nächsten Refrain.

Wieder sang er freudig von den Philosoffen, die alle besoffen waren, hörte dann mit dem Singen auf und lauschte, was ihm das Publikum vorsang. Vermutlich sicherheitshalber, ehe er wieder daneben lag. "Sie sah'n der Wahrheit ins Gesicht und waren hackestrunzendicht", sangen die Zuschauer laut, und Eddi sagte verständnislos und leicht anklagend: "Habe ich doch eben gesungen!", ehe er wieder in den weiteren Text einstieg.

Die nächste Strophe gehörte Dän, und das Publikum sang inzwischen hilfreich und ziemlich laut mit. Das fand der aber nicht so gut und sang die Zeile "na, wie soll denn das jetzt...." so verzögert, dass das Publikum schon mit dem "geh'n" fertig war, ehe es merkte, dass Dän eine kurze Pause gemacht hatte, um das "geh'n" triumphierend alleine zu singen. Noch bevor wieder jemand auf den Textzug aufspringen konnte, rasselte er: "Im Suff hat man Ideen!" runter und war fertig. 1:0 für ihn, und er ahnte da noch nicht, dass er etwas später über eine zuverlässige Mitsingerei des Publikums sehr dankbar gewesen wäre. Aber ich will nicht vorgreifen, sondern gemeinerweise nur neugierig machen. Das Publikum war bei diesem Lied jedenfalls nicht mehr zu stoppen und sang bis zum Schluß kräftig mit.

Dän erzählte zum nächsten Lied, dass es von der Gruppe 'Strombolis' war, der damals Stefan Gwildis angehörte, der dieses Lied auch mitgeschrieben hatte. Ich mochte Stefan Gwildis, ich mochte die Strombolis und ich mochte Genurjanie Indibarda.
















Das Lied hatte es übrigens bei meinen ganz frühen Wise Guys Konzerten schon gegeben, war dann einige Zeit nicht mehr im Programm gewesen, bis es plötzlich wieder auftauchte und noch besser geworden war. Sanfte südamerikanische Klänge zogen durch die Mülheimer Stadthalle, und zu beobachten wie sorgfältig und hingebungsvoll Clemens das Rasselei hin und herschwenkte, war allein schon sehenswert.

Allerdings kam mir das Lied etwas zu langsam vor und hätte bei aller wunderschönen Sanftheit einen Tick mehr südamerikanisches Temperament gebrauchen können. Vielleicht hätte ich vorher mal unauffällig das Foto einer brasilianischen Bikinifrau am Strand der Copacabana auf den Bühnenboden kleben sollen, um die Pulsfrequenz der Herren etwas zu erhöhen.


Sofort ging es mit Du kannst nicht alles haben weiter, und die Zuschauer sangen textsicher mit und setzten vorschriftsmäßig mit den Klatschern ein. Die Stelle mit den NICHT-Klatschern näherte sich, und die Wise Guys kamen als enge Gruppe zusamme und hoben schon abwehrend die Hände, um wirklich jedem zu signalisieren "Achtung, aufpassen!!" Dann sangen sie ganz leise, Dän winkte auffällig mit dem Finger ab, Sari signalisierte Nein!, und trotzdem setzte eine kleine Gruppe Klatscher links vorne ein. Die Sänger auf der Bühne guckten verzweifelt, aber Eddi hatte einen Lacher beim Weitersingen drin. Und während die anderen Guys etwas vorwurfsvoll in die Klatschrichtung guckten, rief Eddi noch ein "Dankeschön!" hin und freute sich. 















Nach dem Applaus guckte er in die Klatscherecke und gab zu: "Vielen Dank! Die Stelle ist immer blöd, wenn dann DOCH KEINER reinklatscht, ehrlich gesagt. Wir tun natürlich immer so, als wenn wir uns ärgern." Die Zuschauer lachten wohlwollend, denn so ähnlich hatten sie sich das fast gedacht. War doch auch immer zu schön, wenn irgendwelche Leute das nicht kapiert hatten und so blöd reinklatschten. Haha. War einem früher vielleicht mal selber passiert, als man noch Anfänger war, aber inzwischen ja schon lange nicht mehr.

Eddi stellte in Ruhe sein Wasserglas auf dem Tisch ab und sagte dabei: "Das folgende Lied ist ein Beispiel dafür, dass wir wiederum von den Medien...", und hier fing er an laut und wütend zu brüllen: "SYSTEMATISCH FERTIG GEMACHT WURDEN im Laufe unserer Karriere," Ferenc, der unmittelbar neben ihm stand, zuckte zusammen und wich ihm erschreckt aus, und die Zuschauer machten mitleidig: "Ooooooh!" Da musste Eddi dann selber loslachen und er erzählte mit normaler Stimme weiter, dass sie die Titelmusik zu einer Wissenschaftsshow gemacht hatten und sie jetzt ein acht Sekunden langes Tonbeispiel davon geben wollten. Eddi zählte langsam "One, two, three, four" vor, und Besserwisser kam langsam, aber doch wunderbar swingend rüber. Also mir gefiel es so. Aber nach nur einem Satz brach Eddi mit "und so weiter" ab, und das Publikum reagierte enttäuscht. angeblich weil das Projekt nie richtig lief, nahmen die Wise Guys zur Strafe das Lied viel, viel schneller auf, erläuterte Eddi mit ernstem Gesicht, blieb aber trotzdem irgendwie unglaubwürdig.

Es wurde schneller vorgezählt und das Lied startete nochmal, aber im Originaltempo. Schneller Text, im Refrain mit hakeligen, sehr ähnlichen Wörten versehen, aber alle kamen zuerst noch gut durch. Die unangefochtene Königs-Texthängerstelle der Totalnacht 2006 kam erst im Verlauf der ersten Strophe, und der König war Dän. Unbesorgt und lässig glitt er noch auf den Schlittschuhen, guckte dabei Eddi an und kam ins Schliddern. Die Frage ist, ob er rauskam, weil er Eddi anguckte, oder ob er ihn anguckte, weil er merkte, dass er rauskam. Das Ergebnis war auf jeden Fall ein plötzlicher Rutsch in die zweite Strophe, wo er an musikalisch gleicher Stelle mit dem anderen Text weitermachte. "Warum muss ich niesen, wenn ich in die Sonne schau" war noch aus der ersten Strophe, der Folgesatz: "Gibt es bess’re Milch von glücklichen Küh’n?" schon aus der zweiten. Dän fiel sofort auf, dass etwas nicht stimmte, und er nahm die Hand an das Kinn und guckte andächtig konzentriert in die Ferne. Gleichzeitig musste er aber weitersingen und der nächste Satz musste sich irgendwie auf "in die Sonne schau" reimen. Nach “schau” kam sonst immer “blau”. Hoffnungsvoll sang er: "Warum ist der Schaum in der Badewanne ....blau?" Nee, das stimmte nicht, und er setzte etwas zaghaft "das Shampoo war doch vorher noch grün" hinterher. Eddi klappte lachend, aber immer noch singend neben ihm zusammen, während Dän, textlich weiter fest in der zweiten Strophe verhaftet, über den frustrierten Bleistiftstrich sang, dabei aber immer noch mit der Hand am Kinn in die Ferne starrte und wusste, dass er irgendwie völlig falsch war.















Vermutlich wirbelten in diesem Moment alle Sätze des Liedes in hohem Tempo quer durch seinen Kopf und er versuchte sie irgendwie anzuhalten und in eine Reihenfolge zu bringen. Seine Kollegen machten zum Glück alle seine Sprünge mit und passten sich sofort der neuen Textsituation an, die so verwirrend war, dass selbst das Publikum nicht hilfreich einsetzen konnte, sondern fasziniert, aber freudig lachend zusah und die Reihenfolge selber nicht zusammen bekam. Es war ja nicht grundsätzlich falsch, was Dän sang, sondern nur etwas ungeordnet. Über einige textsichere Mitsänger hätte sich Dän in diesem Fall ganz sicher sehr gefreut und bestimmt nicht versucht sie auszubremsen.  

Dann war wieder der Refrain dran, ein festes Gerüst, an dem sich Dän hochhangeln konnte. Der lief. Am Ende fragte er halblaut und leicht verzweifelt: "Wie kommen wir da wieder raus?" und begann sichtlich gespannt die nächste Strophe. Die lief aber, abgesehen davon, dass er die meisten Zeilen schon gesungen hatte, und dass er so auf Farben konzentriert war, dass er "Wie wird das Essen in der Microwelle weiß" sang und sofort laut in: "HEISS!!" korrigierte. Dafür schaffte er es zu seiner eigenen Beruhigung den Schaum in der Badewann korrekt in weiß und das Shampoo in grün zu halten.

Das Ende der Strophe hatte er eben schon gesungen und musste es jetzt wiederholen. Er guckte zum lachenden Eddi und sang: "Und ich frage mich - IMMER NOCH - ist ein Bleistiftstrich, den man ausradiert, nicht total frustriert?" Bei “frustriert” warf er ärgerlich die Arme hoch. Dass ihm das passieren musste! Der Schluß-Refrain war dann fast wie Hohn, denn er handelte nur vom Wissen, vom Nicht-Wissen und vom Besserwissen - Sätze, die Dän persönlich treffen mussten.

Nach dem letzten, kurzen Schlußton knurrte er ärgerlich: "Mann, Mann, Mann", hob die Arme und entschuldigte sich beim Publikum: "Sorry, tut mir Leid!" Das jubelte allerdings fröhlich und war bestens gelaunt. Dän ging zur Seite, trat verärgert in die Luft, warf die Arme wie ein beleidigter kleiner Junge um sich und fand es sichtlich total blöde, dass ihm das passiert war. Dabei hätte er stolz sein können, denn den Texthänger-Preis und Königstitel würde ihm auf dieser Totalnacht wohl keiner mehr entreissen können. War er aber nicht. Ich bin mir aber auch sicher, dass er sich nicht wünschte, dass einer seiner Kollegen nach ihm noch tiefer in den Textsumpf tauchen würde, nur damit der Preis nicht bei ihm landen würde.















Es ging tendentiell lustig weiter mit Buddy Biber, aber das Gelächter blieb verhalten, denn keiner der Zuschauer wollte durch überlautes Gelächter etwas von der unglaublichen Choreographie verpassen. Dass Eddi zu Beginn nach rechts und wieder zurück in die Reihe lief, lag allerdings nur daran, dass er seine Brille auf dem Tisch ablegen wollte und gehörte nicht zur Story. Fast atemlos und nur durch leise, sehr amüsierte Lacher unterbrochen, schauten alle erst dem Gang von Eddi, dann aber dem gesamten Stück sehr fasziniert zu. Ein gesungener, mimisch dargestellter Comic - sehr klasse.















Eddi wollte danach noch einen Schluck Wasser trinken, bevor er die nächste Moderation machte, und forderte auf: "Sie können ja in der Zwischenzeit überlegen, wie man...", er machte einen der seltsamen Comicschreie vor: "Üüüjäää
ääääääjäääääääiiiiii... schreibt!"
(Nun, ich denke, ich bin im Schriftbild nahe dran.) Eddi trank, stellte sein Glas rechts auf dem Tisch ab und ging quer über die Bühne nach links, wobei er "Ist doch ganz einfach", sagte, den Schrei wiederholte und dazu passend große Wellenlinien in die Luft schrieb. Seine Kollegen beobachteten ihn stumm, und kaum war er links angekommen, schlug er sich vor den Kopf, rief: "Andere Seite!" und kehrte an das rechte Bühnenende zurück, was irgendwie zur Moderation passte und großes Gelächter auslöste. Ferenc guckte ihm mit großen Augen nach und grinste dann amüsiert los, während Dän mal kurz auf die Uhr blickte. Sari machte beruhigende Handbewegungen zu ihm, und Clemens schüttelte grinsend den Kopf und nahm dann, um die eigene Fassung nicht zu verlieren und einfach abzuwarten, eine Hand vor die Augen.

Eddi stellte sich rechts auf, holte tief Luft und grinste dann eigentlich nett, aber ungewollt doch irgendwie so, dass die Zuschauer schon wieder in Gelächter ausbrachen. Mit fester Stimme sagte er: "Das nächste Lied ist eher ruhig...", was sofort wieder Gelächter losbrechen liess, nach dem Hin und Her, das er eben veranstaltete hatte. Er drehte sich zu seinen Kollegen um: "Ich weiß nicht, warum die mich jetzt aufgeschrieben haben das anzusagen. Das war irgendwie'n Fehler." Clemens guckte stumm grinsend geradeaus und nickte mit Überzeugung. "Ich wusste auch nicht, dass es hier so geht, also, ja, eine ruhige Ballade aus unserem aktuellen Programm. Es geht darum, dass es nicht leicht ist Beziehungen zu beginnen." Wieder gab es amüsiertes Gekicher, und Eddi hätte jetzt fast alles sagen können und dafür fröhliche Reaktionen geerntet.

Das Licht ging fast aus, nur Clemens in der Mitte wurde beleuchtet, und die Romanze war dran. Immer wieder war irgendwo im Saal noch Restgelächter zu hören und das Lachen saß weiterhin locker, aber die ruhige Atmosphäre überwog schließlich und erst am Ende brach ein Lach- und Applaussturm los.















Dän kam nach vorne und wies darauf hin, dass sie mit dem nächsten Lied auch den vierten Block beenden würden und dann 56 Lieder vorgetragen hätten. Auf das enttäuschte "Oohh!" hin, das für das Beenden des Blockes gemeint war, entgegnete er: "Dann kommen noch 14 und dann ist die Wise Guys Totalnacht 2006 schon zu Ende." Den Beginn des fünften Blockes legte er auf Mitternacht fest, was nicht nur der nächste Tag, sondern auch der Beginn der Karnevalszeit war.

Wir beenden also jetzt diesen Block." Dän drehte sich zu Eddi um: "Es hat sehr viel Spaß gemacht mit dir zusammen durch diesen Abend führen zu dürfen, ich hoffe, ich komme auch mal in DEINE Show, irgendwann..." und schallendes Gelächter nicht nur aus dem Saal, sondern auch von der Bühne kam zur Antwort.
















 
Zum Publikum gewandt sagte Dän: "Bevor das jetzt also quasi..." Er brach ab und drehte sich zu seinen Kollegen: "Je mehr man quasi sagt, desto später der Abend. Das ist immer deutlich ein schlechtes Zeichen. QUASI." Er drehte sich zurück zum Publikum: "Wir möchten, bevor wir euch jetzt alle in die Pause schicken, ein bißchen auch von euch noch hören. Sing mal wieder."


Das konnte er haben. Schon beim Intro wurde laut und kräftig mitgesungen und dazu im Takt geklatscht. Die ersten Zuschauer verliessen zwar den Saal, aber nur, um an der Garderobe ihre abgegebenen Tüten mit den Kostümen zu holen und sich in den noch leeren Toilettenräumen schnell umzuziehen. Die anderen sangen kräftig die von Eddi vorgegebenen Ton- und Geräuschfolgen nach. Es war das perfekte Lied, um topfit, wach und mit frisch angekurbeltem Blutdruck in eine beschwingte letzte Pause zu gehen.






























"Ihr seid super!" rief Eddi noch in den Lärm von Applaus und Gejohle, dann liefen die Wise Guys im Laufschritt von der Bühne und viele Zuschauer eilten zur letzten Pause. Es blieben 12 Minuten bis Mitternacht.




(Alles im grünen Bereich)

Wise Guys Opener
Bleib wie du bist
Haarige Zeiten
Ich will keine a-cappella
Einer von den Wise Guys
Wie kann es sein
Tekkno
Die Philosoffen
Gehnurjanie Indibarda
Du kannst nicht alles haben
Besserwisser
Buddy Biber
Romanze
Sing mal wieder



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