22. Februar 2006 - WISE GUYS Totalnacht

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BLOCK 5
In der letzten Pause war das Umziehen am aufwändigsten. Ähnlich wie im Foyer, wurde auch in den Garderoben nach bis dahin in den Ecken verstauten Tüten gegriffen und eilig nach den Einzelteilen der  Karnevalskostüme gekramt. Um Mitternacht begann Weiberfastnacht und damit der Karneval, was mit jahreszeitlich korrekter Kleidung auf der Bühne gezeigt werden sollte.





























Meistens waren die Kostüme bis zu diesem Zeitpunkt sogar für die Kollegen unbekannt, was die ganze Sache noch spannender machte. Würden diesmal alle fünf zufällig das gleiche Kostüm haben? Und wenn nicht, wer sah am beklopptesten aus? Wer hatte die originellste Idee gehabt und wer einfach eilig im Fundus gekramt?

Weitere, nicht unwichtige Fragen waren: Kann der Sender im Kostüm gut untergebracht werden und hält die Kreation die Bühnenshow aus? Nicht alles, was vor dem Spiegel gut aussah, überstand heftige Bewegungen und wilde Akrobatik. Viel Zeit für Korrekturen und Abänderungen blieb nicht, denn die Pause war blitzschnell zu Ende.

Inzwischen war es
0:03 Uhr, es war Karneval, die Pause war schon drei Minuten überzogen, der letzte Block der Totalnacht 2006 stand unmittelbar bevor und Eddi hatte Geburtstag. Die Wise Guys waren fertig umgezogen und warteten neben dem Bühnenaufgang hinter dem Vorhang. Der Seitenbereich der Bühne war dunkel, nur die Lampen im Vorraum und im Saal brachten ein wenig Licht, so dass die Wise Guys schemenhaft im schwachen Gegenlicht zu erkennen waren. Es war wenig Platz und die Geräusche des vorfreudigen Publikums waren als verwirrender Klangbrei laut zu hören. Wie isoliert von der restlichen hellen, lauten Welt standen sie dort als enge Gruppe zusammen in den letzten ruhigen Momenten, gratulierten Eddi und umarmten ihn, ehe sie gleich wieder lachend und energiesprühend auf die Bühne laufen würden. Nach einem langen, gut gelaufenen Abend würden sie auch noch den letzten Teil gemeinsam schaffen. Obwohl sie seltsame Kleidung trugen und eigentlich zum Lachen aussahen, war dieses gemeinsame, ruhige Bild von ihnen, inmitten einer hellen, lauten Umgebung, überhaupt nicht lustig, sondern einfach sehr schön.

Fünf Minuten nach Mitternacht hielt es das Publikum nicht mehr aus. Das Saallicht war schon herunter gefahren und viele wussten, dass Eddi Geburtstag hatte. Wo blieb der denn? Die ersten Zuschauer setzten laut ein: "Viel Glück und viel Segen..." und sofort stiegen auch die anderen ein, selbst die, die keine Ahnung hatten, für wen das galt. Doch da kam schon Eddi auf die Bühne, beziehungsweise ein Mensch mit langem Ringelhemd, weißem Bademantel, starker Brille und typverändernder dicker, roter Nase. Große weiße Lockenwickler rundeten das Bild ab, aber weil er den gesungenen Gruß lächelnd annahm, war es ziemlich wahrscheinlich, dass es Eddi war.















Langsam betraten auch seine Kollegen die Bühne, während Eddi am vorderen Bühnenrand mit dem Dirigieren begann und so den inzwischen stehenden Zuschauerchor zu einem Kanon brachte. Während sonst der fünfte Block immer mit lautem Gelächter und viel Geschrei über die bis dahin geheim gehaltenen Kostüme der Wise Guys begann, ging es diesmal ungewöhnlich ruhig und fast seriös zu. Ein plötzlich eintreffender Besucher hätte fünf komisch gekleidete Typen auf der Bühne gesehen, die sich verhielten, als wären sie völlig normal angezogen, von denen vier abwartend neben einem standen, der im Bademantel und mit Lockenwicklern auf dem Kopf ein überwiegend unkostümiertes Publikum dirigierte, das ganz ernsthaft einen Kanon sang. Es hatte etwas von Loriot, war aber trotzdem von der Stimmung her schön, was auch am Lied lag. ‘Viel Glück und viel Segen’ passte zu Eddi wesentlich besser, als ein ’Happy birthday’.

Nach einem Kanon-Durchgang winkte Eddi mit breiter Geste ab, was aber nicht alle Sänger verstanden und einfach weiter machten. Eddi blickte demonstrativ auf die Uhr und signalisierte ein Stop-Zeichen, denn es wäre blöde gewesen jetzt so viel Zeit zu verlieren, die irgendwo wieder aufgeholt werden musste. Auch das half nicht, wobei nicht demonstrativ und aus Prinzip weitergesungen wurde, sondern weil viele Leute merklich nicht wussten, wo sie aufhören sollten. Mitten im Satz oder gruppenweise ausklingen lassen? Da griff Dän souverän ein, rief ein lautes: "Dankeschön!" und begann zu applaudieren. Natürlich setzte das Publikum sofort ein, klatschte mit, und es war nicht schwierig nach einer deutlichen Tonangabe von Sari und dem Aufstellen dann auch Ruhe zu bekommen. 

"Ich bin in Köln am Rhein geboren..." begann es sanft, und im Saal wurde es sofort leise. Es war Karneval, es war in Köln, es war ein romantisches Lied und es war ein NEUES Lied. Schunkeln hieß es, war wunderschön, und schon beim ersten Refrain hatte der Dreivierteltakt das Publikum gepackt, das reihenweise untergehakt schunkelte.















Obwohl der von Clemens gesungene Text diese Bewegungfreude eigentlich irgendwann hätte stoppen müssen, machte er eher noch mehr Spaß daran. Auch die vier Kollegen auf der Bühne bewegten sich im Takt hin und her und entwickelten sogar noch eine spontane Choreographie für die Hände, in die, zur Freude des Publikums, einer nach dem anderen einstieg. Als Clemens sich plötzlich umdrehte und vorwurfsvoll zu ihnen schaute, hörten sie verschreckt damit auf und Sari zeigte anklagend auf Eddi: Der hat angefangen!















Mit Energie und scheinbar großer persönlicher Freude motzte Clemens in den Schlußzeilen das vor ihm schunkelnde Publikum an, das ihm das jedoch überhaupt nicht übel nahm, sondern am Ende des Liedes lachend und johlend applaudierte.

Einziger, sehr persönlicher Kritikpunkt: Die Stelle “Mir bleibt nur die Flucht Richtung Sylt oder Föhr" finde ich zwar nett, würde sie aber textlich abändern in: "...die Flucht in den Eierlikör!" Leider konnte ich Dän bisher nicht davon überzeugen. Ich weiß übrigens auch nicht, wieso ich darauf komme, aber das sind einfach die Worte, die mir dann sofort und heftig in den Sinn kommen. Weibliche Intuition, wahrscheinlich. Oder eine geheime Vorliebe für Eierlikör? Vielleicht auch nur die Befürchtugn, dass sich die Flucht auf eine Nordseeinsel nicht unbedingt lohnen würde. Nun ja - spätestens bei den nächsten Wise Guys Konzerten auf Sylt oder Föhr, wenn die schunkelnden Massen wie bei hohem Seegang hin- und herschwankend in den Kurtheatern vor ihnen sitzen, wird Dän sich an mich und den Eierlikör erinnern.

Während des Liedes war schon Zeit zum Betrachten der Karnevalsoutfits geblieben, aber erst beim Jubel nach dem ersten Lied schien sich die Freude darüber laut zu zeigen. In den Lärm hinein rief Dän wie bei einer Karnevalssitzung: "Leev Närrine und Narre, hätzlisch willkomme, dreimol Kölle..." "Alaaf, Alaaf, Alaaf!!" brüllten die Zuschauer und warfen die Hände zum karnevalistischen Gruß nach oben. Mit normaler Stimme fuhr er fort: "Willkommen zum fünften und finalen Block der Wise Guys Totalnacht. Wir möchten uns kurz einzeln vorstellen, was wir darstellen, das ist nicht bei allen ganz klar". Er blickte sich dabei zu seinen Kollegen um, dabei sah er selber sehr undefinierbar und nach Erklärungsbedarf aus.

Clemens sagte knapp: "Hexe", was Gelächter auslöste, weil es sowieso deutlich zu erkennen war. Das lange schwarze Kleid stand ihm übrigens ausgezeichnet und seine Bewegungen waren fließender und sanfter als sonst. Außerdem hatte er etwas, das ihm selber sehr gefiel: Er fasste mit beiden Händen an seine gut ausgestopften Brüste, bewegte sie hoch und runter und wiederholte breit grinsend: "Hexe." Ich persönlich fand seine Schuhe, die richtige originale Hexenschuhe waren, einfach großartig. Schwarz, spitz und genau so, dass ich mir durchaus vorstellen konnte, wie darin grüne, krumpelige Füße steckten. Dass er sie sonst auf der Bühne zum schwarzen Anzug trug, war kaum zu glauben. Mit Anzug darüber dachte ich jedenfalls nie an grüne, krumpelige Füße bei ihm.















Eddi neben ihm balancierte schon auf einem Bein, um am anderen hochgestreckt einen seiner übergroßen, rot-weiss-blauen Schuhe zu zeigen. Hüpfend und fast das Gleichgewicht verlierend rief er: "Amerikanischer Präsident... oh..." stieß rückwärts gegen Clemens und musste das zweite Bein wieder abstellen. OK - farblich kam das hin und war zu glauben. Außerdem erinnerten seine Lockenwickler auf dem Kopf ein wenig an den Strahlenkranz der Freiheitsstatue. Wenn man Phantasie hatte - und die hatte ich.















"Isch bin de Powerfrau!" rief Sari mit vermutlich sächsischem Dialekt, der dafür sorgte, dass noch Tage später in Zuschauerkreisen gerätselt wurde, ob er "Powerfrau", "Bauerfrau" oder "Mauerfrau" gesagt hatte. Optisch hätte alles gepasst, von der Trümmerfrau bis zur ländlichen Bäuerin, aber der Staubwedel in seiner Hand wies dann doch auf eine hausfrauliche Powerfrau hin. Allerdings in ungeheizter Wohnung, wie die Mütze auf dem Kopf nahe legte, die übrigens ein aufwändiges Häkelmuster hatte. Da hatte der Sari vermutlich viele Konzertpausen hindurch fleißig dran gearbeitet. Nun, es hatte sich gelohnt. War ja mal besser als das ständige Computerspielen.


Dän hatte ein fledderiges, weißes Bettlakenkostüm an, trug eine Hühnerkappe auf dem Kopf, deren gelbe Beine ihm wie kleine Asterixzöpfchen vor den Ohren baumelten, trug eine weisse Augenmaske und hob einen an einem Seil hängenden Plüschstorch hoch. "Ich gehe in diesem Jahr als Vogelgrippe", sagte er, und ein Lachsturm brach los. Er hob den Storch etwas höher und erklärte sicherheitshalber: "Das is'n Schwan hier."














(Anmerkung für Leser, die den Bericht später als im März 2006 lesen: In den Tagen vor der Totalnacht wurden auf Rügen die ersten toten Schwäne mit Vogelgrippe gefunden und es wurde in allen Medien davon berichtet, weil nicht klar war, wie gefährlich diese Seuche werden konnte.)

Dän drehte sich zu Ferenc um, der in einem rotem Overall mit Taucherausrüstung und einem übergeworfenen Netz mit Muscheln und Pflanzenranken neben ihm stand und bewegungslos auf den erhängten Storch, der ein Schwan war, starrte. Nach einigen Sekunden wendete Ferenc fast abrupt den Kopf nach vorne und wirkte etwas verwirrt. "Ja, ich..... hatte nicht so viel Zeit mir was auszudenken, .....ich..." Eine weibliche Stimme aus dem Publikum rief laut und deutlich: "Unter-Wasser-Müll-Mann!" und die Zuschauer lachten los, während Ferenc dankbar "Genau!" grinste und einen Schritt zurück trat. Unterwassermüllmann war Sari bei der Totalnacht 2002 gewesen, und auch wenn er dabei ganz anders ausgesehen hatte, löste die Kombination rot, schwarz und Wasser vermutlich Assoziationen aus und erlöste Ferenc aus dem Erklärungsnotstand. Übrigens hatte Ferenc anstelle einer Druckluftflasche einen zusammengerollten Schlafsack auf dem Rücken, was ich ziemlich genial fand. Meine Sorge war nur: Würde er beim nächsten Urlaub mit Schlafsack vom Boot springen?

"Aaaaaalllsoo", begann Dän mit leicht gequetschter, rheinisch singender,  karnevalistischer Sitzungsstimme und guckte dabei auf die am Boden liegende Songliste. "Liebe Freunde, wir müssen jetzt den fünften Block noch vernünftisch über die Bühne bringen, sonst wollen die Leute dat Eintrittsjeld zurück." Mit normaler Stimme sprach er weiter: "So, wir wollen uns mal niveaulich wieder an die ersten vier Blocks ... das nervt total...", und er brach ab und versuchte seine Augenmaske abzunehmen. Klappte nicht sofort, weil die Hühnerbeine drüber hingen, darum setzte er sie wieder vor die Augen und winkte ab. "Wir möchten gerne fragen, wer außer Eddi heute noch Geburtstag hat." Mit den Händen über den Augen blickten alle fünf Wise Guys angestrengt in den Saal um die vielen hochgestreckten Hände zu erblicken.

"Da!" rief Sari, hatte das einzige Zuschauergeburtstagskind des Abends entdeckt und kommandierte es mit Handbewegungen nach vorne vor die Bühne. "Hallo," begrüßte Dän sie, hatte zwischenzeitlich die Augenmaske unsachgemäß, aber bequemer unter das Kinn vor den Hals setzen können und kam freundlich in ihre Richtung. "Jetzt gerade Geburtstag?" Als die Antwort kam, blieb er mitten im Lauf stehen und wiederholte fast enttäuscht: "Gestern?" Er blickte auf die Uhr und überlegte: "Du hast jetzt keinen mehr quasi... dann musst du dich schnell hinsetzen." Als sie sich schon umdrehte, rief er schnell: "Nein, nein, bleib hier!", denn ein Geburtstagskind, das gerade mal 10 Minuten verspätet war, war immer noch besser, als gar keins.















Da Eddi, ein terminlich perfekt passendes Geburtstagskind, mitsingen musste, wäre es blöde gewesen ihn vor die Bühne zu stellen und anzusingen, und so kam es zu der Situation, dass ein echtes Geburtstagskind ein Geburtstagsständchen für ein gerade ungültig gewordenes Geburtstagskind sang. Das Ständchen der Wise Guys, eigentlich für Geburtstagskinder auf den Afterglows gemacht, war wunderschön. Ich mochte es in seiner Mischung aus Witz, wunderbaren Textstellen und liebevoll-ruhiger Musik. Damit angesungen zu werden, war schon was besonders Schönes. Die Wise Guys stellten sich auf, und Dän erklärte noch schnell: "Für alle anderen, die andersmal Geburtstag haben, ist es auch."















Am Ende gab es Küsschen und geschüttelte Hände, ein glückliches Gerade-Vorbei-Geburtstagskind und fröhlich applaudierendes Publikum, von denen sich einige vielleicht ärgerten, warum sie nicht einfach geflunkert hatten, dass sie Geburtstag haben.

Dän hielt die Hühnerbeine, die ihm immer wieder lästig vor dem Gesicht baumelten, nach hinten und stellte als Co-Moderator des fünften Blockes Ferenc vor. "Er ist immer ein bißchen nervös beim Moderieren, darum hat er darum gebeten, dass er spontan moderieren darf. Also ich sag ihm irgendwann: Jetzt sag mal das an, und dann sagt er spontan, was ihm durch den Kopf geht." Er winkte beruhigend zu Ferenc: "Also das noch nicht. Ich mach gleich mal irgendwann, wenn du nicht damit rechnest." Das war natürlich extrem beruhigend. Die Hühnerbeine machten sich zwischenzeitlich immer wieder auf den Weg nach vorne, so dass es den ganzen Abend über Lacher gab, wenn ein sorgfältig hinter der Schulter verstautes Bein bei der nächsten Bewegung wieder nach vorne schnellte und erneut störend im Sichtbereich hing.















Für das nächste Lied musste es vorher wieder eine Erklärung für das jüngere Publikum geben. Dän erläuterte, dass der 1. FC Köln 1999 an jedem Wochenende scheiße gespielt und verloren hätte, was dem Publikum Vergnügen machte, denn diese Erklärung passte auch ganz aktuell. "Und dann kam ein Mann...", die Zuschauer jubelten los und wussten, dass die Heldensage vom Heiligen Ewald dran war. Im Mittelteil des Liedes standen Eddi, Sari und Clemens nebeneinander und sangen im Stil eines Krätzchens, wie es früher im Karneval gesungen wurde. Da passten dann sogar die Kostüme hervorragend. Im Endteil sang das Publikum laut mit, und es hatte etwas Beschwörendes, als die Wise Guys sangen: “und die Nummer Eins am Rhein...” und der Saal laut brüllte: “FC Köööööölle!”





























Der Applaus war noch nicht ganz vorbei, da ging Dän quer über die Bühne und rief mit lauter Stimme: Meine Damen und Herren, der nächste Song wird Ihnen angesagt von unserem Bassisten FERENC HUSTA!" Der trank gerade am seitlichen Tisch etwas Wasser, blieb ganz ruhig - ich hätte erwartet, dass er zusammenzuckt und vor Schreck das Wasser verschüttet -, stellte das Glas ab und ging mit ruhigen Schritten in die Bühnenmitte.















Ach, da hat er ja Zeit sich auf dem Weg etwas zu überlegen, dachte ich. In der Mitte angekommen, blieb er stehen, guckte sich um, stützte die Hände in die Hüften und hatte scheinbar noch keine brauchbare Idee bekommen. Er guckte stumm und etwas vorwurfsvoll zu Dän rüber, der unschuldig die Hände hob. Das Publikum lachte und applaudierte laut, woraufhin Ferenc bemerkte: "Ich hab doch noch gar nicht angefangen." Mit ruhigen Schritten ging er zum anderen Tisch, holte sein Handmikro und begann auf dem Rückweg: "Ich habe mir wirklich nichts überlegt, aber eine kleine Geschichte habe ich." Und er erzählte von einer kleinen Fragestunde in Berlin vor Musicalstudenten, bei der sie Fragen zu ihrem Beruf und der Ausführung beantworteten. "Ich wurde auch öfters mal gefragt, und das war total nett, dass ich auch mal gefragt worden bin, ich durfte nur leider nicht antworten, weil der Clemens...", und hier drehte er sich um und ging zu dem Genannten, der schon grinsend zu ihm sah, "...auf JEDE Frage, die mir gestellt worden ist, geantwortet hat." Clemens wollte den Arm um ihn legen, aber Ferenc sagte nur noch: "Und darum darfst DU jetzt diese Nummer ansagen!" ging weg und ließ ihn einfach stehen.















Großes Gelächter im Publikum, und nun lag es bei Clemens in den nächsten Sekunden eine gute Idee für die Ansage zu bekommen. "Der junge Mann ist ja auch so schüchtern, der kriegt die Zähne normalerweise nicht auseinander, da wollte ich ein bisschen helfen", versuchte er noch zu erklären. Dann brachte er aber schnell eine brauchbare Moderation zusammen und sagte kurz und gut den Weltmeister an. Einige Zuschauer riss es bei den ersten Tönen von den Plätzen, was viele andere bewog sich ebenfalls zu erheben, was einerseits an der guten Stimmung lag, andererseits an der Tatsache, dass sie sonst nichts mehr sehen konnten. 

Erstaunlich war, dass sich keine Anzeichen von Müdigkeit zeigten, weder bei den Zuschauern, noch bei den Wise Guys. Sogar Sari und Eddi, die nachweislich nicht ganz gesund waren, wirkten aktiv und waren mit Spaß bei der Sache. Irgendwie war die Totalnacht seit Stunden durchgehend spannend, hatte keine schlappen Hänger und verging vor allem unglaublich schnell. Gefühlte Zeit seit 19 Uhr: Zwei Stunden. Darum konnte beim ‘Weltmeister’ auch noch temperamentvoll mitgeklatscht werden.

Die noch immer in großer Menge vorhandene Kondition zeigten die Wise Guys auch bei Achtung! Ich will tanzen. Eddi hopste auf seinen langen Schuhen durch die Gegend und löste vergnügt jubelndes Geschrei aus, als er vorschriftsmäßig den Don-Kosaken-Tanz in sitzender Position auf den stützenden Knien seiner Kollegen ausführte und dabei wegen seiner ungewöhnlichen Bekleidung einen Blick unter das Ringelhemd gestattete. Ich vermute, dass in diesen Sekunden im Saal wirklich ALLE Augen auf eine Stelle gerichtet waren. Eddi, dem beim Heben der Beine schlagartig bewusst wurde, dass er ein unten offenes Kleid trug und den Blick auf das Darunter freigeben würde, musste beim Singen lachen, zog es aber durch. Ein Glück, dass er nicht ein heißes Nichts von Tigertanga, rosa Blümchen oder sogar ausgeleierten Feinripp trug! Obwohl er das, wenn ihm diese Situation vorher klar gewesen wäre, vielleicht sogar extra gemacht hätte. Für die ganz Neugierigen: Es war schwarz, knapp, aber nicht ZU knapp.





























Der sonst meistens wunderbar souveräne Schluß, bei dem Ferenc mutig seinen Weg mitten durch die hin- und herspringenden Kollegen nahm, scheiterte an Eddis langen Schuhen und an Saris plötzlicher Rechts-Links-Schwäche. Eddi musste sich auf das Hüpfen konzentrieren und war wegen seiner Schuhe etwas langsamer als sonst, und Sari startete nach kurzem Zögern in die falsche Richtung. Damit blieb nicht der sonst gut getimte freie Weg für Ferenc übrig, denn irgendeiner seiner Kollegen hoppelte immer gerade vor ihm entlang. Bis nach vorne schaffte er es mit Mühe, wurde dabei aber fast durch Eddi von der Bühne gefegt, nach hinten zurück kam er nur mit ständigen Blicken in alle Richtungen und kurzen Stopps, die drohende Kollisionen vermieden. Mit hilflos ausgestreckten Armen kapitulierte Ferenc vor der ungewohnten Verkehrssituation vor ihm und versuchte gar nicht erst rechtzeitig zum Schlußton wieder vorne zu stehen. Dafür ging er nach dem Lied auf Sari zu, griff nach einer Trillerpfeife an der Taucherausrüstung und pfiff eine Verwarnung.

Gehören Trillerpfeifen eigentlich zur Grundausstattung von Taucheranzügen? Und wenn ja, warum?

Etwas schwer atmend forderte Dän auf: "Nehmen Sie doch wieder Platz! Wird jetzt auch ein bißchen ruhiger, weil... wir müssen ja.... pooooh... " Laut und erschöpft stieß er die Luft aus und fummelte dann wieder an den störend baumelnden Hühnerbeinen herum. Er warf sie hinter seine Ohren und zog die Kappe fester auf den verschwitzten Kopf, wobei sich die Schwanz-Hühnerfedern breit spreizten und ihm ein wenig das Aussehen eines Indianerhäuptling gaben. Eines etwas bekloppten Häuptling allerdings, so mit Huhn auf dem Kopf und dem erhängten Storchenschwan vor dem Bauch. Vage muss ihm dieser Gedanken auch durch den Kopf gegangen sein, denn er sagte: "Ich frage mich, wie ernst man mich nehmen kann, wenn ich so aussehe."  Sehr ernst, wie das Gelächter des Publikums zeigte.

Mit dem ‘Frühlingslied’ ging es weiter. Das hieß auch Anna hat Migräne und war zu zwei Namen gekommen, weil die Wise Guys eigentlich nicht schon im Titel den Gag vom Refrain verraten wollten und das Lied ‘Anna hat Migräne’ darum konsequent ‘Frühlingslied’ nannten. Inkonsequent wurde es aber auch manchmal ‘Anna hat Migräne’ genannt, weil dann nämlich jeder sofort wusste, was gemeint war, ohne blöd “Frühlingslied - häh??” zu fragen. Ich hatte mir nach den ersten Erklärungen der Wise Guys ziemlich schnell angewöhnt, wenn es um ‘Anna hat Migräne’ ging ‘Frühlingslied’ zu schreiben. War ähnlich wie beim Vokabelschreiben. Man schrieb links das eine Wort hin und wusste, dass es das hieß, was rechts stand. Inzwischen waren die Wise Guys aber noch inkonsequenter geworden und nannten ‘Anna hat Migräne’ manchmal ‘Frühlingslied’, aber meistens wieder ‘Anna hat Migräne’. Das nur mal als Nebeninformation zum Thema Songtitelwahl und Konsequenz.















Viele Zuschauer wussten gar nichts von dieser Problematik, sie war ihnen vielleicht auch völlig egal, und so sangen sie schon beim ersten "Shalala...." laut mit. Allerdings hatten sie bei der Tonangabe nicht genau hingehört und etwas andere Töne gewählt. Das waren nicht die zweiten, sondern allerhöchstens die dritten und vierten Stimme, und die auch noch in anderen Tonarten. Entsprechend schief hörte sich der Anfang an, und Eddi blickte schnell prüfend zu seinen Kollegen, aber da sie passend zu seiner gewählten Tonart sangen, machte er beruhigt weiter. Clemens setzte dann auch richtig mit der Leadstimme ein und zog die singenden Zuschauer damit alle in die richtige Höhe. Allerdings hatte er danach keinen Einfluß auf die Tanzschritte seines Backgroundes, die erst noch lässig und locker anfingen, so dass ich bewundernd dachte, wie gut das inzwischen klappte, etwas später aber etwa so getanzt wurden, wie sich zu Beginn die diversen Tonarten angehört hatten. Hört sich jetzt etwas kompliziert an und soll heißen, dass jeder Einzelne nette Bewegungen drauf hatte, im gleichzeitigen Ablauf aber auffiel, dass die nicht synchron waren. Sie tanzten sozusagen verschiedene Tonarten. War aber nicht schlimm und besonders bei der Totalnacht vom Publikum sehr gerne gesehen. So ein paar kleine Pannen waren doch das Salz in der Suppe.

Clemens zeigte übrigens immer wieder großes Vergnügen daran sich so zu bewegen, dass sein Rock um die Beine schwang und seine wohlgeformten Brüste zur Geltung kamen. Sehr witzig, wie ihn die neue Kleidung in den Bewegungen veränderte. Manchmal griff er mitten im Lied auch völlig undezent an seine Oberweite und grinste dann doch eher männlich.

Dän wollte gerne die kostümierten Zuschauer im Saal ansehen und bat um Saallicht. Ein Techniker, der von dieser Bitte völlig überrascht wurde, musste vom Mischpult aus der Mitte des Saales durch den Gang nach vorne rennen, um dann irgendwo hinter der Bühne an den Lichtschalter zu kommen. War ein bißchen kompliziert und dauerte etwas, ging aber. Als es hell wurde, bat Dän alle Leute mit Kostümen aufzustehen. "Also Perücke zählt auch!", betonte er. Es zeigte sich, dass doch nicht so viele Zuschauer den fünften Block verkleidet erlebten und Dän schätzte sehr optimistisch: "Ja, das sind doch gute 10 Prozent, sehr schön!" Davon hatten sich viele nur leicht kostümiert, andere aber dann doch richtig zur kompletten Ausstattung gegriffen. Diese hatten damit in der letzten Pause vermutlich die Toilettenkabinen und alle im Foyer befindlichen Ecken besetzt, um sich umziehen zu können. Nicht auszudenken, wenn es eine Kostümpflicht für den fünften Block gäbe und alle Zuschauer zuerst ihre in Tüten verstauten Kostüme an der Garderobe abholen und dann eine freie Ecke zum Umziehen suchen müssten! Der fünfte Block könnte vermutlich erst mit zwei Stunden Verspätung starten. Um dieses Chaos zu vermeiden, könnte man jedoch zu Beginn des Blockes ein Kommando geben, bei dem alle bis dahin unkostümierten Besucher -wutsch! - Perücken auf den Kopf stülpen müssten, so dass innerhalb von 5 Sekunden der komplette Saal kostümiert und bunt aussähe.

Es ging weiter mit Zur Lage der Nation . Clemens haute auf seiner fiktiven Pauke herum und sah dabei im langen Hexenkleid besonders gut aus. Das stand ihm übrigens wirklich gut, zeigte wie schlank er war und auch die langen Handschuhe passten zu ihm. Vermutlich wird er es trotzdem nicht als ständige Bühnenkleidung in Erwägung ziehen.















Eddi jodelte mit Begeisterung im Mittelteil, was zeigte, dass er schon damals, als das Lied entstand, eine heimliche Liebe für diese Tonerzeugungsart gehabt haben musste. Vielleicht hatte dieses Lied das Interesse sogar erst geweckt? Festzustellen war auf jeden Fall, dass er es inzwischen viel besser konnte und lässig Zusatzschlenker einbaute. Mit Schwung, Gesang und Tanz ging es bei 1-und-3-Rhythmus richtig rund und machte sogar Spaß.















Während des Applauses ging Dän an den Tisch, um etwas Wasser zu trinken und guckte dabei interessiert zu Ferenc, der neben ihm stand und auch trank. Es war klar, was kommen musste. Dän drehte sich zu ihm hin und sagte: "Das nächste Lied ist wie geschaffen dafür, dass du es anmoderierst." Ferenc lachte kurz auf und begab sich zur Bühnenmitte, um auf die Songliste zu sehen. "Als wäre es für dich geschrieben worden", betonte Dän, und Ferenc guckte den Titel an und bestätigte: "Ja."

Mit voller, wunderbarer Sprecherstimme erzählte Ferenc kurz, dass sie 1996 bei den Höhnern in der Philharmonie aufgetreten waren und dort ein Höhnerlied singen sollten. "Das folgende Lied erschien uns als am passendsten." Sari pfiff an, und Ferenc ergänzte mit düsterer Stimme: "Vor allem für MICH wahrscheinlich". Ein paar Zuschauer, die wussten, dass jetzt Wenn der Herrjott ruft dran war, lachten tief und mitleidig "Hohoho", und Dän ging zu Ferenc und legte ihm liebevoll tröstend den Arm um die Schulter. Süß!

Es ging sofort los, und da die Wise Guys halblaut und sanft begannen, war der ebenfalls sofort einsetzende Zuschauerchor zunächst fast lauter als sie. OK, waren ja auch mehr.















Am Ende gab es natürlich großen Applaus, und Clemens wackelte fast gedankenverloren mit den Hüften und machte ein paar gezierte, weibliche Bewegungen. Dän ging hinter ihm vorbei und bemerkte nur: "Du genießt das irgendwie, ne?", was Clemens veranlasste, mit kräftigem Griff seine gut geformten Brüste zu umfassen und in die ideale Position zu schieben.

Dän erklärte, dass sie im folgenden Lied einen Song von Udo Jürgens umgetextet hätten, ohne den vorher zu fragen und dann keine Erlaubnis bekamen, das Ergebnis auf CD zu veröffentlichen. "Nochmal für die jüngeren Menschen im Publikum, es war damals, 1995/96 so, dass zum allerersten Mal eine Sendung gezeigt wurde, in der richtige Menschen in einen Raum gesperrt wurden und dabei gefilmt wurden. Und damals waren die Leute noch so niedlich, dass sie sich darüber aufgeregt haben. Es gab Diskussionen, ob das moralisch sei und so weiter...," er lachte etwas überheblich und schob hinterher: "Wie gesagt, das ist zehn Jahre her." Aus 'Ich war noch niemals in New York' hatten die Wise Guys  Ich war noch nie bei RTL gemacht, und Clemens musste lachen, als er im Kleid vorne stand und davon sang, dass ihn ein junger Mann angemacht hatte. Dabei streckte er stolz die Brust raus, damit auch alles Zuschauer sahen, dass der junge Mann Grund genug gehabt hatte.





























Bei der zweiten Strophe war er scheinbar immer noch so fasziniert von dem Gedanken, dass er kurz den Mund öffnete, ihm dann aber die weiteren Worte fehlten. Er winkte kreiselnd zu seinen Kollegen, was bedeuten sollte: 'Singt die zwei Takte vom Zwischenteil nochmal, bis dahin hab ich's', und so war's auch. Damit kam er natürlich nicht annähernd an den Texthängerpreis ran, den Dän schon sicher in der Tasche hatte. Außerdem setzte sicherheitshalber sofort die Mädchenchorfraktion im Saal ein und sang helfend halblaut mit.















Es war wirklich verwunderlich, wie wach alle noch waren und was für eine grundsätzlich gute Laune herrschte. Die Party war einfach so gut, dass man durchmachen konnte, ohne mittendrin Durchhänger zu haben. Und dabei war es keine durchgedrehte Stimmung, die durch den kompletten Wahnsinn hochgeputscht war, sondern einfach eine ganz normale, nette, gemeinsame, lange Wise Guys Nacht. Es war superschön dabei zu sein und machte einfach nur Spaß.

"Wir hatten damals einen Titelsong für unser Album," begann Dän die nächste Moderation, "das Album hieß 'Ganz weit vorne' und der Titelsong hieß NICHT 'Ganz weit vorne', der hieß 'Sensationell '." Das Lied begann mit einer angesungenen Schlafliedmelodie und die Wise Guys stellten sich dementsprechend auf. Wie bei Dornröschen versanken alle stehend in den Schlaf. Clemens senkte den Kopf, Sari stützte sich schläfrig auf die Schulter von Dän, und Eddi wollte seinen Kopf auf die Schulter von Ferenc legen. Da störten aber die Lockenwickler. Er senkte den Kopf, nahm ihn sofort wieder hoch, versuchte es nochmal, kam wieder hoch, drehte den Kopf so, dass die Stirn auf der Schulter auflag, was aber auch nicht gut war und dazu auch noch total blöde aussah, und legte letztendlich dann doch vorsichtig den Lockenwicklerkopf auf der Schulter ab. Die Zuschauer lachten vergnügt und hatten schon alleine am Zuschauen Spaß. Ferenc guckte gespielt genervt in die Gegend und auf die Uhr.















Die leisen Töne des Schlafliedes zogen durch den Raum, und gegen Ende hob Eddi den Kopf und sah Ferenc an, der zurückblickte und leicht prustend loslachen musste, als er vor sich seinen Kollegen mit der dicken Brille und den Lockenwicklern sah. Das Publikum stand trotz des eher gemäßigten Tempos von den Sitzen auf, bewegte sich und klatschte mit. Auf die 2 und die 4 übrigens. Ich mag das Lied ja sehr, weil es so viele nette Sachen im Arrangement versteckt hat. Nur am Ende...

Der Schluß des Liedes war plötzlich da und überraschte alle, aber da ich bei diesem Lied nicht den Begriff 'Schluß' anbringen möchte, spreche ich wohl lieber vom 'plötzlichen Abbruch'. Ich vermute ja stark, dass die letzte Seite des Arrangements und damit ein richtiges Ende mit Schlußakkord und abgeschlossenem Satz verloren gegangen ist und das einfach zu spät auffiel. Keiner hat's gemerkt, die Wise Guys haben einfach alle Seiten durchgesungen, und als das Lied im Studio eingespielt war und jemand kurz danach einen Zettel hochielt und sagte: "Guckt mal, was ich unter dem Tisch gefunden habe!", war es zu spät um die letzte Seite auch noch zu singen. War natürlich etwas peinlich und bis heute erzählen die Wise Guys, dass das so gewollt wäre und sie genau so ein Ende haben wollten. Naja, wer's glaubt.


Ohne weitere Ansage ging das Intro zu Jetzt ist Sommer los. Clemens haute eine kraftvolle Mouthpercussion ins Handmikro und gegen Ende des Programmes sollte es nochmal richtig temperamentvoll abgehen. Auch eventuelle Schläfer konnten damit geweckt werden, es schlief aber gar keiner. Das Publikum machte klatschend und tanzend mit und feierte den Abend. Auf der Bühne sprangen die Wise Guys herum und sahen dabei total frisch und aktiv aus.































Auch bei der Jubelaktivität des Publikums war am Ende des Liedes kein Unterschied zu normalen Konzerten zu merken. Es war sogar eher etwas mehr und kraftvoller. Ein aufgeheizter, laut johlender Saal, den Dän mit einem staunenden "Wow!" kommentierte. "Wir steuern massiv auf die Zugaben zu", erklärte er, während er wieder die störenden Hühnerbeine einen Moment lang aus dem Gesicht hielt, ein Anblick, der inzwischen fast schon normal war und nur noch zu leichtem Lachen reizte. Das Huhn blieb einfach wunderbar widerspenstig und er konnte es nicht in den Griff bekommen.

"Noch drei Songs - wenn ihr Lust habt, könnt ihr direkt stehen bleiben, weil... es ist eh... dann..." Er drehte sich nach hinten: "Letzte Ansage heute abend von Ferenc..." Von dem kam ein entsetztes: "Och, nee!" und Dän fragte: "Kein Wort mehr?" "Doch, doch, doch..." grummelte der, lief über die Bühne und meinte: "Das ist die einzige Ansage, zu der mir überhaupt nichts eingefallen ist." Er wandte sich ans Publikum und erklärte: "Da seh ich immer so ein Karrikaturmännchen, ein animiertes Männchen aus dem Computer, das dann singend aufsteht und von einer Discokugel erschlagen wird." Überlegend guckte er auf das Mikro in seiner Hand und versuchte eine genauere Erklärung zu finden, doch im Saal fingen die Zuschauer an zu jubeln, was ihn verwundert hochblicken ließ und dann mit blitzenden Augen zur freudigen Erkenntnis brachte, dass diese Ansage schon ausreichte. "Ja, reicht doch", sagte auch Dän zufrieden, und Ferenc nickte zustimmend und sagte nur noch: "Neun Live!"















Und dann gab es für mich mal wieder ein verblüffendes Erlebnis. Wahrscheinlich nicht nur für mich, aber mit anderen habe ich nicht darüber gesprochen. Eddi sah ja nun wirklich nicht seriös und ernsthaft aus, auch wenn er angeblich den amerikanischen Präsidenten darstellte. Er stand dort mit langem Ringelhemd, den übergroßen Schuhen, seinem Lockenwicklerkranz im Haar, und als er sang war er trotzdem der geschäftstüchtige Abzocker, der überhaupt nicht nett, sondern kalt und berechnend war. Unglaublich. Ich sah ihn mit seinen großen Schuhen  über die Bühne laufen und fand ihn gar nicht witzig, sondern wunderte mich, wie er sein Aussehen durch seine Art des Gesangs und seinen kalten Blick einfach überdecken konnte. Der sah nur so lustig aus und war es in Wirklichkeit gar nicht!

Riesenjubel nach dem Lied, und bevor der aufhörte, ging das Bühnenlicht schon wieder an und Ruf doch mal an war dran. Jetzt bebte der Saal fast schon vom gewaltigen rhythmischen Mitklatschen und lauten Singen. Eddi sprang gleich beim ersten Refrain von der Bühne runter, griff sich ein paar Zuschauer und brachte sie zum Tanzen. Von den hinteren Saalplätzen sah es so aus, als würde er sich einfach vorne von der Bühne fallen lassen und verschwinden. Das wäre natürlich DIE Gelegenheit zum Stagediving gewesen, aber da vor der Bühne ein freier Durchgang von etwa eineinhalb Metern war, wäre das etwas riskant gewesen. Zumal Eddi mit der dicken Brille, mit der er nur mit Mühe die Gläser auf den Tischen finden konnte, niemals einen perfekten Landepunkt hätte anvisieren können. Das Animieren zum Tanzen wäre auch nicht unbedingt nötig gewesen, denn das machten die Zuschauer sowieso schon von alleine, es war aber eine nette Geste, die mit Jubel begrüßt wurde. Um aber auch den anderen Zuschauern noch Show zu bieten, kam Eddi dann schnell über die seitliche Treppe auf die Bühne zurück und tobte sich oben aus. Das Lied beendete er schließlich doch ziemlich außer Atem vom gleichzeitigen Hüpfen, Laufen und Singen, und im Saal tobte der Jubel.

In diesem Moment kamen fünf Techniker auf die Bühne, und jeder hatte ein Glas Kölsch auf einem Tablett und reichten es vorschriftsmäßig wie ein ausgebildeter Butler an einen der Wise Guys. "Dankeschön", keuchte Dän und alle griffen zu, denn vor dem allerletzten Lied kam das sehr gelegen. Außerdem hieß es, dass der Feierabend ganz nahe war.

Das Publikum war derweil zu rhythmischem Klatschen übergegangen, rief “Hey, hey, hey!” oder stieß im Takt schrille Pfiffe aus. Große Begeisterung also. "Vielen, vielen Dank", sagte Dän und bekam den Lärm langsam gestoppt. "Meine Damen und Herren, das war die Wise Guys Totalnacht 2006, wir kommen gleich zum letzten Lied des heutigen Abends und möchten...." Lautes "Ooooooooh!" unterbrach ihn und er lachte: "Oooch, ist schon vorbei!" Mit Blick auf die Uhr sagte er: "Ja, es ist ein Uhr, es ist sensationell."

Dann wurde er ernster, bedankte sich nochmal bei einigen Helfern und wandte sich an die Zuschauer: "Danke an unsere Fans. Da muss man immer höllisch aufpassen, damit es nicht irgendwie kitschig wird, aber wir sind sehr, sehr froh und sehr glücklich mit dem, was wir an Fans haben. Dankeschön, dass ihr da wart." Ein Jubel brauste auf und gab das Kompliment damit auch zurück.


"Wir möchten uns jetzt verabschieden..." fing er an und versuchte schon wieder eines der Hühnerbeine ein wenig nach hinten zu bringen. Kaum ließ er es los, schnellte es nach vorne und hing ihm halb im Gesicht. Die Zuschauer lachten laut los, und kurzentschlossen riss er sich das Huhn vom Kopf, schleuderte es auf den Boden und kratzte sich mit Genuß den inzwischen wohl verschwitzten und juckenden Kopf, was mit Applaus und Gelächter kommentiert wurde.















Mit endlich wieder lockeren Haaren stellte er dann eine interne Rechnung vor. Die Wise Guys hatten in diesem Jahr eine Art Silberjubiläum, denn Clemens, Sari, Eddi und Dän waren vor 25 Jahren zusammen eingeschult worden, Dän und Clemens kannten sich schon aus dem Kindergarten, was mittlerweile 30 Jahre her war, und Ferenc war vor 11 Jahren, "das ist eine kölsche Jubiläumszahl", dazu gekommen. "Wir haben das zum Anlass genommen einmal ein bißchen zurückzuschauen. Das ist auch ein schöner Abschluß vielleicht heute abend, ein ganz neues Lied, wir ziehen einfach mal Zwischenbilanz, und so heißt dieses Lied auch." Sari gab schon den Ton an, da hob Dän die Arme, lächelte leicht ins Publikum und sagte mit ruhiger Stimme: "Nochmal vielen, vielen Dank, an euch alle, dass ihr heute hier wart. Wir hatten einen Riesenspaß." Die Zuschauer jubelten nochmal los, und Sari musste den Ton erneut angeben.

Die Zwischenbilanz war ein ruhiges, nachdenkliches Lied, das viel besser an den Schluß dieses Abends passte, als jeder Partyknaller. Die Zuschauer standen vor ihren Sitzen, bewegten sich aber kaum, schnippten am Anfang leise und hörten schließlich nur noch zu. Das Lied war ein Danke an die Fans und Unterstützer und eine etwas desillusionierte, aber trotzige Abrechnung mit vielen anderen Leuten, die zum Teil gegen den Erfolg der Wise Guys gearbeitet hatten. Das ging unter die Haut. Und es passte zufällig, dass Dän keine Hühnermütze mehr auf dem Kopf hatte, denn dadurch war es keine Show mehr auf der Bühne, sondern es wirkte viel eindringlicher, weil die Show sichtlich vorbei war, die Maske schon zum Teil ausgezogen war und nachdenkliche, fast private Worte als Abschluß gesungen wurden.















Da die Halle voll mit den Fans und Unterstützern der Wise Guys war, fühlten sich natürlich ganz viele Leute angesprochen, waren gerührt und auch betroffen, weil es für die Wise Guys scheinbar nicht immer jubelnd, erfolgreich und problemlos ablief. Dass Dän plötzlich gar nicht mehr so lustig aussah, sondern im weißen Umhang mit dem groben Seil um den Hals und den offenen Haaren eher wie ein religiöser Sektenführer wirkte, der singend langsam über die Bühne wanderte, unterstützte den berührenden, ehrlichen Eindruck noch. Das war nicht so geplant gewesen, passte dann aber unerwartet gut.

Es war ganz still im Saal, nur die leisen Klänge waren zu hören und Däns sanfte, aber manchmal auch etwas härtere Stimme. Wunderschön.

Der letzte Satz war zwar irgendwo triumphierend,  aber immer noch ruhig und ein wenig nachdenklich gesungen. Eher fest und trotzig, als lachend und jubelnd.


Ruhig standen die Wise Guys eine Weile im ausbrechenden, lauten Jubel, stellten sich dann eng zusammen, griffen mit den Armen um die Schultern des Nachbarn und verbeugten sich gemeinsam. Alle fünf hatten ein leichtes Lächeln auf den Lippen und wirkten nicht müde, aber plötzlich doch unerwartet ruhig und entspannt.





























Nach einzelnen Verbeugungen gingen sie noch einmal gemeinsam nach vorne, blieben einige lange Sekunden lang mit ruhigem Blick auf das stehende, laut applaudierende und rufende Publikum nebeneinander stehen und verbeugten sich dann, ehe sie winkend von der Bühne gingen. Ein fast ruhiger, stiller Abgang während das Publikum laut klatschte, pfiff und alles an Lautstärke mobilisierte, was noch da war. Ein superschöner Schluß der langen Totalnacht.


"Das hat echt so'n Spaß gemacht!" waren die ersten Kommentare der Wise Guys, als sie kurz nach dem Abgang von der Bühne im Backstagebereich auftauchten. Die Schritte waren ein wenig bedächtig, sie wirkten um die Augen herum plötzlich etwas müde, aber sie strahlten eine große Zufriedenheit aus. Vor allem hätten sie glatt noch weiter singen können. Ein sechster Block wäre das geringste Problem gewesen, wahrscheinlich wären sie singend durchgeflogen. Der ganze Abend war zeitlich irgendwie undefinierbar gewesen und besonders der letzte Block war Stück für Stück durchgelaufen. Was für eine Nacht! Die Totalnacht 2006 war geschafft.





























Beim Afterglow war noch richtig viel los, und die Wise Guys taten mir eigentlich schon leid, wie sie als Mittelpunkt von großen Gruppen Autogramme schreiben mussten und eigentlich gemütlichen Feierabend verdient hätten. Nette Gespräche bei einem Kölsch und etwas Entspannung wären ihnen vermutlich lieber gewesen, als im Akkord Unterschriften zu geben, aber wenigstens waren sie so wach und gut drauf, dass sie das einfach mitmachten. Das war dann auch IHR Dankeschön an die Fans, das sie vorher nur besungen hatten.


Ein wunderschöner Abend!



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