Samstag, 20. Dezember 2008
Die WISE GUYS in der Gruga-Halle, Essen  - Teil 1

WEGEN DER VIELEN BILDER IN ZWEI TEILE AUFGETEILT.
TEIL 2 HIER

Es war unglaublich. Ich saß im noch leeren Zuschauerraum der Gruga-Halle, sah zu, wie die Scheinwerfer eingerichtet und die Leinwände aufgebaut wurden, und alles war wie immer. Aber ich wusste, dass dieses Konzert das Abschiedskonzert von Clemens sein würde. Nicht, dass es mich überraschte, ich wusste es seit Monaten, aber ich saß an diesem Nachmittag plötzlich sehr verwundert da, weil ich es einfach nicht glauben konnte. Seit mehr als zehn Jahren gehörten die Wise Guys zu meinem Leben und immer war Clemens ein Teil davon gewesen. Ich spürte ganz deutlich, dass eine wichtige Zeit an diesem Abend zuende ging. Es ging anders weiter und das war auch in Ordnung, aber die Wise Guys in ihrer langjährigen, vertrauten Besetzung erlebte ich in dieser selbstverständlichen Form zum letzten Mal. Ich saß da, alles um mich herum war wie immer, und ich dachte ungläubig lächelnd, dass es einfach nicht wahr sein konnte.


Ehe ich zu wehmütig wurde, lieh mir ein Techniker seinen kleinen Klapproller aus, damit ich den in der großen Halle mal ausprobieren konnte. Ich flitzte durch die Gänge, sprang immer wieder waghalsig während der Fahrt ab, weil ich nicht richtig lenken konnte und ansonsten vermutlich in die Stuhlreihen gerauscht wäre, und genoß die Geschwindigkeit und den Fahrtwind, die mir meine Abschiedsgedanken aus dem Kopf wehten. Reinhard saß am Tonmischpult und ermahnte mich mehrfach wie ein genervter Vater: “Hör mal lieber auf! Wenn du dir ein Bein brichst, haben wir nichts davon”, aber wie ein unartiges Kind lachte ich: “Es macht Spaß!” und fuhr noch schneller. Das Risiko, voll in ein Hindernis zu semmeln und mich tatsächlich ernsthaft zu verletzen, war da, aber es war mir egal. Wenn Clemens sein letztes Konzert sang, konnte ich mir auch ein Bein brechen. Ich hatte alle meine Sachen vorbereitet, die Einspielfilme waren abspielbereit, und das Konzert würde auch ohne mich laufen. Im Übrigen war es ja nicht nur mein letztes Konzert mit Clemens, sondern auch Clemens’ letztes Konzert mit mir. Allerdings nahm ich an, dass ihm das nicht so bewußt war.

Die Wise Guys hatten im Vorfeld versucht, ein möglichst normales Konzert zu planen, bei dem Clemens nur ein wenig mehr als sonst im Mittelpunkt stand, weil er an diesem letzten Abend eine Sonderrolle hatte. Es sollte einige Lieder geben, bei denen Clemens die Leadstimme sang, ein paar Extrafilmchen vor und nach dem Konzert, aber es sollte bloß keine rührselige Abschiedsshow werden. Und hoffentlich gab es keine großen Fanaktionen während des Konzertes, die meistens ganz lieb gemeint waren, aber den Fluß der Show auseinanderreißen konnten. Damit nicht alle Fans, die sich von Clemens persönlich verabschieden wollten, zwischendurch mit ihren Geschenken die Bühne stürmten, hatte er einen extralangen Afterglow versprochen und sich nach dem Konzert viel Zeit eingeplant.

Am späten Nachmittag trafen die Wise Guys in der Gruga-Halle ein, und alle sahen aus wie immer. Sogar Clemens. Aber natürlich war allen bewußt, dass es ein ungewöhnlicher Konzertabend war und mir kamen sie etwas ruhiger und dabei trotzdem aufmerksam vor. So wie man eben ist, wenn der Alltag abläuft, aber trotzdem ein besonderer Tag ist. Äußerlich lief alles ganz normal ab. Sachen in die Garderoben bringen, rumlaufen, rumsitzen, essen, Soundcheck machen.









Um 19 Uhr sollte der Einlaß beginnen, was knapp war, weil schon 10 Minuten später das Filmvorprogramm anfangen sollte. Um kurz nach 19 Uhr standen die Wise Guys immer noch auf der Bühne und soundcheckten. Zum Glück nur noch kurz, so dass das Verlassen der Bühne, das Eintreffen der ersten Zuschauer im Saal und der Start des Filmprogrammes auf den Leinwänden fast unmittelbar nacheinander erfolgten.

Das Film-Vorprogramm war bewußt als Rückblick auf die letzten Jahre gewählt worden. Ein paar Clips, zwei Vorfilme von Spezialnächten und einige Szenen, die vorher noch nie gezeigt wurden. Für die langjährigen Fans waren es Erinnerungen, für neuere Fans ein Einblick in frühere Zeiten. Und wie mir bewußt wurde, nach diesem Abend plötzlich alles Geschichte, denn die Wise Guys würde es in dieser Zusammensetzung nicht mehr geben. Alle vorhandenen Clips, Filmeinspieler und Aufnahmen waren nach diesem Abend nicht mehr aktuell und wurden zu “früher, als Clemens noch dabei war”.

Für Interessierte hier das Video-Vorprogramm:
Video-Clip “Jetzt ist Sommer” (2001)
Video-Szenen “Tanzbrunnenkonzert” zum Lied “Showtime” (2001)
Spezialnacht-Vorfilm “Agenten” (2005)
Video-Clip “Ohrwurm” (2004)
Videoaufnahme “Paris” mit den Bremer Philharmonikern (2007)
Spezialnacht-Vorfilm “Professor” (2006)
Kurze Filmausschnitte von Liedern, bei denen Clemens die Leadstimme sang (2000-2006)
(Ich war noch nie bei RTL, Wie die Zeit vergeht, Liebe geht durch den Magen, Sonnencremeküsse, Griechischer Wein, Tut mir leid, Schlechte Zeiten, Kaiser Franz, Oh Handy, Verlieben verlor’n)
Video-Clip “Du bist dran” (2006)



Es gab noch etwa 10 Minuten programmfreie Verschnaufpause, dann wies die Stimme von Bordstewardess Biggi Wanninger aus dem Off und vom Band auf die Verhaltensregeln während des “Wise Guys Fluges” hin und wünschte viel Spaß. Das Publikum jubelte los, das Saallicht ging aus, und die mehr als 4000 Zuschauer in der schon lange ausverkauften Halle jubelten noch lauter auf und klatschten los.

Am Anfang wie immer Am Anfang. Ein rotes Licht auf dem Boden, drumherum sich bewegende, kaum zu erahnende Gestalten und dazu urzeitliches Gegrummel und kehliges Grunzen. Zu deuten wahrscheinlich als “die Entstehung des Seins vom glühenden Magma über erste menschenähnliche Wesen bis hin zur A-cappella-Gruppe”, oder so. Die Wise Guys erreichten ihren menschlichen Endzustand nach einigen Takten, es ward Licht, und zumindest Eddi sang klar und verständlich los, während im Background noch rhythmisch gegrunzt wurde. Manche brauchen eben etwas länger in der Entwicklung.



Zum ersten Refrain hatten sich dann alle gefunden, das Licht strahlte hell und das Publikum klatschte laut mit. An der Stelle “seid ihr mit dabei?” gab es den üblichen komplett ruhigen Takt mit fast erschreckender Stille, in den die Zuschauer ihr “Ja!” riefen, um danach noch kräftiger mitzuklatschten.


Die Wise Guys klatschten mit über den Köpfen erhobenen Armen, und Saris sowieso schon kurzes T-Shirt endete bei dieser Haltung oberhalb des Bauchnabels. Da im Gegenzug der Bund seiner Hose sehr tief saß, sah man viel schmalen, weißen Bauch. Zu viel. Ich fand, es sah nicht vorwiegend sexy, sondern vorwiegend “beim Waschen eingelaufen, der braucht dringend ein neues T-Shirt” aus. Da musste dringend Abhilfe geschaffen werden! Ich wollte gucken und “Wow!” denken und nicht “Ups!”.

Trotz des kurzen T-Shirts, bei manchen Besuchern vielleicht auch wegen, wurde am Ende laut gejubelt, und sofort ging es weiter mit Relativ.



Locker, leicht, und Clemens blieb im Hintergrund, so dass man fast vergessen konnte, was für ein Konzert das war. Dän erinnerte aber sofort wieder daran, als er nach dem Lied sprach: “Es ist das Ende einer Ära, meine Damen und Herren”, und ich wette, dass fast alle Augen in diesem Moment auf Clemens gingen, der lächelnd in der Bühnenmitte stand. “Wir haben fast 14 Jahre in dieser Besetzung gesungen, damals war Helmut Kohl noch Bundeskanzler.” Es gab Lacher im Publikum und ich dachte: “Kohl? Ich will doch nichts von Kohl hören”, da fügte Dän sofort an: “Wir begrüßen Sie zum Abschiedskonzert von Clemens!” Das war es.


Der Satz löste natürlich einen gewaltigen Applaus mit Pfiffen und Geschrei aus, der sich unerwartet fröhlich anhörte. Aber wie sollte man auch gleichzeitig ausdrücken: “Wie schade, dass du gehst” und “Danke für die letzten Jahre mit dir”, ohne dafür Worte zu benutzen? Dass jetzt auf die Ankündigung hin, dass es das letzte Konzert mit Clemens war, so ein Jubelsturm begann, hätten uninformierte Anwesende auch als Freude und Erleichterung interpretieren können. Als “gut, dass er weg ist”, aber wer war an diesem Abend schon anwesend und dabei völlig uninformiert?


Der Applaus dauerte sehr lange und Dän versuchte mehrfach vergeblich zu unterbrechen. “Der Abend ist noch lang”, hörte man ihn beschwichtigend sagen, und ich vermute, er rechnete durch, WIE lang er werden würde, wenn nach jeder Erwähnung von Clemens ein extralanger Applaus beginnen würde. Als es etwas leiser wurde, meinte er fürsorglich: “Es wird noch genug Gelegenheit geben, Clemens heute zu beklatschen, also teilen Sie sich Ihre Kräfte ein bisschen ein!” Kaum sprach er weiter: “Wir haben heute abend ein paar mehr Hauptstimmen für Clemens eingebaut“, ging das Gejubel schon wieder los. Dän sagte etwas frustriert: “Ja ...” und blickte demonstrativ auf seine Uhr, während Clemens still grinste und Sari freudig lachte.


Dän betonte endlich: “Wir wollen auf jeden Fall ein Konzert machen, das Spaß macht. Es wird am Ende noch traurig genug.” Seine Stimme wurde dunkler, ernster und feierlich: “Und wir wollen auch im Sinne von Clemens dieses Konzert machen. Wir wollen es so machen, wie er es sich gewünscht hätte.” Es blieb eine Sekunde lang still, dann platzte das Publikum los, Clemens prustete völlig überrascht ebenfalls los und guckte fast empört, aber doch lachend, und Eddi klappte fröhlich lachend nach vorne.



Dän redete selber grinsend, aber doch salbungsvoll weiter: “Und wir sind uns sicher: Er hätte ein fröhliches Konzert gewollt”, woraufhin es lautes Gelächter und Applaus gab. Was für eine schöne Ansage! Genau richtig, um die herumwabbernde Schwermut aufzugreifen und lachend wegzuhauen.

An diesem Abend würden sie ein Konzert machen, bei dem sie auf Instrumente verzichten würden, erklärte Dän. Außer bei zwei Liedern, fiel ihm ein. Bei einem würden sie Rhythmusinstrumente haben, bei einem anderen würde Ferenc solistisch ein Rhythmusinstrument benutzen, das man “Ei” nennt. Dän war in Fahrt und erklärte ausführlicher. “Es heißt Ei, weil es die Größe und Form und das äußere Antlitz eines Eis hat. Das ist so ein ... Ei ... wo so trockener Reis drin ist, und Ferenc wird es als Rhythmusgerät einsetzen in der zweiten Hälfte. Wir werden es vorher noch entsprechend ansagen.” Das Publikum dachte “Häh?” und lachte verwirrt, aber amüsiert los.

Dän erklärte, dass sie den Begriff ‘a-cappella’ aus ihrem Sprachgebrauch gestrichen hätten, weil es altmodisch und hausbacken klingen würde. “Die Wise Guys machen ab sofort kein A-cappella mehr, wir machen Vocal-Pop.” Er korrigierte, dass es natürlich nicht englisch ausgesprochen würde, wie “Woukel-Popp”, sondern deutsch als “Vokaaaal-Popp”. Schließlich würden sie ja auch deutsche Texte machen. Sie hätten lange geschwankt zwischen “Vokaaaal-Pop” und “Oral-Musik”, - das Publikum lachte laut los - und Dän grinste: “Ich glaube wir haben uns richtig entschieden.”

Es ging gleich oralig los mit Mädchen, lach doch mal, einem Klassiker und Hauptstimmen-Lied mit Clemens. Das Publikum ging sofort mit, was es bei diesem Lied sowieso immer tat. Es war ein Programmpunkt, bei dem nichts zu verlieren war.


Dän hatte bei seiner vorherigen Ansage etwas vergessen und schob es nun nach: “Die Wise Guys machen weiter im neuen Jahr! Wir haben einen neuen Mann gefunden, er heißt Nils Olfert, kommt aus Kiel und wird sich heute abend hier vorstellen.” Die Zuschauer klatschten freudig los. Dän grinste: “Es haben viele Leute bedauert, dass Clemens aufhört, aber es gab auch einige Zuschriften von Leuten, die sich freuten, dass wir vier weitermachen. Darüber haben wir uns sehr gefreut.” Er sprach davon, dass Nils musikalisch sehr gut passen würde und er sich jetzt ins Gefüge der vier anderen Wise Guys einpassen müsse. “Das hat ja gewisse menschliche Mechanismen, die seit 87 Jahren greifen. Da muss er sich zurechtfinden. Möglicherweise wird das folgende Lied in den ersten Wochen und Monaten seine Hymne. Wir wollen es ihm nicht wünschen, aber es könnte sein, dass er gelegentlich sagt: “Es ist nicht immer leicht, ich zu sein.” Dän sagte es so ehrlich und ruhig, dass der Zuschauerapplaus leise und fast nachdenklich klang. Ja, die schwierige Zeit würde erst kommen. Es war wichtig, dass es menschlich passte, damit die Gruppe sich als Einheit fühlte. Das würde sich aber erst nach den ersten Touren zeigen. Erst wenn man sich in der ständigen Nähe mal richtig auf den Nerv gegangen war, konnte man wissen, ob man das auf Dauer aushalten konnte.



Es ist nicht immer leicht war locker und flockig, und am Ende stellte Sari szenisch kurz jeden seiner Kollegen dar. Dän groß, Ferenc mit hochgezogenen Schultern und ruhigen Bewegungen und Eddi zappelnd. Der Letzte in der Reihe war Clemens. Sari verzog leidend das Gesicht, und ich dachte sofort daran, dass er demnächst etwas anderes an dieser Stelle zeigen musste.


Der Gedanke, dass es das letzte Konzert mit Clemens war, kam bei mir immer wieder durch. Dabei war es gar nicht das letzte Konzert mit ihm. Wegen einer kurzfristigen Krankheit war nämlich im Herbst ein Wise Guys Konzert in Heidelberg ausgefallen und wurde nun im Januar 2009 nachgeholt. Mit Clemens. Eine Idee, die ich von Anfang an total blöd fand. Schluß ist Schluß. Für mich persönlich war Essen zwar tatsächlich das Abschiedskonzert von Clemens, aber das Wissen, dass er doch nochmal auftreten und ganz normal das komplette Programm singen würde, beeinträchtigte den Abschiedsgedanken schon stark. Und es machte es nicht leichter, sondern unbefriedigender. Im Januar, nach den ersten Konzerten mit Nils, dann doch wieder eins mit Clemens zu machen, fand ich einfach unpassend. Es wäre runder und schöner gewesen, in Essen eine richtige Abschiedsvorstellung zu haben. Leute, die nach Heidelberg ins Konzert gingen, sahen das vielleicht anders, aber auch die verpassten die neuen Lieder, die mit Nils schon im Programm waren und fanden das dann vermutlich auch nicht alle gut.

Sari machte also in Essen beim Abschiedskonzert zum letzten Mal Clemens nach, musste sich dann für Nils was Neues ausdenken und würde in drei Wochen Clemens zum ALLERletzten Mal nachmachen. Warum ein klarer und konsequenter Schlußstrich, wenn es auch umständlich ging?


Die traditionelle Zuschauerbefragung war dran, und es waren einige, aber nicht sehr viele Zuschauer zum ersten Mal bei einem Wise Guys Konzert. Ein paar davon hatten vorher nichts von den Wise Guys gehört und nicht gewußt, was konzertmäßig auf sie zukommen würde. Dän freute sich: “Diese Leute kannten Clemens noch nicht so richtig. Für euch ist es also auch nicht so schlimm, dass er aufhört.” Es gab schallendes Gelächter. Er blickte in die ziemlich große Halle, deren hintere Ränge noch durch einen breiten Gang vom Innenteil getrennt waren und dadurch weit weg lagen. “Wer hat letztes Jahr hinten oben gesessen und ist trotzdem wiedergekommen?” Das waren recht viele, aber bei diesem Konzert gab es wenigstens Leinwände, die ihnen die Wise Guys vergrößerten. Dän wies darauf hin, dass sie über die Leinwände alle Emotionen sehen konnten, und die Zuschauer dankten mit lautem Gejubel.


“Wer von Ihnen - das gilt für Männer und Frauen - war in den letzten Jahren heimlich ein wenig in Clemens verknallt?” Großes Gelächter antwortete, aber nur wenige Arme machten Bewegungen. Die konnten jedoch auch als Nasekratzen oder Strähne-aus-dem-Gesicht-wischen gedeutet werden. Enttäuscht wunderte sich Dän: “So wenig? Da hätte ich ein bisschen mehr erwartet.” Ich wunderte mich nicht, denn wer zeigte schon auf und meinte das ernsthaft, wenn der Partner oder die Partnerin daneben saß? Und das jetzt, wo Clemens bald weg war und ein Geständnis sowieso keinen Erfolg mehr haben konnte! Dän fragte nach: “Wer hat sich gerade nur nicht getraut aufzuzeigen?” Das Gelächter wurde noch größer und sofort reckten sich sehr viele Arme hoch. Na also, ging doch.

Nach frei ausgesuchten Kriterien sollte einer der Wise Guys eine CD verschenken, ein Programmpunkt, der seit einigen Monaten dabei war. Dän schwenkte im letzten Moment von Eddi auf Clemens um, und der sprach zum ersten Mal an diesem Abend zu seinem Publikum. Es ging aber nicht um Abschied, sondern um die Altersspanne der Besucher. Clemens suchte einen Besucher, der mit einem anderen Besucher dort war, mit dem er mit einer Differenz von mindestens 60 Jahren verwandt war. Da hieß es schnell nachrechnen. Es war zwar gut, dass dazu keine Funktionen oder irgendwelche mathematischen Kreisberechnungen erforderlich waren, aber mir war auch in den Grundrechenarten schnell klar, dass ich nicht 60 Jahre älter als meine Kinder war und damit keine Chance auf den Gewinn hatte. Zu schade. Es zeigten aber mehrere Armgruppen im Saal auf, manche noch etwas zögernd, weil vermutlich nochmal nachgerechnet wurde. Die schnellste Gruppe, oder die, die Clemens am deutlichsten im Sichtfeld lag, gewann mit der Angabe von 12 und 74 Jahren und der Enkel kam nach vorne und holte die signierte CD ab.


Passend für die Gruppen, die zu lange nachgerechnet hatten, kam Das wär’s gewesen, ein Lied über verpasste Gelegenheiten. Auch eines der Lieder, das wunderbar zu Clemens’ klarer Stimme passte und das er mit seiner Persönlichkeit geprägt hatte. Schön ruhig, es war wenig los auf der Bühne und darum war das Lied im oft schnellen, bunten und wild bewegten Programm ein der Seele nahegehender Ruhepunkt. Obwohl der Begriff Ruhepunkt da falsch ist. Ein Emotionspunkt wäre vielleicht das passendere Wort. Auf jeden Fall war’s sehr schön.


Es gab sehr lange lauten und stabilen Applaus, bis Clemens das Wort ergriff. Er wies darauf hin, dass es nicht das einzige emotionale Lied des Abends bleiben würde und erklärte: “Wenn ich mir die Gesichter in den ersten Reihen angucke, muss ich sagen: Es ist nicht so, dass ich Ende des Jahres sterbe.” Eine Ansage, die er bei den vergangenen Konzerten angesichts der Gesichter in den ersten Reihen öfter gemacht hatte, die aber für einige Essenbesucher hörbar neu war.

Um den Zuschauern die Thematik des nächsten Liedes zu erklären, damit sie dem Inhalt überhaupt folgen konnten, begann er: “Es ist nämlich so”, was die ersten Lacher auslöste, weil er eine “Hier- werd- ich- jetzt- stehenbleiben- und- erklären- Position einnahm, die auf eine etwas längere Anmoderation schließen ließ. “Im Inneren der Sonne”, ging es los, und dann ging es um Wasserstoffatome, Isotope, Deuterium, Tricium und Einstein.


Es gab schon während der Erklärung einige laute Einzellacher, bei denen ich nicht wusste, ob es Physiker waren, die Clemens Erläuterungen als völlig blödsinnig erkannten, oder ob sie als Nichtphysiker so beeindruckt waren, wie der Großteil der Anwesenden. Vielleicht mussten sie ihr Nichtwissen auch durch lautes Lachen kompensieren. Von daher gesehen, hätte ich auch laut lachen müssen. Sogar extralaut. Aber ich hielt mich zurück und glaubte einfach vorbehaltslos alles, was Clemens zum Sonnenschein erzählte. Jedes Nachfragen hätte die Erklärung außerdem noch länger gemacht und noch mehr seltsame Begriffe ausgelöst.

Nachdem der Begriff ‘Sonnenschein’ von Clemens gründlich erklärt war und der Gesang begann, zeigte sich, dass das Lied Sonnenschein auch ohne Einstein und Wasserstoff sofort zu verstehen war. Physiker sahen manches einfach zu kompliziert. Ob da von Nils, als studiertem Biologen, Ähnliches zu erwarten war? Der konnte sicher mit Photosynthese und passender Biochemie ankommen. Na, mal abwarten. Eddi und Dän bemühten sich, die Zuschauer beim “Juhu!” zu Mitsingern zu machen und schafften es nach einiger Anstrengung. Nicht toll, aber zufriedenstellend. 



Ohne weitere Ansage ging es mit Jetzt und Hier weiter, bei dem die meisten Zuschauer sofort in den ersten Takten aufsprangen und mitklatschten. Die hinteren Zuschauer standen eher auf, weil sie sonst kaum noch was sahen, aber vielleicht auch, weil es mitreißend war.




Die Textzeile “Egal ob das so bleibt, oder auseinandertreibt, es zählt jetzt nur, dass wir zusammen sind” hatte an diesem Abend eine ganz besondere Bedeutung. Ebenso das gemeinsame Hochreißen der Arme beim letzten Ton, das ein ganz symbolisches Bild war, vom Lichttechniker aber durch sofortiges Verlöschen des Lichtes ausradiert wurde, ehe es sich in die Netzhaut graben konnte. Schade. Zwei Sekunden lang einen Blick auf die Abschlußpose zu haben, wäre schon schön gewesen. Die Zuschauer jubelten trotzdem laut.


Noch während des Applauses holten vier Wise Guys ihre auf der Bühne hinter Monitoren und auf Tischen hinterlegten Rhythmusinstrumente und rasselten und rappelten los. Ferenc mit dem “Ei”, das aber nicht gesondert angekündigt wurde. Meine heiße Liebe war dran, wieder ein Hauptstimmenlied von Clemens und auch einer der beliebten Klassiker. Noch im Intro freute sich das Publikum lautstark und wurde erst leise, als Clemens zu singen begann.


Im Verlauf des Liedes begann Sari mit tänzerischen Bewegungen, die früher immer sensationell geschmeidig ausgesehen hatten. Diesmal nur geschmeidig, ohne sensationell zu sein. Warum?, fragte ich mich. Hat er früher wilder getanzt oder war das heute einfach nicht mehr so sensationell, weil die gesamte Bühnenshow viel bewegungsreicher geworden war? Sein Hüft- und Schulterzucken entlockte mir ein nettes Grinsen, aber ich war weit von einer Ohnmacht entfernt. Ehe ich diese schwerwiegende Frage auch nur richtig durchdenken konnte, was das Lied beendet und wurde wild beklatscht und bejubelt. Allerdings nicht nur wegen Sari, sondern auch wegen Clemens und weil es der beliebte Klassiker war.


Dän erzählte, dass auf den vielen Reisen das Kennenlernen von Städten sehr schön, die langen Fahrten aber oft anstrengend seien. Ferenc säße fast immer am Steuer, mit ganz wenigen Ausnahmen. Die Zuschauer klatschten, und Ferenc lächelte geschmeichelt. Dän ergänzte: “Einfach aus dem Grunde, dass er es nicht so gut haben kann, wenn jemand anderes am Steuer sitzt”. Die Zuschauaer lachten laut. Dän beurteilte: “Ein sehr guter Fahrer, ein mittelmäßiger Beifahrer”, woraufhin auch Ferenc loslachen musste. Dann verriet Dän, dass Ferenc sich letztens dagegen gewehrt habe, dass Clemens auf dem Beifahrersitz sitzt, weil der ihn langweile. Das Publikum lachte mit empörtem Unterton los, aber ich dachte an Einstein und die Isotope und wusste, was Ferenc meinte. Was nützte es, am Ende der Fahrt alles über die chemische Zusammensetzung der Sonne und die Entstehung ihrer Wärme zu wissen, aber von diesem Wissen völlig erschlagen zu sein?

Dän plauderte darüber, dass Ferenc und Clemens beide aufs Land gezogen seien und das Landleben sie in den letzten Jahren irgendwie geeint hätte. Und weil er gerade interne Sachen ausplauderte, machte er gleich weiter und erzählte, dass Clemens nicht Beifahrer sein durfte, obwohl vorne eine Sitzheizung war und es Clemens im Auto immer so leicht kalt wurde. Clemens schüttelte ungläubig lachend den Kopf und die anderen wunderten sich ebenfalls über diese Erzählfreudigkeit und lachten.



Dän machte zum Vergnügen des Publikums immer noch weiter: “Er sitzt dann mit seiner roten Jacke meistens hinten und meckert so’n bisschen rum.” Spätestens jetzt hatte jeder im Publikum das Bild vor Augen, wie Ferenc im Van am Steuer saß und hinten in der Ecke Clemens mit dicker, roter Jacke saß, die Unterlippe beleidigt vorgeschoben hatte und vor sich hin grummelte. “Aber ich schweife ab”, unterbrach sich Dän an dieser Stelle. Leider.

Das nächste Lied handelte von einem anderen Gefährt, und in der Hauptrolle war Ferenc als Seemann. Ich mochte das Lied und dazu das Licht, das blau rieselte und an eine Unterwasserszene erinnerte. Käpt’n Nemo auf dem Meeresgrund. Dazu Freddy Quinn in Bassstimme und schmalzige Theatralik. Ach, ich liebe so was.



Für die Kameras und die Übertragung auf die Leinwand war das Licht zu schwach, weil nur Ferenc hell beleuchtet war, aber damit musste man im Livekonzert eben leben. Blau rieselndes Licht erleben, Ferenc sehen und den Rest erahnen. Es wurde am Ende jubelnd geklatscht und Dän rief: “Unser neuer Bass: Ferenc Husta!” Es stimmte schon, Ferenc war der letzte Neuzugang gewesen, damals, als die Wise Guys entschieden hatten, das Singen zum Beruf zu machen. Zum Glück würde ab jetzt Nils der “Neue” sein und Ferenc hoffentlich endlich in die Reihe der altbewährten Wise Guys aufsteigen.

“Es gibt heute auch gute Nachrichten”, verkündete Dän und rief laut: “Ferenc ist auch im nächsten Jahr noch mit dabei!!”, was eine unerwartete Ankündigung war, die trotzdem mit Begeisterung aufgenommen wurde. “Und er ist dann nur noch der Zweitneueste”, ergänzte Dän, und machte damit meine Hoffnungen auf eine volle Anerkennungs-Stelle für Ferenc zunichte.



Jeden Samstag war das nächste Lied, bei dem Clemens auch die Leadstimme hatte, das bei mir aber nicht zum Klassiker wurde. Das war mir trotz recht lässiger Reggaebegleitung nicht lässig genug und mit der Einteilung in Geflügel und Neandertaler inhaltlich zu einfach gehalten. Mir fehlte da der feine Humor. Vielleicht fühlte ich mich aber nur erkannt. War aber meine eigene Sache, viele Fans sahen das ganz anders und fanden das Lied toll. 



Noch im Applaus ging das Licht aus und aus dem Dunkel hörte man zuerst kurz die Stimmpfeife und dann Eddi, der mit Ruf doch mal an begann. Das war das Zeichen für die Zuschauer, von den Sitzen zu springen. Sie sangen und klatschen zum Teil mit, aber erstaunlicherweise sprangen am Schluß nur wenige im Hüpfsprung der Wise Guys. Da hatte ich mehr erwartet. Vielleicht lag es an der großen, etwas unpersönlichen Grugahalle. Oder am Abschiedsschmerz. Oder an der Verwunderung, weil es ein Abschiedskonzert war, das bisher aber keinen Grund zum Weinen geboten hatte.





Das konnte jetzt anders werden. Clemens kam an den Bühnenrand und sagte: “Ich werde oft gefragt, was ich vermissen werde oder an was ich mich besonders gerne erinnern werde.” Die Zuschauer warteten gespannt und blieben ganz still. Aber dann erzählte Clemens über die Misereor-Reise nach Indien und das dortige Hilfsprojekt für die Straßenkinder. Das war wichtig und schön, aber zu erfahren, was er aus seiner Wise Guys Zeit am meisten vermissen würde, wäre an diesem Abend doch interessanter gewesen.


Dän übernahm, wies auf den Artikelstand im Foyer und dort besonders auf die neuen Frühstücksbrettchen hin und kam dann zu einer Anekdote. “Am Tag eines Abschiedes blickt man zurück, und mir fällt immer wieder ein Sommerurlaub ein. Es gab Zeiten, in denen wir nicht 120 Konzerte im Jahr hatten, sondern ...”, er lachte, “... gar keine, und in dieser Zeit haben wir zusammen Urlaub gemacht. Manchmal sogar alle.” Er blickte sich um und sagte: “Ferenc war damals noch nicht da. Also der war schon da, aber ...” Dän wedelte unbestimmt zur Seite, “... da irgendwo.”



“Und wir vier waren in Finnland. Eines Tages fiel mir beim Schwimmen auf, dass die obere Wasserfläche wärmer als die untere war. Ich wollte von unseren beiden Physikern Sari und Clemens wissen, ob diese obere, wärmere Wasserschicht einen besser trägt, als das kalte Wasser.” Dän zählte ausführlich auf, wie er nach 5 Minuten für ihn unverständlicher Diskussion den Raum verlassen hatte, in die Sauna ging, Lagerfeuer machte, schwimmen ging, eine Runde schlief, und beim Zurückkommen seine Kollegen immer noch in derselben physikalischen Diskussion vorfand. “Das Ganze hat mehr mit dem folgenden Lied zu tun, als Sie glauben”, versprach er.

Und das stimmte, denn es ging um wissenschaftliche Erklärungen dort, wo sie nicht nötig sind. Bei der Romanze war es gleichzeitig romantisch und schön und doch ganz unromantisch. Wieder eines der ruhigen Clemenslieder, das man ihm zudem nach seiner Sonnenschein-Erklärung auch inhaltlich komplett abnahm. Seltsamerweise hatte es Dän geschrieben, aber sicher in Erinnerung an das Problem des unterschiedlich temperierten Wassers eines finnischen Sees.




Im großen Endjubel stellten sich die Wise Guys kurz an den Bühnenrand, nickten leicht mit den Köpfen und gingen zur Seite ab. Pause. Der erste Teil des Konzertes war störungsfrei und ohne bemerkbare Heulkrämpfe im Publikum geschafft. Eigentlich war es schon fast zu normal.


Am Anfang
Relativ
Mädchen lach doch mal
Leicht
Das wär’s gewesen
Sonnenschein
Jetzt und Hier
Meine heiße Liebe
Seemann
Jeden Samstag
Ruf doch mal an
Romanze


Langsam
Die ersten warmen Tage
Moin
Angels
Wo der Pfeffer wächst
Quäl dich fit
Paris
Alles in die Luft
Nur für dich
Sing mal wieder
Oh come all Ye faithful
Schunkeln
Schiller     
Jetzt ist Sommer
Ohrwurm
Wir hatten eine gute Zeit



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